Die Hexe und der Vagabund

Auszug aus Kapitel 1


40 Jahre zuvor

 

Interessiert schaute sich die fünfjährige Magdalena um. An der Hand ihrer Mutter Ursula lief sie durch das kleine Dorf am Fuße der Burg Grimmlingen in der Nähe von Fürth. Alles war neu für sie. Daher war sie neugierig wie schon lange nicht mehr. Die ungewohnte Umgebung schüchterte sie zwar noch etwas ein, aber das würde sich garantiert bald ändern, wenn sie Spielkameraden gefunden hatte.

 

„Nun komm schon“, mahnte Ursula ihre Tochter und schritt etwas schneller voraus. Die Kleine hatte Mühe, der Mutter zu folgen.

                        

„Lass mich doch ein wenig schauen, Mutter. Als wir gestern hier ankamen, war es schon fast dunkel. Da konnte ich gar nicht sehen, wo wir sind, wer unsere Nachbarn sind, ob die vielleicht auch Kinder haben, mit denen ich spielen kann“, maulte das Mädchen. Es war ganz aufgeregt und wollte am liebsten die neue Umgebung sofort erkunden.

 

„Später kannst du dich immer noch im Dorf umschauen und alles auskundschaften. Jetzt erwartet uns erst einmal unser Herr. Den dürfen wir auf keinen Fall warten lassen“, erwiderte Ursula.

 

„Ich habe aber keine Lust, zur Burg zu gehen. Viel lieber würde ich mir Spielkameraden suchen“, maulte Magdalena weiter. „Auf der Burg ist es garantiert ganz langweilig für mich.“

 

„Der Herr will uns sehen. Dem haben wir Folge zu leisten. Du hast doch gehört, was uns sein Büttel übermittelte“, erklärte Ursula dem Kind. Sie war inzwischen etwas ungehalten über das Betragen ihrer Tochter.

 

„Aber…“, doch Ursula schnitt Magdalena das Wort ab. „Kein Wort mehr! Tu, was ich dir sage! Dass du immer wiedersprechen musst!“ Ursula sah die Kleine streng an.

 

Während Magdalena trotzig neben ihrer Mutter lief, näherte sich ein Junge, der die Beiden interessiert anschaute. „Seid ihr neu hier?“, wollte er wissen. „Ach, was frage ich so dumm! Ihr seid ganz bestimmt die Neuen in der Kate am Wald. Ich habe euch gestern dort gesehen“, stellte er fest.

 

„Wir sind wirklich neu hier“, rief Magdalene ihm zu. Sie wollte noch nach seinem Namen fragen, kam aber nicht mehr dazu.

 

„Wir haben jetzt keine Zeit zu palavern“, wehrte Ursula ab und ging einfach weiter, ohne den Burschen zu beachten. Der sah ihnen nur kopfschüttelnd hinterher.

 

Magdalena gab es auf. Schon jetzt hatte sie erkannt, wann sie verloren hatte. Trotzdem wagte sie es, noch einmal zurück zu schauen und dem Bengel einen Blick zuzuwerfen. Ehe sie ihrer Mutter eilig folgte, winkte sie ihm nochmals kurz zu. Als ihr Ursula versprach, später noch ins Dorf gehen zu dürfen, wenn sie artig wäre, hüpfte ihr Herz vor Freude.

 

Der Weg hinauf zur Burg war für das Mädchen sehr anstrengend. Trotzdem ließ sie sich die Erschöpfung nicht anmerken. Als sie endlich den steilen Aufstieg geschafft hatten, vermochten sie ihre kleinen Füße fast nicht mehr tragen. Liebend gern hätte sie sich irgendwo ins Gras gesetzt.

 

Am Burgtor wurden sie aufgehalten. Dem Wächter erklärte Ursula, der Herr würde sie erwarten. Ihr wurde der Weg erklärt und schon durften sie passieren. Magdalena staunte über die riesigen Mauern, zwischen denen ein schmaler Weg entlangging, der zu einem Hof führte. Plötzlich war es gar nicht mehr so langweilig, wie sie gedacht hatte. Von überall her kamen andere Gerüche. Vom Stall her konnte man das Quieken von Schweinen hören, die wohl gehalten wurden, um die Menschen auf der Burg zu ernähren. Ein Hund verfolgte eine Katze, die unverhofft stehenblieb und den viel größeren Verfolger anfauchte. Eben kam ein Knecht aus einem kleinen Gebäude. Er erblickte die Frau und das Mädchen, kam näher und fragte nach deren Begehr. Ursula sagte ihren Spruch auf.  

 

„Der Herr unterrichtet eben seine Knappen im Schwertkampf“, teilte der Knecht Ursula mit und befahl der Frau, ihm zu folgen. Er ging ihnen zum Innenhof voraus, von wo bereits lautes Geschrei und die Geräusche zusammenschlagender Holzschwerter zu hören war. Der Herr stand inmitten einer Schar schwitzender Jungen verschiedenen Alters, die mit den Schwertern aufeinander eindroschen. Mit geübtem Auge beobachtete er jede noch so kleine Bewegung seiner Schützlinge. Er ging zu einem und korrigierte dessen Haltung, schimpfte oder lobte auch.

 

„Wartet hier“, beschied der Knecht Ursula und begab sich zu seinem Herrn. Dort angekommen, nahm er seine Mütze ab und berichtete. Der Herr schaute auf und blickte zu den Ankömmlingen. Ursula knickste und nickte ihm entgegen. Nachdem der Knecht Bericht erstattet hatte, sagte der Herr etwas zu ihm. Dann kam der Untergebene zu Ursula und Magdalena. „Ich soll Euch zur Herrin bringen“, sagte er zu ihr. „Also folgt mir.“

 

Schweigend liefen Ursula und Magdalena neben dem Knecht und schauten sich weiterhin um. Sie kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Kurze Zeit später erreichten sie die große Halle, in der Gäste empfangen wurden. Der Knecht sprach eine der Mägde an, die geschäftig hin und her liefen.

 

„Die Herrin ist oben in ihrer Kemenate“, antwortete sie. „Ich gehe sogleich und melde die Ankömmlinge.“ Sie blickte zu Ursula. „Wartet hier“, sagte sie und eilte davon.

 

„Ihr braucht mich nun nicht mehr“, meldete sich der Knecht zu Wort.

 

„Vielen Dank für Eure Hilfe“, bedankte sich Ursula höflich. Der Knecht nickte nur und entfernte sich.

 

Wenig später kam die Magd zurück. „Die Herrin fühlt sich nicht wohl. Eigentlich empfängt sie an solchen Tagen niemanden. Doch sie macht heute eine Ausnahme, da du erst neu ins Dorf gekommen bist und sie dich und deine Tochter kennenlernen möchte. Daher soll ich Euch zu ihr in die Kemenate bringen“, erklärte die junge Frau. „Kommt bitte mit.“ Sie führte Ursula und ihre Tochter eine schmale Treppe nach oben. Dort kamen sie zu einem langen Gang, von dem links und rechts Türen abgingen. An einer blieb sie stehen und klopfte.

 

 

Von drinnen hörten sie ein „Herein“. Die Magd öffnete die Tür und ließ die Besucherinnen eintreten. 


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