Gränsel und Hetel


© by sunny768

Es waren einmal zwei junge Leute, die hießen Gränsel und Hetel. Die beiden wohnten in völliger Armut in der Nähe eines großen, finsteren Waldes. Ihr Häuschen war so winzig, das eigentlich nur Zwerge darinnen Platz hatten. Und trotzdem wohnten sie dort mit ein paar Ziegen und Schafen.

Die beiden waren arm wie die Kirchenmäuse und hatten nur ganz wenig zu essen. Die Schafe und Ziegen konnten sie auf der Wiese hinter dem Haus anpflocken, wo sie Gras fressen konnten. Für Gränsel und Hetel war Gras natürlich nichts, es sei denn, sie rauchten es in der Tabakspfeife. Manchmal mussten sie sogar den Kitt aus den Fenstern kratzen, um nicht zu verhungern. Von schöner Kleidung, Ausgehen und anderem Luxus konnten sie nur träumen.

Gränsel und Hetel versuchten, sich so gut es ging, über Wasser zu halten. Hetel bot sich sogar als Dirne im waldeigenen Bordell an, während Gränsel als Callboy arbeitete und die reichen Königinnen und Prinzessinnen zu Galaabenden oder ins Theater begleitete. Ab und an musste er denen auch zu Willen sein, was zwar mehr einbrachte, aber auch an die geldgierige Zuhälterhexe oder den krummbeinigen Räuber Züberahl abgegeben werden musste. Für Gränsel war es ein Graus, die hässlichen Weiber begatten zu müssen. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen, wenn er und Hetel nicht verhungern wollten. Weigerte er sich, kamen die bösen Zwieben Serge, die Handlanger Züberahls und verprügelten ihn, bis ihm das Vaterunser aus den Ohren krümelte.

Die Jobs boten Gränsel und Hetel kaum die Möglichkeit, große Sprünge zu machen. So lebten sie von der Hand in den Mund und versuchten, das Beste draus zu machen.

Ihre Zuhälterin, die krummbucklige Hexe Jababaga, die in einem großen, pompösen Haus aus Lebkuchen und Zuckerguss mitten im Wald lebte, beutete sie bis aufs Blut aus. Sie presste alles, was sie verdienten, aus ihnen heraus. Während Jababaga in Saus und Braus lebte, vegetierte Gränsel mit seiner Hetel vor sich hin.

Eines Tages war Hetel im Wald unterwegs. Das Geld war wieder so knapp, dass sie sich nicht mal ein Brot kaufen konnten. Daher wollte sie für ein mageres Abendessen Wurzeln ausgraben und Beeren sammeln. Dabei kam sie auch an der Hexenluxusvilla vorbei. Hetels Magen knurrte so laut, dass sie sich aus Angst öfters umschaute, ob ihr doch nicht der verrückte Wolf, der letztens erst Koträppchens Großmutter und die Gieben Seißlein gefressen hatte, auf den Fersen war, um sich auch sie einzuverleiben. Was sollte dann aus dem armen Gränsel werden, wenn sie im Magen des Wolfes vergammelte.

So in Gedanken versunken, näherte sich Hetel dem Hexenhaus. Erst als sie fast davor stand, bemerkte sie, dass sie sich verlaufen hatte. Gerade wollte sie sich wieder davon schleichen, als ihr ein herrlicher Duft nach Süßigkeiten in die Nase stach. Hetel wollte sich zwingen, den Ort des Verderbens zu verlassen. Doch es half alles nichts, ihr Magen knurrte einfach zu laut und der Duft war zu verlockend.

Leise schlich sich Hetel näher an das Hexenhaus heran. Der vergoldete Zuckerguss funkelte mit der Sonne um die Wette. Die Lebkuchen luden förmlich dazu ein, angeknabbert zu werden. Hetel lief das Wasser im Mund zusammen, dass ihr der Speichel aus den Mundwinkeln tropfte. Wie eine sabbernde Alte mit Zahnprothese kam sie sich vor.

Vorsichtig kratzte Hetel mit dem Fingernagel ein wenig Zuckerguss ab. Etwas davon blieb fest kleben und ließ sich auch durch ausgiebiges Lutschen nicht vom Finger lösen. Fluchend versuchte sie, das klebrige Zeugs mit den Zähnen abzuknabbern. Prompt biss sie sich dabei auch noch einen Nagel ab. Wütend spuckte sie ihn aus. Aber all das brachte Hetel nicht dazu, von ihrem Tun abzulassen. Der Hunger und die Gefräßigkeit nach Essbarem war einfach zu groß.

Gierig riss Hetel gleich eine ganze Lebkuchenplatte mit vergoldetem Zuckerguss und Liebesperlen aus der Hauswand. Flugs stopfte sie sich das süße Zeug in den Mund und kaute es. Dabei schmatzte sie wie Schweinchen Dick während eines Festmahls.

Hetels Tun blieb natürlich nicht unbemerkt. Die bucklige Zuhälterhexe, die grad ein Schläfchen hielt, um den Rausch auszuschlafen, den die giftigen Stacheln von Rorndöschens Hecke verursacht hatten, hörte es vor dem Fenster knispern und schmatzen.

„Knusper, knusper, Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen“, schimpfte die alte Jababaga vor sich hin. Schwerfällig und noch voll im Tran wälzte sie sich von ihrer bequemen Streckbank und watschelte wie Donald Duck zum Fenster. Als sie durch die Scheibe nach draußen blickte, erkannte sie dort Hetel, die sich an ihrem Häuschen gütlich tat und wie verrückt geworden, sich das Zuckerzeug in die Backen stopfte. Sie ähnelte schon einem Hamster, der auf Nahrungssuche war.

„Nu pagadi“, lispelte Jababaga durch ihre Zahnlücke. „Dir werde ich es zeigen, von wegen mein wertvolles Häuschen zerstören. Na warte!“

Leise schlich sich die Hexe nach draußen. Doch ehe sie das Haus verließ, schnappte sie sich ihre Zuckerpeitsche, die immer griffbereit auf dem Schränkchen neben dem Brunnen lag. Der Brunnen gab nicht nur Wasser, sondern führte auch zu Hau Frolle.

„Hab ich dich, du impertinente Diebin“, schrie Jababaga Hetel an und griff sie am Kragen. Dabei schlug sie wie besessen auf das erschrockene Mädchen ein, dass die Fetzen flogen und die Zuckerpeitsche beinahe auseinander brach. „Endlich weiß ich, wer sich immer an meinem Häuschen bedient“, schrie die Hexe dabei aufgebracht. „Dass gerade du das bist, das haut die Miez an den Baum. Ab ins Gitterstäblehäusle mit dir!“ Jababaga lief vor Zorn rot an, dass sie aussah wie eine leuchtende Laterne am Kutschbock.

„Bitte, bitte, liebe Hexe, halte ein“, bettelte Hetel. „Ich war so hungrig, dass ich es nicht lassen konnte, von deinem Häuschen zu naschen. Lass mich gehen, ich werde es auch nie wieder tun. Was soll aus meinem Gränsel werden, wenn du mich hier einsperrst. Er wird elendig verhungern.“ Heftig schlug Hetels erschrockenes Herz in ihrer Brust.

„Nix da, du Diebin. Dafür wirst du bestraft“, rief die Hexe außer sich vor Wut und schleppte die Gefangene zu der Gitterbox, die neben ihrem großen Backofen stand. Grob stieß sie Hetel da hinein und knallte die Tür hinter ihr zu. Der Schwung, den Hetel hatte, katapultierte sie in die nächste Ecke, wo sie betäubt wie ein nasser Sack zu Boden rutschte.

„Bitte, bitte. Liebe Hexe, ich werde das auch nie wieder tun“, bettelte Hetel weiter um Vergebung, als sie zu sich kam und sah, dass sie eingesperrt war. Dabei liefen ihr die Tränen wie Wasserfälle über die Wangen. Binnen kurzer Zeit bildeten sich so große Pfützen um sie, in denen man schon schwimmen lernen und das goldene Seepferdchen erwerben konnte. Die Hexe jedoch ließ sich von der jammernden Hetel nicht beeindrucken. Sie blieb gefangen.

Es wurde Abend, Hetel saß immer noch eingekerkert in der Gitterbox. Ihr Mut war inzwischen auf den Nullpunkt gesunken. Schon wollte sie sich ihrem Schicksal ergeben, da sah sie, wie Gans im Hlück über die Wiese schlenderte und sich dem Lebkuchenhaus näherte.

Außer sich vor Freude, endlich Jemanden zu sehen, rief ihm Hetel zu: „Gans im Hlück, hol mich hier raus. Die böse Zuhälterhexe hat mich eingesperrt.“

Der Gans im Hlück hörte die Rufe des verzweifelten Mädchens und schaute sich um. Da entdeckte er die gefangene Hetel in der Gitterbox neben dem Backofen. Gerade wollte er ihr zu Hilfe kommen, als die Hexe aus dem Haus trat und Hetels vermeintlichen Retter entdeckte, der sich bereits der Gitterbox näherte.

„Ah, der Gans im Hlück“, rief Jababaga erfreut, „dich schickt der Himmel. Hilf mir doch, meinen Ofen anzuheizen. Das dumme Ding will heute nicht so, wie ich es will.“

„Aber Hexe, um diese Zeit noch“, versuchte Gans sich die Arbeit vom Hals zu halten. Er konnte sich schon denken, was die garstige Hexe im Schilde führte. Sie war für ihre perversen Foltermethoden waldbekannt.

„Natürlich jetzt!“, rief die Hexe aus. „Ich habe Hunger. Schau mal, mein Abendmahl wartet bereits sehnsüchtig auf mich.“ Während sie das aussprach, wabbelten ihre feisten Backen wie der Bauch eines Hängebauchschweins und ihre mit einer großen Warze bestückte Nase wackelte wie dessen Ringelschwänzchen.

„Nein, ich will nicht. Mach deinen Mist doch selber“, wehrte sich Gans im Hlück.


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