Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 2 -  Kapitel 1


Während sich Sally erholte und ihre körperlichen Wunden langsam heilten, leitet in ihrem Heimatort Lord Cedric Kimberley die Suche nach ihr ein. Sein Kundschafter Henry Moore, den er eigenhändig zu sich gebeten hatte, saß dem Lord in seinem Arbeitszimmer gegenüber. Außerdem hatten sich auch Miss Sallys Freunde zu dem Treffen dazu gesellt. Adelaide, die als Hauptaugenzeugin am Ort des mutmaßlichen Verbrechens galt, beantwortete die Fragen des Detektivs so gut es ging.

„Es ist schade, dass Ihr gerade in der Tatnacht bei Euren Eltern genächtigt habt“, sagte Henry eben zu der Zofe, die wie ein Häufchen Elend auf ihrem Stuhl saß und vor Aufregung Mühe hatte, sich ordentlich auszudrücken.

„Wir konnten doch nicht ahnen, dass genau in dieser Nacht ein Anschlag auf meine Herrin verübt wird“, wehrte Adelaide verzweifelt ab. „Außerdem wollte es Miss Sally so.“

„Das sollte kein Vorwurf sein, Miss“, versuchte der Detektiv das Mädchen zu beruhigen. „Anscheinend wusste Sally, wie gefährlich ihre Stiefmutter ist und wollte Euch aus deren Reichweite wissen. Bitte denkt nicht, ich will Euch etwas anhängen. Es ist nicht Eure Schuld, dass es so gekommen ist. Aber jeder noch so kleine Hinweis könnte wichtig sein, auch wenn er in den Augen anderer nicht als wichtig erscheint.“

„Entschuldigt bitte, das hatte ich falsch aufgefasst. Ich fühle mich aber so schuldig“, entgegnete Adelaide errötend, als Henry geendet hatte.

„Ihr müsst Euch nicht schuldig fühlen“, erwiderte dieser. „Doch nun erzählt bitte weiter.“

Adelaide versuchte, sich zu erinnern. So erfuhr Henry vom angeblichen Unfalltod Adrians. Aber auch von Liliths Drohung, Sally ins Kloster zu schicken, falls sie nicht innerhalb einer bestimmten Zeit verheiratet sein sollte, oder wenigstens eine Eheschließung bevorstehen sollte.

Henry machte sich Notizen, um keinen Hinweis zu vergessen. „Seit wann wusste Miss Sally von der Drohung mit dem Kloster und wann sollte sie dorthin?“, wollte er wissen, worauf Adelaide den Zeitpunkt auf etwa ein Jahr vorher datierte. Auf Henrys Frage, wann und unter welchen Umständen der Vater der Vermissten zu Tode kam, schwiegen erst einmal alle Betroffenen. Der Detektiv wusste, manchmal musste er seinen Klienten ein wenig Zeit geben, damit sie sich sammeln konnten. Vor allem, wenn vom einem schlimmen Ereignis zu berichten war. Deshalb schwieg er vorerst und wartete.

„Darf ich?“, fragte Sir Selwyn, als er bemerkte, Adelaide tat sich schwer, über Adrians Tod zu sprechen.

„Natürlich“, antwortete die Zofe. Sie war froh, nun nicht weiter sprechen zu müssen.

So erfuhr Henry nun von Sir Selwyn genaueres über den Vorfall an Sallys Geburtstag und denen zu Adrians Beerdigung.

Wortlos dachte Henry über Selwyns Bericht nach.

„Da fällt mir noch etwas ein“, durchbrach Sir Selwyn plötzlich die aufgekommene Stille.

„Bitte, erzählt, was Euch aufgefallen ist“, forderte Henry den Mann auf. Auch alle anderen waren gespannt, was ihrem Freund noch einfallen war.

„Ich erinnere mich, wie Lilith am Tag von Adrians Beerdigung zwei zwielichtige Gestalten empfangen hat. Ich konnte die Unterredung aus nächster Nähe mitverfolgen. Die beiden verlangten den Rest des Geldes, das ihnen für einen Auftrag versprochen wurde. Sie hat ihnen dann Schmuck als Anzahlung für den Rest des Geldes angeboten, da sie nicht so viel Bargeld im Haus hatte. Über genug Geld würde sie erst nach der Testamentseröffnung verfügen. Am selben Abend hat sich Lilith wie ein Dieb aus dem Haus geschlichen, um den Schmuck zu übergeben. Ich bin ihr heimlich gefolgt und habe das Ganze beobachtet.“

„Das ist ja sehr interessant. Dem sollte ich nachgehen und herausfinden, was das für Kerle waren. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang zwischen Adrians Tod und Sallys Verschwinden“, gab Henry zum besten, als Sir Selwyn geendet hatte. „Habt Ihr die dunklen Gesellen vorher schon einmal irgendwo gesehen?“

„Ich kannte die Männer nicht. Sie redeten nur etwas von ausgeführtem Auftrag“, erwiderte Selwyn. „Ob es einen Zusammenhang der beiden Ereignisse gibt, das kann ich nicht sagen. Ich traue es Lilith zu, ihren Gatten und die ungeliebte Stieftochter aus dem Weg geräumt zu haben. Sie ging schon immer über Leichen, wenn es für sie von Vorteil war.“ Selwyn berichtete noch kurz, wie es dazu kam, dass Adrian Lilith ehelichte. Als Jugendfreund des Verstorbenen kannte er die Zusammenhänge der Verbindung.

„Gut, das ist schon ein Punkt, an dem ich ansetzen kann“, erwiderte Henry. Er stand auf und ging zum Fenster. Nachdenklich schaute er hinaus in den Garten. „Nun aber noch einmal zu Sally“, sprach er weiter, nachdem er sich zu seinen Klienten umgedreht hatte. „In welches Kloster sollte Sally eintreten?“

„Das in Canterbury“, antwortete Adelaide sogleich. „Eine Woche nach ihrem Geburtstag sollte sie dorthin reisen. Doch dann kam die Entführung dazwischen. Vielleicht ist sie ja dort und wir wissen es nur noch nicht.“

„Das werde ich als Erstes recherchieren“, versprach der Detektiv. „Nur verstehe ich nicht, warum Eure Freundin dorthin entführt worden sein soll, wenn sie eine Woche später sowieso dorthin gehen musste.“

„Das wird Eure Aufgabe sein, auch das herauszufinden“, warf Lord Cedric ein.

„Auf alle Fälle werde ich dies tun“, meinte Henry darauf. „Wenn Sally wider Erwarten nicht im Kloster angekommen sein sollte, muss ich nachdenken, welche Schritte ich als nächstes tun werde.“

„Tut das, Mister Moore“, sagte Lord Cedric. Er öffnete die Schublade seines Schreibtischs und holte einen prall gefüllten Lederbeutel heraus. „Das sollte für den Anfang genügen“, meinte er, während er diesen seinen Kundschafter überreichte.

„Das ist mehr als genug“, sagte Henry lächelnd, als nach dem Inhalt geschaut hatte.

„Nehmt nur, Ihr werdet es brauchen“, wehrte Lord Cedric ab, als Henry einen Teil des Geldes zurückgeben wollte.

„Herzlichen Dank“, erwiderte Mister Moore und verbeugte sich vor seinem Auftraggeber. „Das wäre für heute alles. Sollte ich noch Informationen benötigen, melde ich mich. Ladies, Gentleman. Sie hören von mir!“ Henry verbeugte sich nochmals knapp und verließ die illustre Gesellschaft.

„Ob Mister Moore unsere Miss Sally findet?“, ließ Adelaide leise von sich hören, nachdem der Kundschafter die Tür hinter sich geschlossen hatte. Noch hatte die Zofe keine Hoffnung, ihre Herrin jemals wieder zu sehen.

„Aber meine Liebe! Ihr zweifelt? Nicht doch“, erwiderte Lady Ophelia. „Moore ist gewitzt und hat bisher immer zu unserer Zufriedenheit gearbeitet. Warum sollte er es dieses Mal nicht tun? Dazu gibt es keinen Grund. Kopf hoch und zweifelt nicht. Unsere Miss Sally wird bald wieder unter uns weilen. Wir müssen ganz fest daran glauben und beten.“ Aufmunternd und tröstend strich sie dabei über Adelaides Arm.

***
Nachdem Henry sich verabschiedet hatte, beschloss er, zuerst nach Canterbury zu reiten, um dort die Suche nach der Vermissten aufzunehmen. Unter einem Vorwand wollte er sich ins Kloster einschleichen. Vielleicht hatte er Glück und Sally befand sich wirklich dort. Wenn nicht, bedeutete das viel Arbeit für ihn. Doch der prall gefüllte Beutel voller Geld entschädigte ihn schon jetzt für seinen Aufwand.

„Mein Pferd bitte“, rief Henry einem Knecht zu, der eben über den Gutshof gelaufen kam und anscheinend nichts zu tun hatte.

„Sofort Sir“, antwortete der Mann und führte den Befehl sogleich aus. Wenig später ritt Henry in Richtung Canterbury vom Hof. 


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