Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 6 -  Kapitel 2


Erschrocken sprang Selwyn zurück. Der Junge und die Frau waren genau so erschrocken wie er selbst. Als Selwyn erkannte, mit wem er beinahe zusammengestoßen war, stieß er einen erleichterten Seufzer aus. „Sally! Es ist wie ein Wunder“, sagte er, leichenblass im Gesicht. Er konnte es nicht fassen, wer wie aus heiterem Himmel vor ihm stand.

Die Frau blieb stehen und blickte ihn an. Auch sie wurde blass. „Sir Selwyn“, erwiderte sie. „Was macht Ihr denn hier?“

„Na was wohl?“, entgegnete der Arzt. „Ich habe dich gesucht. Seit Monaten schon. Bisher erfolglos. Und dann stehst du ganz plötzlich vor mir als wäre nichts gewesen. Wir haben uns alle große Sorgen um dich gemacht.“

Ein unterschwelliger Ton in Selwyns Rede ließ Sally aufhorchen. „Wen meint Ihr mit wir?“, hakte sie nach. „Und warum sucht Ihr nach mir? Ich bin freiwillig hier, auch wenn der Beginn meiner Odyssee nicht ganz freiwillig war. Jetzt bin ich es.“

„Alle machen sich Sorgen um dich, deine Freundin Genefa und ihr Ehemann, Lord und Lady Kimberley, deine Zofe Adelaide, Sabrin. Ich natürlich auch. Immerhin war ich der beste Freund deines Vaters. Da darf man sich schon Sorgen um eine vermisste Person machen.“

„Was hat Sabrin damit zu tun? Ihr kennt sie doch gar nicht!“, warf Sally ein, die nicht verstand, was Selwyn mit der Freundin aus Exmouth zu tun hatte.

Ehe Selwyn antworten konnte, mischte sich Barnet ein. „Tante, wer ist dieser Mann?“, fragte der Junge, der bisher wortlos von einem zum anderen geschaut und die kleine Debatte verfolgt hatte. Er verstand nicht, was dieser Fremde von Sally wollte und warum er so mit ihr sprach.

„Ich kenne den Herrn von früher“, erklärte Sally dem Kind liebevoll Selwyns Person. „Ich muss nun gehen, mein Bräutigam wartet auf mich, und die Kinder“, sagte sie dann zu Selwyn und wandte sich ab.

„Habe ich richtig gehört? Bräutigam? Kinder? Wessen Kinder?“, wollte Selwyn wissen und hielt Sally am Ärmel fest.

„Ja, das habt Ihr“, entgegnete die junge Frau. Sie zeigte auf Raimon, der immer noch mit Faylynn und Travis am Boden hockte und spielte. „Dort drüben ist er. An unserem Wagen und spielt mit den beiden anderen Kindern. Es sind die Kinder seines verstorbenen Bruders aus Dover, die wir bei uns aufgenommen haben. Sie müssten sonst ins Waisenhaus. Das konnten wir nicht zulassen. Es brach uns das Herz, die Kleinen dort zurückzulassen.“

Nun kam auch Garrick näher, der noch kurz im Stall war und nach der Unterbringung ihrer Pferde geschaut hatte. Neugierig schaute er sich die Frau an, mit der sein Freund sich unterhielt. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Grübelnd beobachtete er sie. „Möchtest du mich nicht der Dame vorstellen?“, wandte er sich an Selwyn, nachdem er nähergetreten war.

Unwillig schaute der Arzt seinen Freund an. „Das ist Susan Elizabeth Montgomery, die wir schon so lange suchen. Wie aus heiterem Himmel stand sie plötzlich vor mir“, sagte er dann. Und zu Sally gewandt: „Darf ich vorstellen. Mister Garrick Moore, mein Freund und Detektiv von Lord Kimberley. Wie ich erfuhr, kennt ihr euch schon.“

Neugierig schaute Sally den Detektiv an. Sie musste einige Zeit überlegen, woher sie ihn kennen sollte.

„Ihr wart verkleidet, als Ihr mir das letzte Mal begegnetet“, half Garrick ihr auf die Sprünge. Er lächelte die junge Frau an. Auch er hatte erkannt, wen er vor sich hatte.

Da fiel es Sally ein. Als sie mit Raimon auf dem Weg nach Dover war, nahm Garrick sie auf seinem Karren mit. „Aber wie kommt es? Ihr stelltet Euch mit einem anderen Namen vor“, hatte sie richtig erkannt. „War Euer Name nicht Edward Windham?“

„Nun ja, Miss Sally, da habt Ihr recht. Mein richtiger Name ist Garrick Moore. Ich reiste, genau wie Ihr, inkognito. Ihr gabt Euch aber auch als eine andere Person aus. Jamie war doch auch nicht Euer wahrer Name, oder verstehe ich das falsch? So wie es aussieht, seid Ihr eindeutig eine Frau.“ Garrick grinste verschmitzt.

„Eins zu eins“, gab sich Sally geschlagen. Interessiert schaute sie den Detektiv an, der in ihren Augen ein wahrlich interessanter Mann war. So ganz anders als Selwyn, der sie behandelte, als wäre sie sein Eigentum. Das Gehabe Selwyns behagte ihr gar nicht. Der Agent dagegen behandelte sie gleichberechtigt.

„Liebes, brauchst du Hilfe? Wer sind diese zwei Männer? Belästigen sie dich?“, fragte Raimon mürrisch, der herangekommen war, als er sah, dass sich Sally mit zwei Unbekannten unterhielt. „Geh zu deinen Geschwistern“, bat Raimon Barnet, der die Erwachsenen und deren Debatte beobachtete. Leise maulend gehorchte das Kind und schlenderte zu seinen Geschwistern, die immer noch am Einspänner spielten. „Nun, die Herren“, wandte sich Raimon den Männern zu und sah sie fragend an. „Gibt es hier ein Problem?“

„Das ist Sir Selwyn Wellington, ein Freund meines Vaters“, unterbrach Sally Raimon. „Und der junge Mann neben ihm ist Garrick Moore. Du kennst ihn unter einem anderen Namen. Edward Windham.“

„Ah ja, warum heißt er plötzlich Moore?“, fragte er.

„Ich war inkognito unterwegs“, gestand Garrick, dabei verlegen grinsend. Er wusste, Raimon war Henker und nahm an, mit ihm wäre bestimmt nicht gut Kirschen essen. Sich mit ihm gut zu stellen war garantiert besser, als in Streit zu geraten. Es genügte schon, dass Selwyn sich aufführte wie ein eifersüchtiger Gockel.

„Und Ihr, Sir Wellington?“, wandte sich Raimon dann an Selwyn. „Habt Ihr ein Problem mit meiner Braut?“

„Nein, nein“, wehrte der Arzt ab. „Es ist nur…, nun ja, ein wenig heikel, die Angelegenheit zu erklären. Ich weiß gar nicht, wie ich das begreiflich machen soll.“

„Was?“ Raimon war genervt von dem Mann, der ihm hier wohl seine Liebste streitig machen wollte. Auch wenn der sie viel länger kannte als er, hatte er kein Recht auf Sally.

„Es ist schon eigenartig, dass sich eine adlige Dame mit einem Henker abgibt und auch noch dessen Braut sein soll. Ich glaube kaum, dass Sally freiwillig mit Euch geht“, brach es endlich aus Selwyn heraus. Seine Eifersucht war nun nicht mehr zu übersehen.

„Komm, Liebling. Das müssen wir uns nicht anhören“, sagte Raimon zu Sally und nahm sie am Arm, um sie wegzuführen.

„Ach, lass ihn doch“, erwiderte Sally. „Ach ja, Sir Selwyn. Auch wenn es Euch gar nicht passt, Raimon ist und bleibt der Mann, mit dem ich mein Leben teilen will. Ich liebe ihn. Euch geht das gar nichts an. Also führt Euch gefälligst nicht so auf, als wärt Ihr mein Vater. Ich war einmal eine Dame, das bin ich auch jetzt noch. Euer Edelmut in Ehren, haltet Euch aus meinen Angelegenheiten heraus.“

„Das ist doch wohl die Höhe“, empörte sich Selwyn. Sein Gesicht lief vor Wut rot an. Am liebsten hätte er auch noch mit dem Fuß aufgestampft wie ein trotziges Kind.