Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 9


Sally dachte, sie hört nicht richtig. Raimon wollte ihre Stiefmutter einer Straftat überführen. Nahm er womöglich an, sie wäre für den Tod ihres Vaters verantwortlich? Oder auch für ihre Entführung? Obwohl sie es Lilith zumutete, glaubte sie nicht, dass sie ihre Hände im Spiel hatte.

„Ach, Sally, sei nicht so blauäugig“, sagte der Henker auf ihre nochmalige Nachfrage. „Alles, was du mir bisher über Lilith erzählt hast, lässt mich sie als Grund allen Übels erkennen. Natürlich werde ich noch Befragungen durchführen, ehe ich mir ein endgültiges Urteil bilde.“

„Meinst du, das klappt?“, wollte Sally wissen.

„Natürlich“, erwiderte Raimon. „Solche Untaten kann man nicht ungestraft lassen. Aber vorher erledigen wir hier unsere Angelegenheiten. Danach heiraten wir und erst dann kümmern wir uns um Lilith. Einverstanden?“

„Alles, was du willst! Ich richte mich nach dir.“

„Liebes, sprich bitte nie wieder so! Wir werden gleichberechtigte Partner sein. Du wirst genau so ein Mitspracherecht haben wie ich. So haben mich meine Großeltern erzogen. Genau dies werde ich an dich und unsere Kinder weitergeben.“

Sally konnte nur erstaunt schauen. Seit wann waren Mann und Frau gleichberechtigt? Das hatte sie noch nie gehört. In ihrer Familie hatte immer nur ihre Stiefmutter das Sagen. Ihr Vater konnte sich nie gegen sie behaupten. Dabei wäre Adrian das Familienoberhaupt, nach dem sich alle zu richten und ihm zu gehorchen hätten. Exakt das hatte sie Raimon bereits erzählt.

„Lassen wir dieses Thema vorerst. Delmore und die Kinder sind erst einmal wichtiger“, sagte Raimon. „Es macht mich schon stutzig, dass hier noch niemand nach Hause gekommen ist. Delmore legte immer viel Wert darauf, gegen Mittag zu Hause zu sein. Er hatte auch stets seine Frau angewiesen, rechtzeitig das Mittagsmahl bereit zu haben. Ich denke, das hat er beibehalten, um den Kindern die Trennung von ihrer Mutter zu erleichtern. Er schrieb mir auch etwas von einer Frau, die täglich ins Haus kam und Essen für die Familie kochte. Die ist eigenartigerweise bisher auch noch nicht aufgetaucht.“

Raimon stand auf und lief mit großen Schritten hin und her. „Ich verstehe es nicht“, murmelte er dabei. Am Fenster blieb er stehen und schaute hinaus. Suchend blickte er die Gasse hinauf und hinab.

Plötzlich fiel Sally ein, dass sie, als Raimon auf dem Markt Einkäufe tätigte, in der Werkstatt gewesen war. „Du sagtest doch, dein Bruder wäre Schustermeister“, begann sie, als der Henker sich vom Fenster zurückzog und es schloss. „Ich war vorhin in seiner Werkstatt.“

„Was wolltest du dort? Delmore mag es nicht, wenn jemand unerlaubt sein Heiligtum betritt.“

„Mir fiel eine Tür auf, die wir übersehen hatten, als wir nach deiner Familie suchten. Ich war neugierig und öffnete sie. Plötzlich stand ich in der Werkstatt deines Bruders“, sprach Sally weiter. „Man könnte sie wirklich als Heiligtum bezeichnen. Sie ist penibel genau aufgeräumt. Alle Werkzeuge liegen in Reih und Glied. Nur eins finde ich sehr seltsam.“

„Sag schon! Was daran ist so seltsam, dass es dir aufgefallen ist?“, forderte Raimon sie auf, weiter zu sprechen.

„Es ist eigenartig, dass überall fast eine zentimeterdicke Staubschicht auf Werkzeug, ja sogar auf der Werkbank und allem anderen im Raum, liegt. Genau so war es hier unten. Nur oben war es nicht so schlimm wie hier. Mir kam es beinahe vor, als wäre das Haus bereits über längere Zeit unbewohnt. Wäre es anders, hätte ich Spuren gefunden, von Händen oder Füßen. Aber hier war gar nichts.“

„Das ist wahrlich sehr merkwürdig“, sagte Raimon und stürmte wortlos hinaus, um sich in der Werkstatt umzuschauen. Sally eilte hinterher.

Raimon riss fast die Tür aus den Angeln, so sehr zerrte er am Riegel. Krachend gab diese nach und gab den Eingang frei. Drinnen schaute er sich um und sah genau das, was Sally eben beschrieben hatte. Werkzeuge ordentlich in Reih und Glied, aber alles mit einer dicken Staubschicht bedeckt. „Sehr, sehr merkwürdig“, murmelte er immer wieder kopfschüttelnd. „Was mag hier nur geschehen sein? Ich sehe es auch so. Auf jeden Fall war hier wohl wirklich schon lange Zeit niemand mehr.“ Er nickte Sally zu. „Ich denke, du hast recht“, sagte er zu ihr. Mit hängenden Schultern schlurfte er dann wortlos hinaus, zurück in die Küche.

„Vielleicht wissen die Nachbarn etwas über Delmores Verbleib“, sagte Sally, nachdem sie sich neben Raimon an den Tisch gesetzt hatte.

„Klappern wir die einfach mal ab“, meinte dieser und wollte aufstehen. „Nehmen wir das am besten gleich in Angriff.“

Plötzlich klopfte es an die Vordertür. Sally und Raimon sahen sich erstaunt an.

„Wer mag das sein?“, fragte Sally.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Raimon. „Schauen wir nach.“ Damit verließ er die Küche. Während er zur Tür ging, klopfte es nochmals. Diesmal etwas lauter.