Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 12


Während Raimon und Sally mit Delmores Kindern auf dem Weg nach Exmouth waren, saßen Garrick Moore und Sir Selwyn Wellington in Dover in der Gaststube ihrer Unterkunft. Die beiden grübelten und wussten nicht weiter.

„Ich bin am Ende meines Lateins“, gab Garrick genervt zu. Selwyn, der genau wie er selber, recht missmutig dreinschaute, nickte nur. „Wo mögen die beiden nur sein. Nichts, aber auch gar nichts, brachte uns auf der Suche nach Miss Sally nur einen winzigen Schritt weiter“, murrte der Agent. Er hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die beiden Krüge Bier, die darauf standen, verdächtig wackelten. Sein Begleiter griff beherzt zu und bewahrte die Krüge davor, ihren Inhalt endgültig auf dem Tisch zu verteilen.

„Ich verstehe es auch nicht. Was haben wir nur falsch gemacht?“, erwiderte Selwyn. „Du hast die beiden, ohne es zu wissen, mit in die Stadt gebracht und seitdem ist ihre Spur so verwischt, dass wir keine Chance haben, sie zu finden. Wie geht so etwas nur?“

„Frag mich mal was Einfacheres“, knurrte der Detektiv und nahm einen großen Schluck Bier. Mühsam unterdrückte er ein Rülpsen, denn das gehörte sich in Gesellschaft eines Adligen nicht. Es war schon eine sehr große Ehre für ihn, dass Selwyn ihm das intimere Du angeboten hatte.

„Fassen wir mal alles zusammen, was wir bisher in Erfahrung bringen konnten“, begann Selwyn nach einer Weile. „Der Henker hat, beziehungsweise hatte hier einen Bruder namens Delmore. Das Wissen verdanken wir Miss Sabrin, die ganz plötzlich und wie aus heiterem Himmel bei Mistress Genefa in Dilton Marsh auftauchte. Dieser Delmore wurde vor ein paar Wochen hingerichtet, weil er seine Ehefrau und deren Liebhaber in die Hölle geschickt hat. So viel wissen wir nun.“

„Hm“, machte Garrick nur und nickte.

„Hatte dieser Schuster keine Kinder? Weißt du was davon?“, fragte Selwyn.

„Keine Ahnung. Angeblich ja. Falls er Kinder hatte, können die nicht wie vom Erdboden verschluckt sein. Menschen verschwinden nicht einfach, ohne eine Spur zu hinterlassen. Irgendwie sind die Leute hier in der Stadt so verstockt, dass kein Wort aus ihnen herauszubekommen ist“, erwiderte der Spion. „Wenn dieser Henker Sally hierher gebracht hat, kann er sie doch nur zu seinem Bruder geschafft haben. Dass der inzwischen schon in der Hölle schmort, brachte seinen Plan wohl durcheinander. Also muss neu geplant werden. Nur was?“ Garrick überlegte eine Weile. „Vielleicht sollten wir die Wächter am Stadttor nochmal befragen. Wenn jemand was weiß, dann sie.“

„Ehrlich gesagt, ist mir inzwischen das Geld zu schade, um es den verstockten Leuten hier in den Rachen zu werfen. Sie führen uns nur in die Irre und bringen uns keinen einzigen Schritt weiter“, sagte Selwyn darauf.

„Lord Kimberley meinte aber, ich hätte freie Hand. Geld würde keine Rolle spielen.“

„Ach, der“, schimpfte Selwyn aufgebracht. „Der sitzt mit seinem breit gedrückten Arsch nur zu Hause in seinem Sessel und redet viel, wenn der Tag lang ist. Er weiß nicht, was wirklich draußen los ist. Dafür sind wir beide hier und tun die Arbeit für den werten Herrn.“

„Da magst du recht haben. Aber er ist nun mal mein Auftraggeber“, sagte Garrick mürrisch, der den guten Lohn für diesen Auftrag die Themse hinab schwimmen sah.

„Klar, das verstehe ich“, sagte Selwyn und schaute Garrick an. „Nur sind wir hier aber inzwischen an einem Punkt angekommen, wo wir gar nicht weiterkommen. Vielleicht sollten wir woanders suchen. Sally ist dem Anschein nach schon gar nicht mehr in der Stadt. Überleg doch mal. Wir gehen davon aus, dass sie immer noch als Mann verkleidet durch die Weltgeschichte läuft und suchen auch nach einem Mann. Wahrscheinlich sind wir genau da auf dem Holzweg.“

„Du meinst, Sally könnte inzwischen wieder als Frau mit dem Scharfrichter unterwegs sein?“ Garrick riss erstaunt den Mund auf. Auf diese Idee war er noch gar nicht gekommen.

„Überlege doch mal“, erklärte Selwyn. „Als Mann könnte sie jederzeit auffliegen. Es ist verboten für Frauen, Männerkleidung zu tragen. Die Gefahr, dass die Maskerade aufgedeckt wird, ist viel zu hoch. Auch ein Henker wie Raimon könnte sie vor der Strafe, die darauf steht, nicht bewahren. Vermutlich haben sie auch die Kinder bei sich, die nun ja ohne Eltern und auf sich allein gestellt sind.“

Garrick kratzte sich am Kinn. Nachdenklich starrte er in seinen Bierkrug. „Du hättest Detektiv werden sollen und nicht ein Doktore“, meinte er dann lachend zu Selwyn, dessen Gedankengänge nachvollziehbar waren.

„Ich ziehe nur meine Schlüsse aus den Ergebnissen unserer Erkundungen. Da ist nicht viel Besonderes dran. Du kannst es doch auch“, erwiderte Selwyn. „Also, was machen wir nun?“, fragte er noch.

„Reiten wir zurück nach Dilton Marsh“, meinte Garrick nach einiger Überlegung. „Hier können wir nichts mehr ausrichten. Aber vielleicht kommen wir auf dem Rückweg auf des Rätsels Lösung.“

„Tun wir das“, erwiderte Selwyn. Ganz einerlei war ihm es nicht, Dover zu verlassen, ohne genau zu wissen, ob Sally noch in der Stadt war oder nicht. Doch dann entschied er sich anders. Warum er das tat, konnte er auch nicht erklären. Sein Instinkt sagte ihm, dass er hier noch eine Spur von Sally finden würde. „Warte“, sagte er zu Garrick. „Mir fiel eben noch etwas anderes ein.“

Erstaunt schaute Garrick von seinem Bier auf. „Welcher Floh beißt dich nun wieder?“, fragte er kopfschüttelnd.

„Wenn der Bruder des Henkers hingerichtet wurde, muss es vorher ein Verfahren gegeben haben. Wer ist dafür zuständig? Na… dämmert es dir?“

„Ah, du meinst, wir sollten…“, Garrick hüpfte aufgeregt auf seinem Stuhl herum.

„Genau, wir sollten mal zum Richter gehen und dem auf den Zahn fühlen. Wenn einer etwas weiß, dann er“, vollendete Selwyn Garricks Satz.

„Aber das wird doch auch wieder was kosten. Diese Richter sind doch alle korrupt“, warf der Detektiv Zweifel ein.

„Na und… die paar Kröten habe ich auch noch, um dem Richter sein Wissen zu entlocken“, meinte Selwyn bis über beide Ohren grinsend. Er kramte ein paar Münzen aus seiner Hosentasche und legte sie auf den Tisch. „Worauf wartest du noch oder willst du hier Wurzeln schlagen?“, drängte er Garrick zum Aufbruch.