Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 2 -  Kapitel 3


Während der Nacht konnte Garrick nicht zur Ruhe kommen. Anstatt zu schlafen, musste er immer wieder an Sally denken, nach der er suchte. Wo mochte sie nur sein? War sie vielleicht sogar schon tot? Sie konnte doch nicht wie vom Erdboden verschluckt sein. Das am Abend Gehörte konnte er fast nicht glauben. Sollte Sally wider Erwarten doch auf einem Sklavenschiff gelandet sein, hatte er ein Problem. Er wollte mal lieber nicht gleich den Teufel an die Wand malen, sondern nur darauf hoffen, das Mädchen so bald wie möglich gesund und munter zu finden.

Am nächsten Morgen hatte der Detektiv einen Plan. Zuerst wollte er nochmals die Äbtissin aufsuchen und ihr sein Wissen präsentieren. Vielleicht gab sie heute mehr von sich preis. Wenn sie von Sallys Entführung wusste, musste sie etwas über deren Verbleib wissen. Danach wollte er zurück und Mistress Lilith aufsuchen. Er konnte nur hoffen, dass diese ihm die Wahrheit sagen würde, wobei er sich bei dieser Frau keine große Hoffnung machte.

Nachdem Garrick sich sein Pferd hatte bringen lassen, machte er sich auf den Weg zum Kloster. Diesmal war das Wetter besser als am Tag zuvor. Sogar die Sonne schaffte es, die letzten Regenwolken beiseite zu schieben. So nutzte er den Weg, sich ein wenig in der Stadt umzusehen. Auf dem Marktplatz tummelten sich noch mehr Menschen als am Abend zuvor. Kaufmannsfrauen mit ihren Töchtern und Mägden im Schlepptau flanierten zwischen den Marktständen und begutachteten die ausgestellten Waren. Ab und an blieben sie stehen, um mit den Händlern um den Preis der Ware zu feilschen. So mancher konnte ein gutes Geschäft machen.

In der Nähe des Brunnens entdeckte Garrick die drei Kerle, die am Abend im Gasthaus an seinem Nebentisch saßen und so laut palaverten, dass er jedes Wort verstehen konnte. Wie zufällig ging er an ihnen vorüber, in der Hoffnung, doch noch etwas Wichtiges aufzuschnappen. Den Hut tief ins Gesicht gezogen, blieb er an einem Stand in direkter Nähe stehen und tat so, als würde er die Auslage begutachten. Aber leider war ihm heute das Glück nicht hold. Die drei Ganoven prahlten nur lauthals mit ihren Eroberungen von letzter Nacht.

Ein wenig enttäuscht wandte sich Garrick ab und bahnte sich eine Gasse durch die Menschenmenge. Er nahm an, zu diesem Zeitpunkt in der Stadt nichts weiter über die Gesuchte zu erfahren. Daher schlug er endlich den Weg zum Kloster ein, wo er die Äbtissin erneut befragen wollte. Er war sich sicher, die Frau wusste mehr als sie zugab.

Als der Detektiv wenig später an die Klosterpforte klopfte, wurde er von der Pförtnerin freundlich in Empfang genommen. Sie beschied ihm, zu warten, damit sie der Äbtissin den Gast melden konnte. Mit watschelnden Schritten entfernte sie sich.

Garrick hatte nun Zeit, sie ein wenig in der Pförtnerloge umzusehen. Er erblickte auf dem Tisch ein dickes in Leder gebundenes Buch. Daneben stand ein Tintenfass und eine fast abgebrannte Talgkerze. Auch eine Schreibfeder lag zum Gebrauch bereit.

Von Natur aus neugierig, blätterte Garrick in dem Buch. Erfreut erkannte er, es wurden Eintragungen über Gäste gemacht. Fein nach Datum sortiert, standen die Namen der Besucher in Reih und Glied aufgeschrieben. Unter dem gestrigen Datum fand er seinen Namen. Nur der Grund des Besuches wurde nicht aufgeführt. Genau wie bei den anderen Besuchern. Garrick hätte am liebsten laut gejubelt. Womöglich konnte er hier in diesem Buch einen Hinweis über Sallys Verbleib finden. Hastig suchte er die Einträge nach dem Tag von Sallys Verschwinden. Jedoch darüber konnte er nichts finden. Dabei hatte er sich bereits so gefreut, einen Schritt weiter zu sein. Enttäuscht klappte der Agent das Buch zu, genau zum richtigen Zeitpunkt.

„Die Äbtissin erwartet Euch in ihrer Zelle“, hörte Garrick die Schwester Pförtnerin sagen.

Erschrocken drehte sich der Mann zur Tür, von wo aus die Nonne ihn lächelnd anblickte. Er hoffte, sie hatte nichts von seiner Tat bemerkt. Wenn doch, ließ sie sich nichts anmerken.

„Herzlichen Dank“, erwiderte Garrick und verbeugte sich galant vor der Frau, die trotz ihres Alters über so viel Höflichkeit ihr gegenüber errötete.

„Ihr findet den Weg?“, fragte sie ihn.

„Ja, das tue ich. Erst gestern wurde ich von der Äbtissin empfangen“, antwortete er und wollte sich entfernen.

„Wartet!“, rief ihm die Nonne hinterher.

Garrick blieb stehen, sah zurück und sie fragend an.

„Ihr werdet das Gesuchte hier nicht finden“, sagte die Schwester Pförtnerin. Dabei lächelte sie den Mann geheimnisvoll an. „Die Äbtissin wird ihr Wissen nicht preisgeben. Seid vorsichtig! Ihr bewegt Euch auf gefährlichem Pflaster.“

Garrick wollte etwas erwidern, doch die Nonne ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Geht jetzt. Ich kann Euch nicht mehr sagen.“ Sie drehte sich um und schloss die Tür des Pförtnerhäuschens hinter sich. Nachdenklich schaute der Kundschafter auf die geschlossene Tür.

Eine Zeit lang stand der Spion gedankenverloren vor der Pförtnerloge, ehe er sich besann, seinen Weg fortzusetzen. Immerhin wartete jetzt die Äbtissin auf ihn, die er ungern noch länger warten ließ.

Wenig später klopfte Garrick an die Tür der Äbtissin Christdora. Auf ihr „Herein“ trat er in deren Zelle und begrüßte die Frau, die in ihrer schwarzen Nonnentracht aussah wie eine Krähe.

„Was führt Euch erneut in meine heiligen Hallen?“, wurde der Agent von ihr gefragt.

„Werte Äbtissin“, begann Garrick nach kurzer Überlegung. „Ich bin mir sicher, Ihr habt gestern nicht die Wahrheit gesprochen.“ Er dachte sich, lieber ohne Umschweife auf den Grund seines Anliegens zu kommen. Das am gestrigen Abend gehörte hatte ihn in eine enorme Spannung versetzt. Er musste unbedingt herausfinden, was wirklich der Wahrheit entsprach.

Entrüstet schaute die Äbtissin den Kundschafter an. „Ihr wagt es, mich der Lüge zu bezichtigen?“, fuhr sie hoch. „Nie und nimmer würde ich solch eine Sünde begehen. Als Äbtissin dieses ehrenwerten Klosters bin ich verpflichtet, einen guten Leumund zu pflegen. Ich muss meinen untergebenen Nonnen ein Vorbild sein. Da wäre eine Lüge auszusprechen ein Fauxpas.“ Während sie ihre Worte Garrick regelrecht entgegen spie, fuchtelte sie aufgeregt mit den Armen.

„Ich bin mir sicher“, entgegnete Garrick selbstbewusst. „Eure gestrigen Worte entsprechen nicht der Wahrheit. Aus sicherer Quelle wurde mir zugetragen, dass Ihr über Miss Montgomerys Verschwinden im Vorfeld genaue Kenntnis hattet“, ließ Garrick die Katze aus dem Sack. „Gebt zu, Ihr steckt mit Mistress Montgomery, der Stiefmutter meiner Gesuchten, unter einer Decke. Außerdem wusstet Ihr von den beiden Gaunern, die die Drecksarbeit machen sollten.“ Dass die beiden zuletzt auf einem Schiff gesichtet wurden, verriet er lieber nicht.


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