Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 4 -  Kapitel 1


Sabrin war froh, Exeter endlich hinter sich lassen zu können. Ganz einerlei war es ihr aber nicht, Edwina dort zurück zu lassen. Aber die alte Frau, die seit vielen Jahren im Hurenhaus arbeitete, wollte sie nicht begleiten. So musste sie wohl oder übel den Weg nach Dilton Marsh allein gehen, um dort Sallys Freundin Genefa zu finden. Nun hoffte Sabrin, dass Edwina nicht den ganzen Zorn Rodneys auf sich nehmen musste. Der Hurenwirt ließ seine Wut öfter an seinen Mädchen aus. Auch Edwina hatte von ihm nicht nur einmal Prügel bezogen.

Die junge Frau musste an Sally denken, die als Bursche verkleidet mit dem Henker nach Dover unterwegs war. Sabrin musste über den gelungenen Streich lächeln. Rodney tobte bestimmt schon über den Verlust von gleich zwei Dirnen. Die zu ersetzen war bestimmt nicht so einfach. Welches der ehrbaren jungen Mädchen war schon bereit, seinen Körper freiwillig zu verkaufen. Da blieb ihm nur der Weg, auf dem Sally im Hurenhaus gelandet war. Aber was ging sie es an, wie Rodney nun an neue Mädchen kam? „Nach mir die Sintflut. Hauptsache weg von dort“, dachte sie sich. Obwohl sie selbst noch nicht in Sicherheit war, nahm sie nicht an, dass Rodney oder einer seiner Kumpane sie einholen könnte.

Voller Euphorie schritt sie voran. Obwohl sie nicht wusste, wo Dilton Marsh lag, machte sie sich deswegen keine Gedanken. Wozu hatte sie einen Mund, um nach dem Weg zu fragen. Irgendwer würde schon wissen, welche Richtung sie einschlagen musste. Sie konnte sich nur vorstellen, zu Fuß mehrere Tage unterwegs sein zu müssen, bis sie ihr Ziel erreichte.

Sabrin war es nicht gewohnt, allein zu sein. Nicht, dass sie sich ängstigte. Eher war es die Stille, die sie umgab wie ein Kokon. Würde sie nicht ein Lied vor sich hin summen, käme es ihr vor, als ginge sie unter einem Glas, das alle außenstehenden Reize von ihr fernhielt. Eher wurde es ihr langweilig, so gänzlich ohne Begleitung. Sie war bisher nur wenigen Menschen begegnet. Sie traute sich aber nicht, nach dem Weg zu fragen. Alle strebten geschäftig Exeter zu und schienen es eilig zu haben. Das Risiko wollte sie lieber nicht eingehen, dass einer von den Passanten Rodney durch einen dummen Zufall traf und er somit erfahren konnte, in welche Richtung sie gegangen war. Also blieb ihr vorerst nichts anderes übrig, als sich so schnell wie möglich von der Stadt zu entfernen.

Ab und an schaute Sabrin sich um. Ein gutes Gefühl hatte sie nicht. Vielleicht waren ihr Rodneys Häscher sogar schon auf der Spur. Es gab ganz bestimmt genug Ganoven, die mit ihm unter einer Decke steckten und die sie nicht kannte.

Es kam Sabrin vor, als wäre sie schon ewig unterwegs. Dabei war es erst der zweite Tag, an dem sie durch die Gegend strich und versuchte, den Weg nach Dilton Marsh zu finden. Letzte Nacht hatte sie sich in einem Heuschober verkrochen, um wenigstens einige Stunden schlafen zu können. Trotzdem hatte sie gefroren wie ein junger Hund. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie keine Decke, oder wenigstens ihren Mantel mitgenommen hatte. Doch daran konnte sie nun auch nichts mehr ändern.

Die, bei denen sie es dann doch wagte, sich zu erkundigen, waren alles nur Bauern, die ihre Karren zum Markt nach Exeter zogen. Jeden, den sie gefragt hatte, war aus der direkten Umgebung der Stadt und kannte den kleinen Ort Dilton Marsh nicht einmal.

„Ho, ho, aus dem Weg“, hörte Sabrin es plötzlich hinter sich laut rufen. Peitschen knallten, Pferde wieherten. Im letzten Moment konnte sie beiseite springen, sonst wäre sie von einer prunkvollen Kutsche überrollt worden. Rumpelnd fuhr diese an ihr vorbei.

„Halt, wartet doch!“, rief Sabrin dem Kutscher hinterher. Doch der reagierte nicht. So konnte die junge Frau nur der sich verziehenden Staubwolke hinterher schauen. „Was für ein Mist“, schimpfte Sabrin wie ein Rohrspatz und wischte sich den Staub aus dem Gesicht. „Die wussten garantiert, wie ich Dilton Marsh finden kann.“ Es blieb ihr nichts weiter übrig, als darauf zu hoffen, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben.

Der Weg zog sich dahin. Ab und an machte Sabrin Rast, um sich ein wenig auszuruhen oder um etwas zu essen. Inzwischen brannten ihre Füße wie Feuer. Wie gern wäre sie irgendwo sitzen geblieben und hätte sich die Schuhe ausgezogen. Jedoch sah sie davon ab. Als sie das letzte Mal während des Tages ihre Schuhe auszog, musste sie danach barfuß weiterlaufen. Ihre Füße und Knöchel waren so sehr angeschwollen, dass sie die Schuhe nicht mehr anbekam.

Gegen Abend erreichte Sabrin eine Kreuzung. Die Sonne ging bereits langsam unter. Es war Zeit, sich ein Dach über dem Kopf zu suchen. Jedoch war weit und breit weder ein Heuschober noch ein Dorf zu entdecken. Unschlüssig stand sie da und überlegte, welche Richtung sie am besten einschlagen sollte. Sie war müde und hatte eigentlich keine Lust mehr, ihren Weg fortzusetzen. Bald würde es dunkel sein und zu gefährlich, weiter zu gehen. Bis dahin musste sie einen Platz zum schlafen gefunden haben. Sie setzte sich ins Gras und streckte die Füße aus. Am liebsten hätte sie sich hingelegt und geschlafen. Aber hier an einer Kreuzung war dazu ein vollkommen ungeeigneter Platz.

Während sie überlegte, schaute Sabrin sich um. In der Ferne sah sie einen Punkt, der immer größer wurde und näherkam. Nach einer Weile konnte sie ein Pferd mit einem Reiter erkennen. Erfreut sprang Sabrin auf. Vielleicht wusste der Reiter, wie sie nach Dilton Marsh gelangen konnte.

Endlich konnte Sabrin den Entgegenkommenden erkennen. Ein edel gekleideter Herr ritt ihr auf der staubigen Straße entlang. Sie nahm nicht an, dass von diesem Gefahr ausging. Daher wartete sie, bis er auf ihrer Höhe war.

Der Mann sah sie von oben herab an. Der Blick aus seinen dunklen Augen war so durchdringend, dass sich Sabrin am liebsten in einem Mauseloch verkrochen hätte. Trotzdem sah sie nicht beschämt zu Boden. Wer war sie denn, vor einem Unbekannten das graue Mäuschen zu spielen.

„Was starrst du mich so an?“, fragte sie der Mann, während er die Zügel anzog und das Pferd dazu brachte, stehen zu bleiben.

„Entschuldigt, werter Herr“, erwiderte das Mädchen gar nicht schüchtern. „Ich will nach Dilton Marsh und habe mich verlaufen. Könnt Ihr mir den Weg weisen? Kennt Ihr Dilton Marsh?“