Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 11


Sally und Raimon mussten sich immer wieder nach dem städtischen Waisenhaus durchfragen. Leider erhielten sie oft genug eine falsche Wegbeschreibung, so dass sie ständig in die Irre liefen und zu guter Letzt gar nicht weiter wussten. Gerade eben standen sie an einem Brunnen und schauten sich suchend um. Hier musste es doch irgendwo sein.

„Guter Mann“, rief Raimon einem Bauern hinterher, der seine Kuh an einem Strick führte. „Wartet bitte mal.“

Der Bauer schaute sich um und erblickte Raimon, der nach ihm gerufen hatte. Langsam kam er näher. „Was wünscht Ihr, werter Herr“, fragte er. Der Kerl mit dem knallroten Hemd war ihm nicht ganz geheuer, auch dessen imposante Größe ließ ihn erschauern. Wenn das mal kein Henker war, der nach ihm rief.

„Guter Mann, wir suchen das städtische Waisenhaus. Leider sind wir bisher noch nicht fündig geworden“, erklärte Raimon dem Bauern.

„Da habt Ihr Glück“, erwiderte der Mann. „Mein Weg führt geradewegs dort vorbei. Wenn Ihr mir folgen mögt, tut es. Eure hübsche Begleitung natürlich auch.“ Gierig starrte er auf Sally, die sich diskret hinter Raimon hielt.

„Recht herzlichen Dank“, entgegnete der Scharfrichter, der den lechzenden Blick des Mannes bemerkt hatte. „Meine Gattin und ich suchen schon eine Weile. Aber immer wieder wurden wir in die Irre geführt. Dabei eilt es, dass wir dort ankommen.“

„Na dann, wenn es eilt, sollten wir gehen“, sagte der Kerl und schlurfte voran. Die Kuh trottete gemächlich hinterher. Sally und Raimon folgten ihnen im selben Tempo, obwohl ihnen die Zeit unter den Nägeln brannte.

Dass Sally die Ehefrau des Riesen war, behagte dem Bauern nicht. Mit der wäre er gerne mal im Heuschober verschwunden. Aber so besser nicht. Er mochte sich lieber nicht mit dem Kerl anlegen.

Der Weg zum Waisenhaus war kürzer, als sie angenommen hatten. Schon bald sahen sie das große Gebäude, das eigentlich gar nicht in diese Gasse passte, durch die sie nun geführt wurden. Niedrige, einstöckige Häuser drängten sich aneinander, das große, mehrstöckige Findelhaus stand mittendrin.

„Hier ist es“, sagte der Bauer und sah seine Begleiter fordernd an. Die Hand auszustrecken und um ein Trinkgeld zu bitten, wagte er sich wohl doch nicht.

Raimon verstand, kramte in seiner Hosentasche und fischte eine Münze heraus. Die reichte er dem Mann. Der schaute darauf, grinste dann aber. Wahrscheinlich war er mit dem Lohn sehr zufrieden. „Habt Dank, werter Herr“, sagte er und steckte das Geldstück ein.

„Wir haben auch zu danken“, erwiderte Raimon. „Ohne Euch würden wir wohl immer noch durch die Stadt irren.“ Zu Sally sagte er dann: „Komm, Liebes, wir sind endlich angekommen.“ Damit wandte er sich der großen Tür zu, die fast die ganze Breite des mehrstöckigen, aber schmalen Gebäudes einnahm. Der Bauer fühlte sich entlassen und setzte seinen Weg fort. „Na das war aber ein komischer Kauz“, sagte Raimon zu Sally.

„Hast du gesehen, wie der geglotzt hat? Einfach eklig“, erwiderte die Frau und schüttelte sich angewidert.

„Vergiss es lieber. Es hat keinen Zweck, sich über solch schmierige Kerle aufzuregen“, entgegnete Raimon und klopfte an die Tür.

Eine ganze Weile tat sich nichts. Aber dann hörten sie schlurfende Schritte, die näher kamen. Raimon wollte eben noch einmal klopfen, als die Tür geöffnet wurde. Ein altes, zahnloses Weib stand da und starrte die Besucher an.

„Was wollt Ihr?“, fragte sie nicht gerade freundlich.

„Mein Name ist Raimon“, stellte sich der Henker vor. „Dies ist meine Gattin Sally“, machte er die Frau auch mit seiner Begleitung bekannt. „Ich hörte, meine beiden Neffen und meine Nichte sind hier untergebracht.“

„Was weiß ich, wer Eure Neffen und die Nichte sind“, blaffte die Alte ihn an.

„Wir kommen eben vom Stadtrichter Watson. Dieser hat es uns gesagt“, erwiderte Raimon. „Ich bin der Bruder des vor drei Wochen hingerichteten Schustermeisters.“

„Sagt das doch gleich“, knurrte die Frau. „Folgt mir zur Mutter Oberin.“ Sie ließ Raimon und Sally eintreten und schloss die Tür hinter ihnen. Dann wandte sie sich ab und schlurfte vor ihnen her. An einer Tür im hinteren Drittel des langen Flurs blieb sie stehen und klopfte an.

Auf ein „Herein“ trat sie ein und bedeutete den Besuchern, es ihr gleich zu tun. „Die Beiden wünschen Euch zu sprechen“, kündigte sie Raimon und Sally an.

„Danke Wina, du kannst gehen“, forderte die Hausherrin die Frau auf. „Ich bin Mutter Rosemary, die Oberin dieses Waisenhauses“, stellte sie sich den Gästen vor. „Was kann ich für Euch tun?“

„Das ist meine Gemahlin Sally und ich bin Raimon. Wir suchen die Kinder meines Bruders. Faylynn, Travis und Barnet“, kam der Henker gleich zur Sache.

„Ihr meint die Kinder des hingerichteten Schusters?“, wollte die Oberin wissen, nachdem sie die beiden willkommen geheißen hatte.

„Genau die“, erwiderte Raimon. „Wir sind deren einzigen noch lebenden Verwandten und würden die Kinder gerne mitnehmen.“

„Oh“, sagte die Oberin. „Das erstaunt mich wahrlich sehr. Wir haben schon nach Angehörigen gesucht, hatten aber noch keinen Erfolg damit.“

„Wir kommen aus Exeter“, erklärte Raimon. „Mein Bruder schrieb mir vor einiger Zeit, dass ich ihn unbedingt besuchen müsse, seine Gemahlin Adra hätte ihn verlassen und er bräuchte etwas Hilfe mit den Kindern. Meine Gattin wollte einige Zeit bei ihm bleiben und ihm unter die Arme greifen.“

„Oh ja, der arme Delmore. Welch ein hartes Schicksal hatte ihn ereilt. Seine Ehefrau war wahrlich eine Metze, die sich jedem Kerl hingab, der ihr gefiel und zu guter Letzt angelte sie sich sogar noch ihren Knecht, mit dem sie endgültig durchbrannte“, erwiderte Rosemary und bekreuzigte sich. „Leider ließ sich der Schustermeister zu sehr von seiner Eifersucht hinreißen, anstatt die Frau endgültig zum Teufel zu schicken.“

„Wir hörten bereits von den Stadtwachen, was passiert ist“, meldete sich nun auch Sally zu Wort. „Delmore schien es nicht leicht gehabt zu haben mit seiner Frau. Der liebe Gott möge ihn schützen. Aber nun sind wir aus Exeter gekommen, um wenigstens den Kindern ein gutes zu Hause zu bieten. Die armen Würmchen, sie müssen ganz verstört sein nach den schlimmen Vorkommnissen der letzten Zeit.“

„Das sind sie wahrlich“, erwiderte die Oberin. „Sie weinen fast Tag und Nacht und sind durch nichts zu besänftigen. Vor allem die kleine Faylynn. Sie ist gerade mal vier Jahre alt und schon ohne Eltern.“

„Wir würden die Kinder gerne mitnehmen. Der Stadtrichter Thomas Watson bestätigte uns, das wäre möglich. Natürlich lassen wir dem ehrenwerten Haus hier eine großzügige Spende zukommen. Sozusagen als Dank für die liebevolle Aufnahme der Kleinen.“

Im Gesicht der Oberin zeichnete sich ein freudiges Lächeln ab. Sie konnten jede noch so kleine Spende gebrauchen, denn hier im Waisenhaus war so einiges im Argen. Die meisten Kinder brauchten neue Kleidung, das Dach musste ausgebessert werden. Auch an ausreichend Essen mangelte es. Nicht nur einmal mussten die Kinder abends hungrig ins Bett gehen, da einfach nicht genug für alle da war. So blieb den Frauen oft nichts anderes übrig, als das Wenige gerecht aufzuteilen.

„Meinen ehrwürdigen Dank“, sagte Rosemary. „Das ist sehr lieb von Euch.“

„Das tun wir gerne“, erwiderte Raimon. „Doch führt uns nun bitte zu den Kindern. Wir möchten morgen in aller Frühe nach Exeter aufbrechen. Die Kinder sollten dann ausgeschlafen sein. Ein langer Weg steht uns bevor.“

„Dann werdet Ihr die Stadt verlassen? Wie schade“, meinte die Oberin traurig.

„Das Haus meines Bruders wurde von der Stadt konfisziert. Diese Nacht dürfen wir noch dort schlafen. Aber morgen früh müssen wir es wieder verlassen“, erklärte der Henker.

„Gerade jetzt die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung herausreißen, wenn das mal gut geht“, erwiderte Rosemary.

„Das Haus auslösen können wir nicht. Außerdem habe ich in Exeter eine Anstellung auf Lebenszeit, die ich nicht einfach so kündigen kann“, sagte Raimon.

Fragend schaute die Schwester Oberin ihn an.