Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 8


Ganz einerlei war es Raimon nicht, Sally von seiner Vergangenheit zu erzählen. Auch wenn es schon lange her war, dass seine Frau und seine Kinder gestorben waren, schmerzte es ihn noch immer. Daher zögerte er ein wenig. Doch er musste auch zugeben, dass er seine Trauer im Laufe der Zeit nahezu überwunden hatte.

Seit Sally bei ihm eingezogen war, hatte er eigentlich nur noch sehr selten an seine verstorbenen Liebsten denken müssen. Erst als sie gezwungen wurden, Hals über Kopf aus Exeter zu fliehen und er die Idee mit der Verkleidung hatte, bohrte sich der Schmerz des Verlustes erneut tief in sein Fleisch. Sally in den Kleidern seines Sohnes zu sehen, war für ihn schlimmer als jede noch so grausame Tortur, die er bei seinen Delinquenten auf Geheiß der Obrigkeit durchführen musste. Aber um die Frau vor Rodney und seinen zwielichtigen Kumpanen zu retten, tat er alles ihm Mögliche.

Sally bemerkte Raimons Zaudern. Sie griff über den Tisch hinweg nach seinen Händen. „Es fällt dir schwer, darüber zu sprechen“, sagte sie zu dem Scharfrichter, der darauf nur nickte. „Du musst nicht, wenn es dich zu sehr schmerzt“, bot Sally ihm an. „Erzähle es mir irgendwann. Ich kann warten.“

„Nein, lass mal gut sein“, wehrte Raimon ab. „Du solltest sowieso davon erfahren. Warum also nicht jetzt?“

„Wie du meinst. Ich will dich nicht daran hintern. Ich höre dir gerne zu. Aber sag bitte, wenn es dir zu viel wird. Ich möchte nicht, dass du leidest“, erwiderte Sally. Sie lehnte sich zurück und sah den Henker erwartungsvoll an.

„Wie du weißt, bin ich Witwer“, begann Raimon nun ohne Umschweife, nachdem er Sally gebeten hatte, ihn möglichst nicht zu unterbrechen. „Meine Frau war mein Ein und Alles. Ich liebte sie sehr, obwohl unsere Ehe anfangs unter keinem besonders guten Stern stand. Ihre Eltern waren gegen eine Heirat. Sie wollten ihre Tochter lieber mit einem Mann vermählen, der in ihren Augen standesgemäßer war. Ich war ja nur ein Henker, ein Mensch auf der untersten Stufe der Stände der Stadt Exeter.

Dabei waren sie auch nur einfache Weber. Die Mutter meiner Gemahlin arbeitete als Dirne, bevor sie Margareths Vater heiratete. Gerade sie gebärdete sich wie eine Wilde, als wir ihr gestanden, dass wir uns liebten und heiraten wollten. Dabei gehörte sie vor langer Zeit selbst dem untersten Stand an, übte sogar einen unehrenhaften Beruf aus, genauso wie ich. Sie tat es, weil sie es wollte. Ich dagegen rutschte ohne es zu wollen hinein.“

Sally bemerkte an Raimons Tonfall, wie sehr er sich anstrengen musste, ihr alles zu erzählen. Als sie ihm erneut sagen wollte, dass er nicht weiter berichten müsste, winkte er nur ab.

„Margareth und ich waren auf uns allein gestellt. Meine Mutter und ihr zweiter Ehemann lebten hier in Dover, meine Großeltern waren längst verstorben. Sie hatte mir das Haus vererbt, in dem du Zuflucht gefunden hast. Margareths Eltern taten alles, um ihre Tochter zurück zu holen und sie mit einem anderen Mann zu vermählen. Ihre Tochter blieb aber standhaft und ließ auch die Drohungen, die die Eltern ausstießen, an sich abprallen. Erst nachdem wir geheiratet hatten und Margareth mit Bilke schwanger war, gaben sie auf. Wer wollte schon eine Frau, die das Balg eines Henkers austrug.

Bilke kam gesund und munter zur Welt, Margareth überstand die Geburt bestens und erholte sich schnell davon. Zwei Jahre später folgte Gideon, genau so gesund und munter wie unsere Tochter. Die Kinder wuchsen und gediehen prächtig. Nur über eins waren wir sehr unglücklich: Margareth wurde nie wieder schwanger. Als Gideon zehn Jahre alt war, gaben wir es auf, auf weiteren Nachwuchs zu hoffen. Die ganzen Jahre waren meine Frau und ich glücklich.

Bis zu dem Tag, an dem meine Gemahlin erkrankte. Als Scharfrichter hatte ich Kenntnisse über Krankheiten und deren Behandlung. Margareth klagte bereits einige Tage über Müdigkeit und Appetitlosigkeit. Nachts schwitzte sie so stark, dass sie ihr Nachtgewand mehrmals wechseln musste. Anfangs nahmen wir an, es handele sich nur um eine vorübergehende Unpässlichkeit und hofften sogar, dass sie endlich in anderen Umständen war. Aber da irrten wir uns gewaltig. Als dann Husten dazu kam und wenig später blutiger Auswurf, war mir klar, dass Margareth unter Schwindsucht litt.