Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 10


Sally gab sich einen Ruck. So schlimm wie die Sache mit Delmore war, sie konnten jetzt nicht in der Trauer um Raimons Bruder versinken. Da waren noch die Kinder, die nun ohne Eltern auskommen mussten und im Waisenhaus garantiert nicht gut untergebracht waren. Sally hatte nicht nur einmal von den unmöglichen Zuständen in den Waisenhäusern gehört. Die Kleinen konnten nichts für ihre Eltern und deren Tun. Ihnen musste unbedingt geholfen werden.

„Wir sollten nun zum Rathaus gehen“, sagte Sally zu Raimon, nachdem sie in die Küche zurückgekehrt war. „Es muss noch so viel geklärt werden, ehe wir die Kinder zurückholen.“

„Was bringt mir das nun noch? Delmore ist tot!“, antwortete der Henker. „Ihm ist nicht mehr zu helfen! Er ist tot! Verstehst du?“ An seinen Worten war die Trauer herauszuhören die er um den Bruder verspürte. „Und wer ist schuld daran? Ha! Du weißt es nicht!“ Raimon spie seine Worte heraus, Sally direkt ins Gesicht.

„So beruhige dich doch. Dein Hass macht es auch nicht besser“, versuchte Sally Raimon zu beschwichtigen.

„Du hast gut reden! Du kanntest Delmore nicht. Er war immer ein guter Familienvater und Ehemann. Diese Hure Adra, die seine Gattin war, brachte ihm nur Unheil. Zuletzt sogar seinen Tod. Du hast doch auch gehört, was der Kerl von der Stadtwache erzählte. Und nun werden die Kinder ihren Vater nie wiedersehen.“

„Daran können wir nun auch nichts mehr ändern. Aber wir können den Kindern helfen. Wir werden für sie da sein, ihnen die Eltern ersetzen. Die armen Würmchen sind bestimmt ganz verstört und unglücklich in ihrer neuen Umgebung.“ In Sally kamen Muttergefühle auf, die sie vorher noch nie verspürt hatte. Die Kinder taten ihr leid. Sie konnten nichts für die Taten ihrer Eltern und doch mussten sie darunter leiden, womöglich ihr Leben lang. „Lass uns ins Rathaus gehen und danach ins Waisenhaus“, versuchte sie den Henker aus seiner Lethargie aufzurütteln. Sie griff nach ihrem Umhang, richtete sich die Frisur und wollte hinausgehen. „Nu komm schon“, forderte sie Raimon auf, der steif wie ein Stock am Tisch sitzen geblieben war. Da Raimon nicht reagierte, ging sie einfach hinaus und warf die Tür laut hinter sich zu.

Endlich raffte sich der Mann auf. Er folgte Sally, die bereits das Haus verlassen hatte und die Gasse hinauf ging. „So warte doch“, rief er ihr nach. Doch Sally hörte nicht. So blieb Raimon nichts anderes übrig, als schneller zu gehen, damit er zu seiner Liebsten aufschließen konnte. „Du hast ja recht“, sagte er schnaufend zu ihr, als er sie eingeholt hatte. „Es bringt nichts, in Lethargie zu versinken.“

„Es wird Zeit, dass du das einsiehst“, antwortete Sally. „Ich verstehe ja, dass du um deinen Bruder trauerst. Aber du kannst ihm nun nicht mehr helfen. Dafür seinen Kindern!“ Sally redete sich beinahe in Rage.

„Ich gebe ja zu, dass ich überreagiert habe in meiner Trauer. Verzeih mir bitte. Gehen wir und sehen, was wir noch tun können.“

Den restlichen Weg hatten sie geschwiegen, da jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Sie unterbrachen ihr Schweigen nur, um nach dem Weg zu fragen. Da sie sich in Dover nicht auskannten, mussten sich Sally und Raimon durchfragen, bis sie endlich vor dem Rathaus standen und beeindruckt an dem stattlichen Gebäude hinaufblickten.

Vor dem Eingang wurden sie von einem Wachmann aufgehalten. „Halt, wohin wollt Ihr? Was ist Euer Begehr?“, fragte er die beiden Ankömmlinge, während er ihnen den Zutritt versperrte.

Raimon wäre nicht Raimon, wenn er nicht auch hier seine sehr imposante und furchteinflößende Größe zur Einschüchterung seines Gegenübers nutzte. „Was hältst du uns auf?“, fuhr er den Wachmann an. „Der ehrenwerte Stadtrichter Watson erwartet uns bereits. Also halte uns gefälligst nicht auf!“

„Das könnte jeder Dahergelaufene behaupten“, entgegnete der Mann und versperrte mit seiner Pike weiterhin das Eingangstor.

„Du wagst es, uns als Dahergelaufene zu bezeichnen?“, regte sich der Henker auf. „Du weißt wohl nicht, wer wir sind?“

„Ihr habt Euch mir nicht vorgestellt“, konterte die Wache wortgewandt. Standhaft verteidigte der Mann seine Stellung.

Beherzt schob Sally Raimon beiseite. Sein Gezeter war nicht mehr zum Aushalten. „Guter Mann, so lasst uns doch durch. Wir wurden durch einen Eurer Kameraden beim Stadtrichter angemeldet“, sagte sie zu dem Wachmann. Genervt schob sie Raimon beiseite, der sich erneut einmischen wollte. „Lass mich das machen“, murmelte sie ihm zu.

„Solang Ihr nicht Euren Namen sagt, kommt Ihr hier nicht rein“, blieb der Wachmann standhaft. „Wir haben den Befehl erhalten, niemanden hereinzulassen, wenn derjenige nicht seinen Namen genannt hat.“

„Ihr werdet sehen, nichts ist leichter als das“, erwiderte Sally lächelnd. „Das ist Raimon, mein Gemahl“, sagte sie und zeigte auf den neben ihr stehenden Henker. Auch sie zog die Notlüge vor, um eventuell aufkommenden Fragen gegen zu wirken. „Mein Gemahl ist von Amts wegen der Henker von Exeter und Bruder des vor drei Wochen hingerichteten Schustermeisters. Delmore war sein Name. Ihr kanntet ihn ganz bestimmt.“

Der Wachmann wurde blass. Natürlich wusste er von der Hinrichtung des Schusters. Immerhin war er es, der den Delinquenten zum Galgen begleitete.

„Wenn es so ist“, sagte der Wachmann. „Dann folgt mir bitte.“ Ein Henker in seiner Nähe verursachte ein unangenehmes Gefühl in seiner Magengrube, das er möglichst schnell wieder loswerden wollte. Katzbuckelnd ließ er die Besucher eintreten. Wie ein Wiesel huschte er vor ihnen im Rathaus dem Kontor des Richters entgegen.

„Bemühe dich beim Stadtrichter um Benehmen“, flüsterte Sally dem neben ihr gehenden Raimon zu. „Mit ihm sollten wir es nicht verderben.“

„Ja, ja, schon gut“, knurrte Raimon. Sally konnte ihm ansehen, wie schwer es ihm fiel, ruhig zu bleiben.

„Hier ist es“, hörte er jetzt den Wachmann sagen, der sie mit einer Handbewegung aufforderte, zu warten. Nachdem der Kerl angeklopft hatte und eine herrisch klingende Stimme ihn aufforderte, einzutreten, verschwand er hinter der mächtigen, mit Schnitzereien verzierten Tür.

Obwohl sich Raimon die größte Mühe gab, konnte er kein Wort von dem verstehen, was im Kontor gesprochen wurde. Umso erschrockener war er, als die Tür plötzlich aufgerissen und sie aufgefordert wurden, einzutreten.