Dorothea und der Flötenspieler

Kapitel 2


Dieses Mal gibt es das gesamte Kapitel unzensiert, da in diesem Kapitel nichts beschrieben wird, was für die Augen Minderjähriger nicht geeignet ist.


Beschwingt und vor Freude lächelnd lief Dorothea nach dem Treffen mit Theodor im Park zurück nach Hause. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Theodor hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. Noch zwei weitere Male hatte sie nachfragen müssen, ehe sie ihm glaubte. Mit größter Freude hatte das Mädchen den Antrag angenommen. Bald würde sie Theodors Frau sein, und dann, ja dann endlich könnten sie das tun, was er ihr heute verwehrt hatte. Sie freute sich schon darauf. Aber nicht nur auf das.

Dorothea errötete auf heftigste über ihre sehr unzüchtigen Gedanken, die durch ihr hübsches Köpfchen schwirrten. Obwohl sie nichts lieber täte, als sich ihrem Liebsten hinzugeben, musste sie sich noch einige Zeit gedulden, bis er ihr die Flötentöne beibringen würde. Die Wollust hatte sie heute einfach übermannt, dass sie kaum an sich halten konnte.

Wenn nur ihre und seine Eltern nicht wären, die noch ihr Einverständnis zu Vermählung geben mussten. Dorothea kannte ihre Mutter zu gut. Sie würde zetern, sie Strafarbeiten machen lassen und ihr Ausgehverbot erteilen, weil ihre ach so wohlerzogene Tochter es gewagt hatte, ohne Erlaubnis einen Heiratsantrag anzunehmen und heute nun auch schon wieder zu spät nach Hause kam. Doch die Strafen würde Dorothea gerne in Kauf nehmen, wenn sie ihren Theodor nur baldigst ehelichen durfte.

Ganz anders war Dorotheas Vater Arthur, der sie über alles liebte. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und erfüllte ihn, ohne nachzufragen. Er würde sich garantiert nicht gegen das Glück seiner Tochter stellen.

Ihr unzüchtiges Benehmen im Park wollte Dorothea lieber auch vor ihm geheim halten. Er sollte sich nicht für seine Tochter schämen müssen.

„Dorothea, du bist schon wieder zu spät nach Hause gekommen“, keifte ihre Mutter Garsende, kaum dass das Mädchen die Haustür hinter sich geschlossen hatte. Die Mutter musste sie bereits erwartet haben. Ungeduldig tippte sie mit ihrer Schuhspitze auf den Parkettboden und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die große Standuhr, die den Eingangsbereich des Hauses dominierte. „Ich frage mich, wessen Erziehung du genossen hast“, keifte Dorotheas Mutter weiter. „Von mir hast du das garantiert nicht!“

„Entschuldigt, Mutter. Wir haben die Zeit ganz vergessen. Auch meine anderen Freundinnen sind heute zu spät nach Hause gegangen“, versuchte Dorothea Garsendes Vorwürfe abzuwehren.

„Sie werden hoffentlich, wie du, eine Strafe auferlegt bekommen“, schimpfte Garsende weiter. „Ein wohlerzogenes Mädchen deines Standes verspätet sich nicht!“ Ihre Augenbrauen hoben sich, während sie ihre Tochter betrachtete, die verschämt nach unten blickend vor ihr stand.

„Das wollte ich nicht. Entschuldigt nochmals. Es wird nicht wieder vorkommen“, presste Dorothea hervor. Sie musste sich beherrschen, um ihren Zorn nicht laut heraus zu schreien. Ihre Mutter behandelte sie wie ein kleines Kind, mit dem sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Sie war keine alles nachplappernde Puppe, sondern eine eigenständige Person mit Hirn im Kopf.

„Das interessiert mich nicht!“, erwiderte Garsende geziert. „Du bist zum wiederholten Male zu spät. Geh auf dein Zimmer. Die Strafe für dich werde ich mir noch durch den Kopf gehen lassen.“

„Mutter! Das könnt Ihr nicht tun!“ Dorothea funkelte die vor ihr stehende Frau zornig an. Garsende überragte ihre Tochter um eine Haupteslänge, so dass diese zu ihr aufblicken musste. Schon wollte sie erneut ansetzen, um sich zu verteidigen.

„Still, du ungehorsames Ding!“, kreischte die Mutter hysterisch. „Geh! Sofort! Wir sprechen uns noch!“

Dorothea kannte ihre Mutter nur zu gut. Gerade eben würde es nichts bringen, weiter auf sie einzureden. Sie hob stolz ihren Kopf und sah sie energisch an. „Wie Ihr wünscht“, sagte Dorothea nur und stieg langsam die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Sie musste sich beherrschen, nicht hinauf zu rennen, sondern wie es ihr Mutter stets verlangte, zu schreiten. Oben angekommen lief sie aber schneller und knallte die Tür ihres Zimmers schwungvoll hinter sich zu.

Ihre Zofe Anna, die eben Dorotheas Wäsche sortierte, erschrak sich mächtig, als ihre Herrin vollkommen aufgelöst herein gestürmt kam und sich auf das Bett warf.

„Herrin, was habt Ihr?“, fragte das Mädchen mit sorgenvoller Miene, als sie sah, dass Dorothea ihr Gesicht in ein Kissen presste. Sie weinte bitterlich und zitterte am ganzen Körper.

„Meine Mutter! Sie ist so ungerecht!“, presste Dorothea schluchzend hervor. Sie warf sich in die Arme ihrer Zofe, die ihr mehr Freundin war als ihre eigene Mutter. „Wegen ein paar Minuten regt sie sich auf und will mich strafen. Wer weiß, was sie sich nun wieder einfallen lässt, nur um mich zu ärgern.“

„So schlimm wird es schon nicht werden“, versuchte Anna sie zu trösten. „Ihr kennt doch Eure Mutter. Ihr Zorn verfliegt schneller als Ihr denken könnt. Sie liebt Euch doch und will nur das Beste für Euch.“

„Pah, sie liebt mich? Davon merke ich aber nichts“, sagte Dorothea trotzig und sah ihre Zofe zornig an. „Dabei sollte sie sich glücklich schätzen, dass ich bald eine verheiratete Frau sein werde und nicht mehr das kleine Mädchen, das sie hin und her schieben kann wie eine Puppe.“ Dorotheas Augen funkelten vor Freude über die bevorstehende Vermählung. Ihr Mund verzog sich dabei zu einem entzückenden Lächeln.

„Ihr meint? Ihr habt…“, Anne brachte fast kein Wort hervor.

„Ja, ich habe… Theodor hat mir einen Antrag gemacht und ich habe ihn gerne angenommen.“ Dorotheas Augen begannen zu strahlen, als sie ihrer Zofe erzählte, wie ihr Theodor vor ihr kniete und seine Bitte vortrug.

„Mein Glückwunsch. Ich freue mich so für Euch! Seht Ihr, Euer Theodor liebt Euch. Dabei habt Ihr so gezweifelt und nun seid Ihr bald seine Gemahlin.“

„Nun muss ich es nur noch meinen Eltern beibringen“, bremste Dorothea die Vorfreude ihrer Zofe aus. „Bei meinem Vater sehe ich kein Problem, aber bei meiner Mutter.“

„Glaubt mir, so böse kann Eure Mutter gar nicht sein, Euch nicht die Erlaubnis zur Vermählung zu geben“, erwiderte Anna. Tief in ihrem Inneren wusste sie allerdings, Dorotheas Mutter war eine hartherzige Frau, die niemanden Glück gönnte.

„Du kennst meine Mutter noch nicht so gut wie ich. Sie wird…“ Dorothea erstarrte, als sie plötzlich die Gestalt ihrer Mutter in der offenen Zimmertür stehen sah. Von den Mädchen unbemerkt hatte Garsende die Tür geöffnet und wollte eben eintreten.

„Was werde ich?“, fragte sie, neugierig tuend. Sie hatte zwar bereits genug gehört, als sie heimlich an Dorotheas Tür lauschte. Sie wollte es aber noch einmal hören, direkt aus dem Mund ihrer Tochter, wenn sie ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. „Nun! Ich höre!“, drängte Garsende ungeduldig.

Dorothea wurde bleich vor Schreck. Wie konnte sie sich nur so gehen lassen. Sie hätte es wissen müssen, dass ihre Mutter sie nicht einfach so gehen lassen würde. Jetzt saß sie in der Patsche und wusste weder aus noch ein.

„Was redest du hinter meinem Rücken über mich? Und bist nun auch noch zu feige, es mir ins Gesicht zu sagen! Ich bin enttäuscht von dir, sehr enttäuscht!“ Die Stimme ihrer Mutter wurde immer schriller, sie überschlug sich beinahe.

„Nutzt die Gelegenheit“, flüsterte Anna Dorothea ins Ohr.

„Meinst du?“, fragte Dorothea, worauf Anna nur nickte.

„Das ist jetzt die beste Gelegenheit“, machte Anna ihr noch Mut.

„Gut!“ Dorothea straffte den Rücken und blickte ihrer Mutter gelassen entgegen. „Ihr habt richtig gehört, Mutter“, wandte sie sich dann an die Frau. „Wann habt Ihr mir Liebe gegeben? Liebe, so wie ich sie stets von Vater erfuhr? Immer nur strenge Erziehung! Das ist nun vorbei! Ich bin erwachsen, Mutter! Und bald werde ich eine verheiratete Frau sein. Ihr werdet es mir nicht verbieten können! Ihr nicht!“ Dorotheas Mut wuchs mit jedem einzelnen Wort, das ihren Mund verließ.

„Das ist doch wohl die Höhe! Du wagst es, so mit deiner Mutter zu sprechen? Das wird Folgen für dich haben!“ Garsendes Stimme überschlug sich nun endgültig.

„Was schreist du hier so herum?“, wollte Dorotheas Vater Arthur wissen, der das Geschrei seiner Frau bis in sein Arbeitszimmer gehört hatte. „Was wird Folgen haben? Sprich endlich, Frau!“

„Vater, ich werde heiraten“, wagte Dorothea nun auch ihrem Vater die Neuigkeit zu verkünden. „Mutter wird mich nicht davon abhalten. Ich liebe Theodor und er mich.“

„Aber Kind, warum so aufgebracht? Natürlich wird dir deine Mutter die Vermählung nicht verwehren.“ Arthur zwängte sich an seiner Frau vorbei ins Zimmer seiner Tochter. „Erzähle, Liebes, wer ist dieser Theodor, der es wagt, mir meine geliebte Tochter zu entführen?“, scherzte Arthur. „Wo hast du ihn kennengelernt? Ich will alles über ihn wissen.“ Der Mann strahlte vor Freude über das ganze Gesicht. „Wenn du Theodor liebst und er dich, dürft ihr selbstverständlich vor den Traualtar treten“, sagte Arthur zu seiner Tochter, als diese ihre Geschichte zu Ende erzählt hatte. „Du bist dir aber sicher, dass dies keine kindliche Träumerei ist?“, wollte er noch wissen.

Dorothea nickte auf diese Frage entschieden mit dem Kopf. „Ich bin mir sicher, Theodor ist der Richtige.“ Sie strahlte wie die Sonne und fiel ihrem Vater vor Freude um den Hals. Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die stopplige Wange.

„Ihr solltet Euch aber vor der Trauung noch einmal rasieren. Ihr kratzt“, meinte Dorothea nun auch scherzhaft zu ihrem Vater.

Der lachte auf. „Natürlich“, erwiderte er. „Aber nur unter der Bedingung, uns deinen Theodor vorher vorzustellen.“ Er zeigte auf seine Frau, die wie zur Salzsäule erstarrt im Zimmer stand. „Immerhin wollen wir deinen Bräutigam vorher einmal sehen, damit wir wissen, wem wir unsere Tochter anvertrauen“, beendete er seinen Satz. Dann ging er zu seiner Anvertrauten, zog sie in seine Arme und gab auch ihr einen Kuss. „Gib deinem Herzen einen Stoß“, flüsterte er Garsende ins Ohr, worauf die sich ein gequältes Lächeln abrang.