Dorothea und der Flötenspieler

Auszug aus Kapitel 3


Voller Vorfreude sah Dorothea dem Tag ihrer Vermählung entgegen. Gemeinsam mit ihren Freundinnen war sie beim Schneider gewesen, der ihr ein wundervolles Brautkleid gefertigt hatte. Die Braut fühlte sich darin wie eine Prinzessin. Ihre Freundinnen bewunderten ihre Schönheit, so manche beneidete sie sogar. Auch freute sich die junge Braut bereits auf Theodors Gesicht, wenn ihr Vater sie in der Kirche an ihren Bräutigam übergab.

Dorothea hätte sich noch wohler gefühlt, wenn ihre Mutter die Freude mit ihr geteilt hätte. Die Frau jedoch hatte nicht über ihren Schatten springen können. Sie konnte es ihrer Tochter nicht verzeihen, ohne ihr Einverständnis Theodors Antrag angenommen zu haben. Auch ihrem Gatten zürnte sie deswegen, über ihren Kopf hinweg entschieden zu haben. Mit ihm hatte sie seitdem kaum ein Wort gewechselt. Nur als Theodor mit seinen Eltern höchstpersönlich vorsprach und Dorothea noch einmal offiziell seinen Antrag vortrug, ließ sie sich herab, dem Treffen beizuwohnen.

Die Brautleute hatten die Trauung in der Kirche bereits hinter sich. Seit dem frühen Nachmittag feierte sie mit ihren Gästen ein rauschendes Fest in Theodors Elternhaus. Dorotheas Wangen war von dem vielen Champagner gerötet. Mit wie vielen Gästen sie auf ihr Wohl hatte anstoßen müssen, wusste sie bereits gar nicht mehr. Nun hatte sie einen Schwips und kicherte mit ihren Freundinnen über die Witze der anwesenden Herren.

Gerade eben hatte ihr Bräutigam ihr etwas ins Ohr geflüstert, was sie noch mehr erröten ließ. Beschämt senkte sie den Blick und nickte schüchtern. Theodors Freunde, die etwas ganz Bestimmtes vermuteten, gaben zotige Sprüche zum Besten. Einige der Damen räusperten sich gekünstelt, mussten dann aber doch kichern.

„Meine lieben Gäste“, erhob Theodor die Stimme, als er an ein Glas geklopft und um Ruhe gebeten hatte. Sein Blick ging zur Uhr, die bereits die elfte Stunde anzeigte. „Es wird Zeit, dass ich mich mit meiner liebreizenden Gemahlin zurückziehe.“ Galant half er Dorothea auf, die vor Aufregung nicht wagte, die Gäste anzuschauen. „Meine Dame, wenn Ihr mir folgen mögt.“ Theodor lächelte Dorothea an und küsste deren Hand.

„Aber gerne“, flötete die junge Braut. Ihr Herz klopfte immer schneller in Betrachtung dessen, was sich hinter verschlossenen Türen im Brautgemach bald abspielen würde.

Auch mehrere der älteren Damen erhoben sich und versammelten sich um das junge Paar.

„So geht das aber nicht“, protestierte eine von ihnen. „Wir“, sie zeigte auf die Damenrunde, „werden Eure Gemahlin höchstpersönlich nach oben ins Brautgemach begleiten und sie auf die Hochzeitsnacht vorbereiten. Immerhin ist sie noch unwissend und muss vorher von uns unterrichtet werden. Die Herren indessen werden Euch, lieber Bräutigam, ins Ankleidezimmer führen und Euch dort vorbereiten. Wenn die Braut für Euch bereit ist, werden wir Euch rufen lassen.“

Nun war es an Theodor, peinlich berührt zu sein. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass einige der weiblichen Gäste so auf Tradition pochten.

„Soll womöglich noch ein Pfaffe das Brautbett segnen?“, rief er genervt aus. Am liebsten hätte er sich mit seiner schönen Frau sofort zurückgezogen.

„Wenn Ihr es wünscht“, erwiderte die älteste der Frauen und wollte schon nach einem Diener rufen, damit dieser den Pfarrer herbeiholt.

„Untersteht Euch“, stieß Theodor entsetzt aus, worauf alle laut lachten.

Während sich die Männer mit Theodor im Schlepptau ins Ankleidezimmer trollten, huschten die Frauen mit Dorothea ins Brautgemach. Als die jungen, noch unverheirateten Brautjungfern folgen wollten, wurden sie an der Tür aufgehalten. „Nicht für unverheiratete Jungfern“, beschied ihnen die Anführerin der verheirateten oder verwitweten Frauen und warf ihnen die Tür vor der Nase zu.

Bald darauf konnte man aus dem Brautgemach ein Kichern vernehmen. Jede der Älteren hatte für Dorothea einen Rat. Die eine wusste zu erzählen, wie eine Frau am schnellsten ein Kind empfangen konnte, am besten einen Knaben, um die Erbfolge der Familie zu sichern. Eine andere berichtete, wie sie den Mann leiten musste, damit der möglichst schmerzarm den Hymen durchstoßen konnte. Dorothea wusste gar nicht, welcher Frau sie zuerst zuhören sollte. All das interessierte sie nicht, viel lieber wäre sie nun endlich mit ihrem Gemahl allein.

Während die Frauen aufgeregt durcheinander sprachen, entkleideten sie die Braut. Beschämt trat Dorothea von einem auf den anderen Fuß. Ihre Begleiterinnen nervten sie inzwischen. Doch die ließen sich nicht beirren. Ehe sie die Braut ins Bett legten, mussten sie noch deren körperlichen Vorzüge preisen. Da wurde von einem gebärfreudigen Becken gesprochen, oder von Brüsten, die gut und gerne zwei Säuglinge auf einmal nähren konnten. Sogar ihre Scham wurde inspiziert und ihr daraufhin geraten, sich dort die Haare trimmen zu lassen. Das sähe schöner aus als ein wirrer Busch. Außerdem wäre dies auch für den Mann sehr anziehend, wenn seine Frau an dieser Stelle mehr Blöße zeigte.