Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 3 -  Kapitel 2


Ganz einerlei war es Sally nicht, einem Menschen das Leben genommen zu haben. Aelfric war in ihren Augen zwar ein Arschloch, doch den Tod hatte sie ihm nie gewünscht. Wenn sie Pech hatte, hing sie bald am Galgen und hauchte in unwürdiger Weise ihr Leben aus. Das ihr aber noch lieber war, als dass sie Rodney vorher in die Hände fiele. Aelfrics Handlanger würde ihr weitaus Schlimmeres antun. Er würde sie vorher genüsslich quälen, eher er ihrem Leiden ein Ende setzen würde.

Immer wieder blickte sich Sally ängstlich um. Hinter jeder Ecke vermutete sie einen ihrer Häscher. Zu ihrer Freude war aber niemand auf der Suche nach ihr. Trotzdem wollte sie sich nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen.

Besonders gut kannte sich Sally nicht aus in der Stadt. Sie wusste nur, sie befand sich in Exeter. Doch wo genau die Stadt lag, entzog sich ihrer Kenntnis. Obwohl sie schon des Öfteren im Ort unterwegs war, um nach Freiern Ausschau zu halten, interessierten sie die lokalen Begebenheiten nicht. So war sie jedes Mal froh, wenn sie heil zurück zum Hurenhaus kam, ohne sich verlaufen zu haben.

Vor ihrer Entführung war sie nur mehrmals mit ihrem Vater in London gewesen. Tapfer schluckte sie die aufkommenden Tränen hinunter, die ihr bei dem Gedanken an ihren Vater hochkamen. Er wüsste nun einen Ausweg aus ihrer verzwickten Lage.

Sally erreichte den Markt. Die meisten Händler begannen bereits, ihre Stände abzubauen. Krampfhaft überlegte die junge Frau, was sie nun tun sollte. Sie wusste, sie musste baldigst aus der Stadt verschwinden, wenn sie nicht Rodney und dessen Kumpanen in die Hände fallen wollte. Womöglich war Aelfrics Leiche bereits entdeckt worden und alle waren auf der Suche nach ihr.

„Sally, was tust du hier?“ Sally erschrak sich mächtig, als plötzlich wie aus heiterem Himmel Sabrin vor ihr auftauchte. Ihre Freundin lachte sie erfreut an, was Sally ein wenig beruhigte. Sie kannte Sabrin inzwischen gut genug. Sie würde sich nicht verstellen, wenn sie von Aelfrics Tod wüsste.

„Sabrin, du hier!“, rief Sally erfreut aus. „Bist du schon lange unterwegs? Ich habe dich heute den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen.“

„Na du hast gut reden.“ Sabrin lachte laut. „Du warst doch die ganze Zeit mit Aelfric zugange. Er hat wohl mal wieder nicht genug bekommen können?“ Erneut lachte Sabrin, als sie Sallys gerötetes Gesicht sah. „Das muss dir doch nicht peinlich sein“, sagte sie kichernd zu ihr.

„Mir ist das nicht peinlich“, behauptete Sally. „Aelfric ist ein Arsch“, stieß sie dann angewidert hervor.

„Sally! Was ist los? Mit dir stimmt doch etwas nicht“, fuhr Sabrin die Freundin an, die daraufhin erneut die Gesichtsfarbe wechselte. Dieses Mal wurde sie bleich.

„Komm, gehen wir woanders hin“, sagte sie zu Sabrin und zog sie in eine menschenleere Gasse. Sally schaute sich suchend um, doch sie waren allein.

„Kann ich dir vertrauen?“, fragte sie Sabrin, die ihr widerwillig gefolgt war.

„Das weißt du doch“, erwiderte Sabrin und schaute ihre Freundin freundlich lächelnd an. „Du bist meine beste Freundin geworden. Ich vertraue dir. Das wünsche ich mir auch von dir. Also erzähl schon. Sonst platze ich vor Neugier.“

„Gut. Es darf niemand etwas davon erfahren, was ich dir nun berichte.“

„Ich schwöre, bei allem, was mir heilig ist“, versprach Sabrin daraufhin.

„Aelfric ist tot“, brachte es Sally endlich fertig, mit der Wahrheit herauszurücken.

Entsetzt sah Sabrin sie an. „Aelfric, tot? Das kann nicht sein! Wann, wo? Ich will alles wissen.“

„Ich bin daran schuld“, gestand Sally mit ängstlich klopfendem Herzen.

„Aber, Liebes, was redest du für Unsinn?“, versuchte Sabrin sie zu trösten.

„Nein, es ist kein Unsinn. Ich war es. Ich habe ihn abgestochen wie ein Mastschwein. Alles ist voller Blut, du weißt schon wo…“ Die Worte kamen aus Sallys Mund wie ein Wasserfall, als sie Sabrin den Tatvorgang schilderte.

„Oh mein Gott“, schluchzte Sabrin entsetzt, als Sally geendet hatte. „Du kannst unmöglich zurück ins Hurenhaus. Jeder wird dich als Schuldige sehen. Du warst zuletzt mit Aelfric zusammen. Wenn Rodney dich in seine Hände bekommt, dann gnade dir Gott. Am besten, du verschwindest für eine Weile von der Bildfläche.“