Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 2 -  Kapitel 6


Nachdem Sir Selwyn und Garrick Moore die Nacht im Gasthaus in Canterbury verbracht hatten, machten sie sich am nächsten Morgen auf den Weg nach Dover. Dort vermuteten sie, Spuren der vermissten Sally Montgomery zu finden. Unterwegs besprachen die beiden Männer ihre weitere Vorgehensweise.

„Ihr bringt Euch keineswegs in Gefahr“, mahnte Garrick Sir Selwyn zum wiederholten Male. Er war zwar froh, nun nicht mehr allein nach Miss Sally suchen zu müssen, trotzdem war es ihm mulmig zumute. Sir Selwyn würde sich garantiert zu wehren wissen, falls es gefährlich werden sollte. Doch mutwillig in Gefahr wollte er ihn nicht bringen. Wer weiß, zu was die Ganoven, die die Gesuchte entführt hatten, noch fähig waren.

„Mister Moore, was haltet Ihr eigentlich von mir!“, fuhr Sir Selwyn den neben ihm reitenden Kundschafter an. „Ich bin kein kleiner Junge mehr, der sich ängstlich an den Rockzipfel seiner Mutter klammert. Es geht hier immerhin um meine zukünftige Ehefrau.“ Sir Selwyn war aufgebracht wie selten zuvor.

„Sir, natürlich weiß ich, zu was Ihr durchaus fähig seid. Ich bin auch froh, dass Ihr Euch an der Suche nach Miss Sally beteiligt. Vier Augen sehen mehr als nur zwei. Auch ich bin nicht vor Irrungen gefeit. Ihr solltet Euch aber trotzdem der Gefahr bewusst sein, in die wir geraten könnten.“ Garrick redete mit Engelszungen auf seinen Begleiter ein. „Ich würde Euch nie Euren Mut absprechen. Daher bitte ich Euch, sobald es gefährlich für Euer Leib und Leben wird, Euch sofort zurück zu ziehen und sich in Sicherheit zu begeben. Ich habe keine Lust, auch noch nach Euch suchen zu müssen.“

Selwyn gab sich ungern geschlagen. Er war eine Kämpfernatur und wollte dies zum Ausdruck bringen. Natürlich hatte der Detektiv recht. Was brachte es ihm, Sally befreit zu wissen, wenn er womöglich sein Leben dafür lassen musste. „Wenn Ihr es so wünscht, werde ich mich natürlich an Euren Rat halten“, sagte er zu ihm, obwohl er nichts lieber täte als an vorderster Front zu kämpfen. Den Rest des Weges blieb er eher schweigsam und hing seinen Gedanken nach. Er dachte an Sally, die er lieber heute als morgen in seine Arme schließen würde. Doch erst mussten sie die junge Frau finden.

In Dover angekommen, suchten sich die beiden Männer als erstes eine geeignete Unterkunft zum Übernachten. Nahe des Hafens wurden sie fündig. Das Gasthaus war zwar einfach, aber zum Übernachten fanden es die Herren ausreichend. Dank Sir Selwyns aristokratischen Auftretens und großzügig im Voraus bezahlten Geldes für die Unterkunft, war es ihnen vergönnt, ein Zimmer für sich allein beziehen zu können. Dorthin konnten sie sich ungestört zurückziehen und sich besprechen. Sie wollten ein paar Tage bleiben, um ihre Suche von dort aus in Ruhe weiterführen zu können.

Der Wirt war anfangs nicht sehr angetan von Sir Selwyns Verhalten. Doch als er die Münzen in den Händen hielt, die ihm der edle Herr überreichte, änderte er abrupt seine Meinung. Wann schon hatte er in dieser miesen Gegend so gut zahlende Gäste bewirten können. Katzbuckelnd bot er den Männern das beste Zimmer des Hauses an.

„Bitte sehr, Sir. Ich hoffe, es ist Euch genehm“, lispelte der Wirt durch seine Zahnlücken, als er hinter den beiden Herren das Zimmer am Ende des Ganges im oberen Stockwerk des Gasthauses betrat. Eifrig riss er das winzige Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen. Der Luftzug, der hereinwehte, wirbelte Staub auf, der sich auf den wenigen Möbeln abgesetzt hatte. „Ich werde sofort nach der Magd schicken. Sie wird Euch alles richten. Meine Knechte werden auch ein zweites Bett bringen.“ Der Wirt wieselte herum wie ein Derwisch, um es den Gästen so genehm wie möglich zu machen.

„Ja, ja, schon gut“, erwiderte Sir Selwyn genervt. „Lasst auch einen Badezuber und heißes Wasser bringen. Wir wünschen zu baden.“ Selwyn wedelte mit der Hand, um den Wirt nach draußen zu scheuchen. Immer wieder katzbuckelnd entfernte sich dieser endlich.

„Was für ein Schleimer“, sagte Garrick, nachdem der Mann die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Unser Aufenthalt hier wird nicht lang sein“, erwiderte Selwyn. „Das werden wir schon aushalten. Ich habe schon in schlechteren Kaschemmen nächtigen müssen. Außerdem werden wir hier nur zum Schlafen sein. Da wird uns der Kerl hoffentlich in Ruhe lassen.“ Selwyn lief rastlos in dem kleinen Raum auf und ab. „Was gedenkt Ihr, als nächstes zu tun?“, wollte er von Garrick wissen, der den Trubel unten auf der Straße beobachtete.

„Ich würde sagen, unser nächster Weg wird uns zum Hafenmeister führen. Dort möchte ich mich nach allen ausgelaufenen Schiffen der letzten Zeit erkundigen. Vielleicht erinnert sich jemand an Franklin und Henry. Die beiden müssten mit einem Fuhrwerk hier angekommen sein. Das Fuhrwerk oder die Pferde müssen irgendwo geblieben sein, wenn sie zuletzt auf einem auslaufenden Schiff nach Amerika gesichtet wurden. Ich denke nicht, dass sie zu Fuß in die Stadt gekommen sind.“

Sir Selwyn hörte aufmerksam zu. Der Detektiv musste recht haben. Die Schlüsse, die er zog, kamen nicht von ungefähr. Die beiden Gauner mussten schneller unterwegs gewesen sein als es zu Fuß möglich sein konnte. Dazu kam nur ein Fuhrwerk oder ein Pferd in Frage. Da Sally angeblich betäubt gewesen sein sollte, konnten sie das Mädchen kaum bis Dover getragen haben.

„Seid Ihr Euch sicher, dass wir hier Dover an der richtigen Stelle sind?“, wollte Selwyn wissen.

„Ob wir hier richtig sind, das kann ich nicht sagen“, erwiderte der Kundschafter wahrheitsgemäß. „Falls wir es wider Erwarten nicht sein sollten, müssen wir halt an anderen Orten weitersuchen. Ein Mensch kann nicht verschwinden, ohne jedwede Spur zu hinterlassen. Auch Miss Sally nicht.


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