Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 2 -  Kapitel 7


„Meine Herren, das Frühstück ist gleich bereit“, hörte Sir Selwyn es vor der Tür rufen. Darauf folgte ein energisches Klopfen.

Selwyn drehte sich zur Wand, zog die Decke über den Kopf und brummte verstimmt vor sich hin.

„Das Frühstück“, vernahm Selwyn nochmals die schrille Frauenstimme vor der Tür.

„Mister Moore“, knurrte Selwyn. „Macht, dass die da draußen endlich still ist! Die Stimme ist mir zu grauenhaft.“ Selwyn wälzte sich erneut herum und öffnete die Augen. Plötzlich war er hellwach. Er war allein! War der Detektiv bereits aufgestanden, ohne dass er es bemerkt hatte?

„Ich mahne nicht noch einmal“, sagte die Frau nochmals. „Wenn Ihr nicht rechtzeitig zum Frühmahl erscheint, ist das Euer Pech.“ Schritte entfernten sich.

Selwyn schwang endlich die Füße aus dem Bett und setzte sich auf. Alles um ihn herum drehte sich wie ein Karussell. Sein Kopf brummte, als würden tausende von Schmeißfliegen um ihn herumschwirren. Ihm wurde es übel. Er musste aufstoßen. Der Geschmack von abgestandenem Bier stieg ihm die Kehle hoch. Ein Zeichen, dass er sich bald übergeben musste.

Schwankend hielt sich Selwyn am Bettpfosten fest. Der Würgereiz wurde immer stärker. Er geriet in Panik. So schnell er konnte, lief er zum Fenster und riss es auf. Im letzten Moment schob er seinen Kopf durch die Öffnung.

„Hundsfott, elendiger! Kannst Du nicht woanders hin kotzen!“, hörte Selwyn auf der Straße unten jemanden wettern. Erschrocken zog er den Kopf ein. Vorsichtig spähte er dann hinaus und erblickte einen edel angezogenen Herrn, der sich eben Selwyns Hinterlassenschaften vom Umhang putzte und dabei schimpfte wie ein Rohrspatz.

Selwyn grinste. Was steht der Kerl auch gerade jetzt unter seinem Fenster. Selber schuld.

Sir Selwyn schloss das Fenster. Er fühlte sich besser. Sein Magen rumorte nicht mehr. Nur einen ekelerregenden Geschmack hatte er im Mund. Aus der kleinen Schüssel, die für die Morgentoilette bereitstand, warf er sich etwas Wasser ins Gesicht und spülte sich den Mund aus. Das kalte Nass belebte seine Sinne. Es ging ihm gleich noch besser. Der Mann zog sich an. Zum Glück hatte er sich vor dem zu Bett gehen noch entkleidet. So waren nun seine Hose, das Hemd und die Jacke fast faltenfrei. Kurz fuhr er sich noch mit feuchten Händen durch sein Haupthaar. Dann befand er sich bereit, sich zum Frühstück zu begeben.

In der Gaststube hatten sich bereits mehr oder weniger griesgrämig blickende Herren versammelt. Sie saßen vor ihren Tellern und schaufelten ihren Grießbrei in den Mund, den die Wirtin zubereitet hatte.

„Schweinefraß“, hörte Selwyn einen der Männer murren. Gut, Grießbrei war auch nicht gerade das, was er sich unter einem opulenten Frühstück vorstellte. Doch das war für´s Erste besser als gar nichts im Magen. Später konnte er ja noch irgendwo anders einkehren.

„Guten Morgen, der Herr“, begrüßte ihn die Wirtin, die eben mit einem Krug Most aus der Küche kam. „Habt Ihr gut geschlafen?“, wollte sie wissen.

„Hm“, knurrte Selwyn nur. Um die Uhrzeit war er nicht gerade zum Sprechen aufgelegt und nach einer durchzechten Nacht erst recht nicht. Selwyn schaute sich um und entdeckte Garrick Moore, der an einem der Ecktische saß.

„Da seid Ihr ja“, rief Garrick ihm durch die Gaststube entgegen. „Setzt Euch zu mir, hier ist noch Platz.“ Dabei wies er auf den leeren Stuhl neben sich.

Selwyn schlängelte sich durch die für diese Morgenstunde bereits gut besetzte Gaststube.

„Guten Morgen“, knurrte er dem Kundschafter entgegen.

„Ihr seht nicht gerade…“, Garrick kam nicht weiter. Er wurde unterbrochen.

„Könnt Ihr einfach mal Euer Maul halten!“, schnauzte Selwyn ihn an.

„Oh, oh. Der Herr hat üble Laune. Da bin ich lieber mal still“, frotzelte Garrick belustigt.

„Keine schlechte Laune, nur Kopfschmerzen“, erwiderte Selwyn und starrte in seine Schale mit Grießbrei. Erneut wurde es ihm übel. Der Geruch des Essens brachte ihn an seine Grenzen.

„Hier, trinkt erst einmal“, sagte Garrick und schob ihm einen Becher zu.

Gierig setzte Selwyn den Becher an die Lippen. Seine Kehle war wie ausgedörrt. Doch schon der erste Schluck stieß ihm erneut übel auf. Anstatt, wie erwartet Most, befand sich Bier im Becher. Schlimmer konnte es nicht kommen. Selwyn sprang auf und stürzte hinaus. Würgend übergab er sich erneut, bis nur noch Galle kam.

„Geht es besser?“, hörte er Garrick fragen, der ihm gefolgt war.

„Schon besser“, erwiderte Selwyn und wischte sich mit seinem Taschentuch den Mund ab. „Irgendetwas ist mir gewaltig auf den Magen geschlagen“, versuchte er sich zu entschuldigen.

„Ich würde sage, das Letzte gestern Abend war schlecht“, meinte Garrick und grinste. Gerade noch konnte er in Deckung gehen, sonst hätte ihn Selwyns Faust mitten ins Gesicht getroffen.


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