Gerold und die Weiblichkeit

Kapitel 8 - Der Überfall


© by sunny768

Gerold hatte mit der Gefangennahme der beiden schon lange gesuchten Halunken einen guten Einstand gehabt. Das Vorkommnis hinterließ gleich einen guten Eindruck bei den anderen Mitgliedern der Stadtwache, die ihn in ihre Reihen aufnahmen, als hätte er schon immer dazu gehört. So war er von Anfang an einer der Ihren und ein angesehener Gefährte.

Diesen Tag seines ersten Dienstes und die Gefangennahme der Schurken hatte Gerold noch lange nicht vergessen, als er bereits ins nächste Abenteuer schlitterte. Ungewollt natürlich. Es war als zöge er die Abenteuer an wie das Licht die Motten.

Gerold tat seinen Dienst im Kerker nun schon seit einigen Wochen. Obwohl ihm bereits am Anfang mitgeteilt wurde, dass er auch Wachdienst in der Stadt schieben, oder auch mal dem Henker zur Hand gehen musste, hatte sich diesbezüglich noch nichts getan, worüber Gerold vor allem wegen der Hilfe beim Henker nicht gerade böse war. Die Arbeit und die Wache im Kerker war eher Müßiggang, langweilige Stunden, die Gerold lieber sinnvoller oder bei seiner Marianna verbringen würde. Doch so war er dazu verdonnert, mit Anwesenheit zu glänzen und die Zeit tot zu schlagen. Seine einzige Aufgabe war es, die beiden Inhaftierten zu bewachen. Nicht gerade eine Herausforderung für den an harte Arbeit gewohnten Schmied. So stellte ich im Laufe der Zeit ein gemächlicher Trott ein, den kaum einer entrinnen konnte.

Während sich seine Kollegen die Zeit mit Bier trinken oder Kartenspiel versüßten, hielt sich Gerold beim Bier lieber zurück. Bier benebelte schnell seine Sinne und machte ihn handlungsunfähig. Alkohol war er halt nicht so gewohnt, wie die kampferprobten Kameraden.

Erst letztens war Gerold Zeuge geworden, wie Michel eine der Wachen abstrafte, weil diese sturzbetrunken in der Wachstube lag und schnarchte. Der Kommandant der Stadtwache sah es nicht gerne, wenn sich seine Untergebenen während des Dienstes volllaufen ließen und ihre Pflichten vernachlässigten. Harte Strafen sollten sie daran erinnern und davon abhalten, während des Dienstes zu viel zu zechen.

Nur beim Kartenspiel tat es Gerold seinen Kollegen gleich. Meist hatte er Anfängerglück und gewann oft, sehr zum Unmut seiner Kameraden. Gerade hatte er es wieder einmal geschafft. Breit grinsend saß er in der Wachstube am Tisch und strich seinen Gewinn ein. Die Kreuzer, die er beim Spiel gewann, konnte er gut gebrauchen. Immerhin wollte er sich mit seiner Marianna hier in der Stadt etwas Eigenes aufbauen, da half jeder Pfennig, den er neben seinem Lohn ergattern konnte.

„Ich weiß ja nicht, wie du das machst, dass du ständig gewinnst“, murrte Bartel, „das geht ja bald nicht mehr mit rechten Dingen zu. Mir scheint, du kannst zaubern oder du hast die Karten gezinkt.“

„Ach, red doch nicht solch einen Schmarrn“, verteidigte sich Gerold vehement. „Ich kann gar nichts dafür, dass ich öfter gewinne als ihr – und außerdem – wer kann schon zaubern? Ich jedenfalls nicht!“ Damit war für ihn das Thema beendet. Obwohl es seine Kumpane immer wieder versuchten, ihn herauszufordern, ließ sich Gerold nicht ins Bockshorn jagen und blieb gelassen.

Die nächsten Tage vergingen ohne große Vorkommnisse. In der Stadt geschah nichts, worüber man sich Kopfzerbrechen machen, sich aufregen oder als Wache eingreifen musste. Auch im Kerkerturm war alles still. Die Zellen waren, bis auf die beiden Halunken, die Gerold festgesetzt hatte, leer. Ein Termin für die peinliche Befragung stand noch nicht fest. Die Obrigkeit in Erfurt ließ sich Zeit damit. So saßen die beiden Schurken eingekerkert in ihrem finsteren und fensterlosen Loch und harrten der Dinge, die kommen sollten.

Eines Nachts, Gerold hatte wieder mit Bartel Dienst, saßen die beiden in ihrer Wachstube. Kurz vorher hatten sie den obligatorischen Rundgang durch den Kerker erledigt. Die Inhaftierten schliefen in ihren Zellen, alles war ruhig. Vor ein paar Minuten meldete auch die Stadtwache, es wäre alles still. Die Leute hielten sich an die nächtliche Ausgangssperre und die Stadttore wären auch ordnungsgemäß abgeschlossen. Dass aber bereits Unheil drohte, wusste noch keiner von beiden.

Zur selben Zeit in einer schmalen Gasse mitten in der Stadt

Zwei in Schwarz gekleidete Figuren drückten sich in eine finstere Ecke. Eben hatte die Stadtwache die Gasse passiert und kontrolliert. Die beiden Männer konnten sich gerade noch so in eine dunkle Ecke drücken, sonst wären sie entdeckt worden. Als die Stadtwache vorüber gegangen war, blickten sie den Wächtern nach, bis diese um die nächste Ecke verschwunden waren.

„Das ging ja eben mal noch gut“, flüsterte der eine. „Wir müssen besser aufpassen. Am Kerkerturm darf uns das nicht passieren.“

„Ja, nicht, dass wir Ullrich und Caspar noch Gesellschaft im Loch leisten dürfen“, erwiderte der andere. „Schauen wir, wie weit die Wachen sind, damit wir heute noch zum Zuge kommen.“ So leise wie möglich schlichen die finsteren Gestalten hinter der Stadtwache her.

Die Runde endete erneut am Wachhaus des Kerkerturms. Als die beiden um die Ecke bogen, konnten sie noch sehen, wie die Männer im Häuschen verschwanden. Sie schlichen näher. Jetzt konnten sie die Gespräche durch ein offen stehendes Fenster belauschen. „Es ist nichts los heute“, hörten sie den einen der Stadtwache sagen.

„Im Kerker auch. Die beiden Inhaftierten schlafen“, erwiderte Bartel.

„Da verschwinden wir wieder“, sagte daraufhin der eine. „Bertram vom Nordtor hat noch süffiges Bier.“ Ob des baldigen Genusses des köstlichen Getränkes ließ der Wachmann seine Zunge über die Lippen kreisen. Er hatte wohl schon den Geschmack des selbst hergestellten Gebräus im Mund.

„Sauft nicht zu viel, ihr müsst die Nacht noch mehrmals raus“, mahnte Gerold die beiden.

„Ach, wir doch nicht. Wir vertragen schon einiges“, meinte einer der Stadtwachen lachend. „Komm, das Bier wartet“, wandte er sich dann an seinen Kollegen. Die Tür wurde wieder geöffnet, die beiden traten heraus und stiefelten durch die Dunkelheit über den Marktplatz in Richtung Nordtor. Die zwei Heimlichtuer schauten ihnen hinterher, bis die Dunkelheit sie verschluckte.


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