Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 6 -  Kapitel 1


Obwohl die öfter Pause machen mussten, damit sich das Pferd erholen konnte, kamen Sally und Raimon mit den Kindern gut voran. Raimon hatte in Dover kostengünstig ein Pferd samt Wagen erstanden, was ihre Rücklage leider hat dahinschmelzen lassen. Daher konnten sie es sich nicht leisten, an einer Station das Pferd zu tauschen. Bei der klapprigen Mähre, die ihnen aufgeschwatzt wurde, hätten sie nur draufzahlen müssen. So nahmen sie es in Kauf, etwas langsamer voranzukommen. Doch das sahen sie nicht so eng. Dann lieber langsamer gefahren, als mit den Kindern zu Fuß gehen zu müssen.

„Das Pferd müssen wir zu Hause mächtig aufpäppeln, ehe wir es veräußern können“, sagte Raimon zu Sally, die gedankenverloren vor sich hinstarrte.

„Was hast du gesagt?“ Sally fuhr hoch. Sie hatte nicht zugehört.

„An welchen Kerl denkst du?“, meinte Raimon lachend. „Sag es! Ich werde ihn hängen.“ Schelmisch puffte er Sally in die Seite.

„Ach, weißt du“, erwiderte die Frau verzweifelt. „Ich mache mir Gedanken, wie es weitergehen soll. Du, ich, die Kinder… es macht mir Angst, auf einmal so viel Verantwortung übernehmen zu müssen.“

„Ach Liebes“, entgegnete Raimon, der Sallys Gedankengänge sehr gut nachvollziehen konnte. „Wir schaffen das schon. Sieh mal, wir haben doch uns…“ Er zog Sally näher an sich heran und gab ihr einen Kuss, worauf die beiden von der Ladefläche her ein Kichern hörten. „Was gibt es da zu grinsen?“, fragte er Barnet, den er erwischt hatte, wie er sie anstarrte, als sie sich küssten.

„Ach, nichts“, erwiderte der Junge und wurde rot.

„Mutter und Vater haben sich nie geküsst“, wusste die kleine Faylynn zu berichten. „Sie haben sich immer nur gestritten. Manchmal sogar gehauen.“

„Halt den Mund, du Plappermaul“, schimpfte Travis, der älteste der Geschwister. „Das geht Onkel und Tante nichts an.“

„Na stimmt doch!“, murrte das Mädchen und zog eine Schnute. „Sie haben sich immer nur gestritten und lieb gehabt haben sie sich auch nicht.“ In den Augen des Kindes schwammen Tränen. Die Erinnerung an die Eltern, die nun nicht mehr da waren, war wohl doch noch zu frisch.

„Komm mal her, meine Kleine“, sagte Sally zu Faylynn, die sofort auf den Schoß der Tante gekrabbelt kam.

„Ihr habt euch aber lieb?“, fragte die Kleine, während sie Sally mit großen Augen ansah.

Sally hatte längst bemerkt, wie sehr sich das Mädchen vor einer Antwort fürchtete. Raimon nickte Sally ermunternd zu.

„Pass mal auf“, begann Sally, während sie Faylynn sacht übers Haar strich. „Eure Eltern haben sich garantiert mal sehr liebgehabt. Sonst wärt ihr jetzt nicht hier bei uns. Es ist manchmal so, dass sich die Erwachsenen nach einiger Zeit nicht mehr liebhaben und sich immer nur noch streiten.“

„Ja, aber nun sind Mutter und Vater tot und bei den Engeln. Alles nur, weil sie sich nicht mehr liebhatten.“ Das Mädchen zog seine eigenen Schlüsse aus den Vorkommissen der letzten Zeit. „Seid ihr auch tot, wenn ihr euch nicht mehr liebhabt?“, fragte es dann.

„Aber nein, auf keinen Fall“, versuchte Sally die Kleine zu beruhigen. „Onkel Raimon und ich werden uns immer sehr liebhaben. Außerdem haben wir nun euch. Wir müssen gut auf euch aufpassen, bis ihr groß genug seid und euren eigenen Weg gehen könnt.“

„Wir können jetzt schon auf uns selber aufpassen“, ließ Travis von hinten verlauten.

„Rede nicht so einen Unsinn. Wir sind noch viel zu klein“, knurrte der zwei Jahre jüngere Barnet. „Wer soll für uns kochen, unsere Sachen waschen, uns ins Bett bringen, uns Schlaflieder vorsingen oder Geschichten erzählen?“

„Das können wir längst allein“, behauptete Travis stur.

„Kinder, nun streitet euch doch nicht“, ermahnte Raimon die Jungen. „Tante Sally und ich sind nun für euch verantwortlich. Tante Sally wird euch zu essen kochen, eure Wäsche waschen und auch ins Bett bringen.“

„Und was machst du?“, fragte Faylynn, die Raimons Rede wohl eher verstanden hatte als ihre beiden störrischen Brüder.

„Ich helfe Tante Sally bei allem“, erwiderte der Henker lächelnd.

„Vater hat Mutter nie geholfen. Er war immer nur in seiner Werkstatt, wo er nicht gestört werden wollte. Er sagte, er müsse Geld verdienen, damit wir zu essen haben. Onkel Raimon, verdienst du auch Geld?“ Faylynn fragte und fragte. Das kleine Plappermaul schien nicht stillstehen zu wollen.

„Das tue ich“, sagte Raimon, wohl darauf bedacht, dem Kind noch nicht zu sagen, mit was er sein Geld verdiente.

„Auch mit Schustern, wie der Vater?“, wollte die Kleine wissen. „Willst du dabei auch nicht gestört werden?“

„Nein, mein kleines Mädchen“, antwortete Raimon. „Du darfst mich immer stören, immer, wann es dir danach ist. Ich werde deswegen auch nicht mit dir schimpfen.“ Der Henker hoffte, Faylynn damit abzubringen, noch weiter zu fragen. Dem Kind erklären zu müssen, mit was er wirklich sein Geld verdiente, war ihm nicht einerlei. Um das zu verstehen, war sie noch viel zu jung.

„Hm“, nuschelte das Mädchen und schmiegte sich enger in Sallys Arme. Raimons Antwort schien sie zu beruhigen. Der Wagen ruckelte durch die Schlaglöcher des Weges und schaukelte wie ein Schiff in den Wogen des Meeres.

Sally lächelte. Erneut zogen mütterliche Gefühle in ihr hoch. Ob ihre eigene Tochter auch einmal so werden würde wie Delmores Tochter? Sie wünschte es sich so sehr. Doch noch war es längst nicht soweit. Sie und Raimon waren nicht einmal verheiratet. Aber bald. Sie freute sich schon darauf, die Frau des Henkers zu werden, auch wenn die Verbindung weit unter ihrem Stand war. Ihr Blick ging zu Raimon, der seine Liebste lächelnd betrachtete. In seinen Augen konnte sie ein verdächtiges Glitzern vernehmen. Er dachte wohl genau wie sie. Als Sally wieder zu dem Kind in ihren Armen blickte, war dies eingeschlafen. Ein seliges Lächeln umspielte den Mund des Mädchens. Sally zog vorsichtig ihren Umhang um das Kind, damit es nicht fror. Dann blickte sie wieder nach vorn auf den Weg und starrte gedankenverloren in die Ferne.

Selwyn und Garrick hatten die Zeche in ihrer Unterkunft bezahlt und ihre Pferde aus dem Mietstall geholt. Nun waren sie auf dem Weg nach Exmouth, in der Hoffnung, Sally, Raimon und die Kinder noch einzuholen. Das Gespann hatte etwa sechs Stunden Vorsprung. Wenn sie schnell ritten und die Pferde austauschten, könnten sie es vielleicht noch einholen.

„Lass uns langsamer reiten“, rief Garrick Selwyn zu, dessen Pferd bereits voll Schweiß war. Es schnaufte und auch sein eigenes war nicht mehr frisch genug, um es noch mehr anzutreiben. „Selwyn, wir reiten die Pferde zu Schanden. Lass uns langsamer reiten!“, rief Garrick erneut und zügelte sein Ross, damit es in eine langsamere Gangart fiel. Nun lief es in gemächlichem Schritttempo den ausgefahrenen Weg entlang.

„Warum kommst du nicht?“, schrie Selwyn gegen den Wind, als er bemerkte, Garrick ritt nicht mehr neben ihm. Auch er zügelte nun sein Pferd und wartete, bis sein Freund aufgeschlossen hatte.

„Wir reiten die Pferde zu Schanden“, sagte Garrick noch einmal. „Es bringt nichts, wenn wir uns bei diesem Weg noch den Hals brechen. Die Tiere könnten stürzen und selbst auch zu Schaden kommen.“

„Aber so holen wir Sally nie ein“, beharrte Selwyn darauf, weiter zu galoppieren.

„Na und“, antwortete Garrick. „Wir wissen, dass sie auf dem Weg nach Exmouth ist, genau wie wir. Dort werden wir sie garantiert im Haus des Henkers finden. Wo also liegt das Problem?“ Er schaute sein Gegenüber an, als würde er es mit seinen Blicken töten wollen.

„Du hast gut reden“, schimpfte Selwyn. „Es ist ja auch nicht deine Liebste, die wir hier verfolgen. Also kann es dir auch egal sein, ob wir sie einholen oder nicht.“

„Nach dem, was wir gehört haben, deine wohl aber auch nicht!“ Garrick war erbost über so viel Sturheit.

„So lange mir Sally nichts Gegenteiliges sagt, glaube ich noch gar nichts.“ Auch Selwyn war erbost. Am liebsten hätte er sein Pferd wieder angetrieben.

„Gemach, gemach, mein Freund. Noch ist nicht aller Tage Abend“, versuchte Garrick den Arzt zu beruhigen. „Ich verstehe deine Eile sehr wohl. Lass uns trotzdem gemächlicher reiten und uns unsere weiteren Schritte überlegen. Überstürzt zu handeln bringt uns genau so wenig wie zu schnell reiten und uns dadurch womöglich noch den Hals zu brechen.“

Selwyn wollte am liebsten etwas erwidern, sah dann aber ein, sein neu gewonnener Freund hatte recht. „Gut, auch wenn es mir sehr widerstrebt, will ich deinen Rat lieber annehmen. Du gibst ja sowieso keine Ruhe, bis du deinen Willen durchgesetzt hast“, erwiderte er und lenkte sein Pferd an Garricks Seite. Aber anstatt sich mit Garrick zu besprechen, starrte er wie die weit vor ihnen fahrende Sally gedankenverloren in die Ferne. So erreichten die beiden einsamen Reiter am Abend eine ärmlich aussehende Wirtschaft.

„Übernachten wir hier?“, fragte Garrick, nachdem er das Gasthaus von weitem betrachtet hatte. Er war müde und brauchte unbedingt etwas Schlaf. „Es scheint hier zwar nicht besonders behaglich zu sein, aber für eine Nacht wird es ausreichen. Die Pferde können ausruhen und sind morgen früh wieder frisch.“ Er wandte sich an Selwyn, der immer noch kein einziges Wort gesagt hatte. „Was meinst du, mein Freund?“

„Wie es dir gefällt. Ich halte mich an dich“, erwiderte Selwyn und stieg ab. Nachdem er seine steifen Glieder gestreckt und gedehnt hatte, betrat er den mit niedrigen Gattern umzäunten Hof des Gasthauses. Sofort trat aus einem kleinen Gebäude ein Junge heraus, der ihnen entgegenkam.

„Wünschen die Herren hier zu übernachten?“, fragte er die Ankömmlinge. „Die Herrin hat heute guten Eintopf gekocht. Er wird Euch garantiert sehr munden. Die Herrin kocht nämlich sehr gut“, lobte er die Speisen des Hauses.

„Ja, ja, schon gut“, entgegnete Selwyn und reichte ihm die Zügel des Pferdes. „Versorge unsere Tiere“, befahl er ihm.

Auch Garrick, der inzwischen herangetreten war, überreichte dem Jungen seine Zügel. Dann drückte er ihm eine Münze in die Hand. „Versorge die Tiere gut“, sagte er lächelnd zu ihm.

„Recht herzlichen Dank, der Herr. Ihr werdet sehen, Eure Pferde werden von mir gut versorgt werden“, sagte der Junge freudestrahlend, nachdem er die Münze in seine Hosentasche gesteckt hatte. Danach führte er die Tiere in den nahen Stall, wo sie gut untergebracht waren.

Als Garrick und Selwyn ins Gasthaus gehen wollten, bemerkten sie einen Einspänner, der neben dem Stallgebäude stand. Auf der Ladefläche standen einige Kisten. Das Pferd war bereits ausgespannt. Zwei Kinder, ein größerer Junge und ein kleines Mädchen, spielten in der Nähe des Wagens im Dreck. Daneben hockte ein riesenhafter Kerl, der sich mit Inbrunst den Kindern widmete. Das fröhliche Lachen der Kleinen und des Mannes war weithin zu vernehmen.

„Schau mal die zwei Kleinen dort. Sind die nicht putzig“, sagte Garrick zu Selwyn und zeigte auf die spielenden Kinder.

„Die sind ganz schön schmutzig. Die Eltern sollten sich schämen, sie so herumlaufen zu lassen“, erwiderte Selwyn angewidert, den fremde Kinder nicht besonders interessierten. Er ging einfach weiter, ohne auf Garrick oder die Kinder zu achten. „Komm, gehen wir rein. Ich bin hungrig.“ Als erster erreichte er das Gasthaus. Gerade als er die Tür öffnen wollte, wurde diese bereits von innen geöffnet. Ein Junge an der Hand einer jungen, blonden Frau in einfacher Kleidung trat heraus.