Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 4 -  Kapitel 2


Sabrin erreichte Dilton Marsh in Rynards Begleitung schneller als sie angenommen hatte. Der Mann trieb sein Pferd an, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Schaumiger Schweiß des Tieres flog ihnen entgegen. Nicht nur einmal musste sich Sabrin diesen aus dem Gesicht wischen.

Die Frau war das Reiten nicht gewohnt. Daher fiel es ihr schwer, nicht herunter zu stürzen. Doch Rynard, ganz Gentleman, bewahrte sie davor. Seine kräftigen Arme umschlangen ihren schlanken Leib und hielten sie fest. Neben dem Pferdegeruch stieg ihr Rynards After Shave in die Nase. Ein Gemisch, das sehr männlich wirkte und sie sehr erregte. Doch der Mann war für sie tabu. Er war der Gatte einer anderen Frau und kein zahlender Freier.

Vom schnellen Ritt hatten sich Sabrins zu einem Zopf geflochtenen Haare gelöst. Nun flatterten sie wirr umher und nahmen Rynard die Sicht. Zum Glück roch sein treuer Hengst Artur den heimatlichen Stall, auf den er nun unhaltbar zustrebte. So konnte sich Rynard voll darauf konzentrieren, die vor ihm sitzende Frau vor einem Absturz zu bewahren. Nur einmal, als Artur über einen kleinen Bach sprang, wären sie beinahe beide vom Pferd gestürzt. Da es inzwischen stockdunkel war, sah Rynard das Hindernis nicht auf sich zu kommen. Sich in vollkommener Finsternis nur auf die Sinne des Hengstes verlassen zu müssen, war dem Mann nicht einerlei. Doch blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Tier und dessen Gespür zu vertrauen.

Schon bald konnte Sabrin in der Ferne Lichter erkennen. „Wir sind fast am Ziel“, wurde ihr von Rynard erklärt. „Dort hinten“, er zeigte auf die Lichter, „ist bereits Dilton Marsh. Das, was du siehst, ist das eigentliche Dorf. Mein Anwesen liegt ein wenig auswärts, nur eine Meile westlich vom Ort entfernt.“

Sabrin nickte nur. Ihr Herz begann wild zu schlagen. Wie mochte Mistress Genefa reagieren, wenn sie ihr von Sallys Schicksal berichtete? Erst von deren Arbeit als Dirne und dann als Gefährtin eines Henkers, eines als unehrenhaft geltenden Mannes. Ob die Madam die Ausrede, dass Sally dies nicht freiwillig tat, gelten ließ? Von Sally wusste sie, dass die Uhren in deren Kreisen ein wenig anders tickten als beim einfachen Volk. Es interessierte niemanden, warum man etwas tat, sondern dass man es tat oder getan hatte. Wer einmal durch das Raster gefallen war, blieb unten. Da gab es kein Zurück. Auf einmal war sich Sabrin nicht mehr so sicher. War es richtig, dass sie sich auf den Weg nach Dilton Marsh gemacht hatte, um Sallys Freunden von deren Schicksal zu berichten? Am liebsten wäre sie vom Pferd gesprungen und hätte das Weite gesucht. Doch jetzt war es zu spät dafür. Rynard ritt eben durch ein großes Tor, das von zwei Bediensteten bewacht und nach ihnen sofort wieder geschlossen wurde.

Kaum hielt das Pferd vor einer breiten Treppe, sprang Rynard schon ab. Er half Sabrin beim Absteigen. Ein Pferdeknecht eilte trotz später Stunde über den Hof und nahm das Tier entgegen, um es in den Stall zu führen und zu versorgen. Gemächlich ging Artur hinter dem Knecht her.

Sabrin stand mit wackligen Beinen vor dem Haus und schaute auf die Vorderfront, dessen Fenster im Untergeschoss hell erleuchtet waren. Sie wagte es nicht, auch nur einen winzigen Schritt zu gehen, aus Angst, sofort zu fallen. Sie fühlte sich schwach und verletzlich. Der schnelle Ritt hatte sie mehr mitgenommen, als der zweitägige Marsch. Jeder Knochen in ihrem Leib schmerzte. Vor allem die Muskeln in ihrem Oberschenkel zitterten. Ihre Schenkel und ihr Hintern fühlten sich wund an.

Rynard schien die Qual der Frau zu bemerken. Lächelnd reichte er ihr seinen Arm, damit sie sich stützen konnte. Dann führte er sie die breite Treppe hinauf. Gerade wollte er das Eingangsportal öffnen, als von innen schwungvoll die Tür aufgerissen wurde. Vor ihnen stand eine junge Frau in einem blauen Seidenkleid, deren weit fortgeschrittene Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen war.

„Das muss Mistress Genefa sein“, fuhr es Sabrin durch den Kopf. Sie wusste von Sally, dass deren Freundin guter Hoffnung war. So wie sie sich bewegte, musste sie kurz vor der Niederkunft stehen. Sofort versank Sabrin in einem tiefen Knicks.

„Rynard, Liebster. Endlich bist du zu Hause“, sagte die Frau und fiel Rynard um den Hals, als wäre er wochenlang unterwegs gewesen. Der küsste seine Gemahlin zur Begrüßung auf die Lippen. Dann ließ er sie los, damit er Sabrin vorstellen konnte.

„Du bringst einen Gast mit“, kam Genefa ihm zuvor. Sie sah auf die Besucherin nieder, die immer noch in einem Knicks verharrte und es nicht wagte, sich zu rühren.

„So erhebt Euch doch, meine Liebe“, wandte sich die Hausherrin an Sabrin und reichte ihr die Hand. „Willkommen in unserem bescheidenen Heim“, sagte sie zu ihr. Sie machte die Tür frei, damit sie eintreten konnten.

Als Sabrin in den hell erleuchteten Vorsaal trat, bemerkte Genefa die gelben Bänder an deren Kleid. Sie wurde blass. „Was soll das? Rynard! Du wagst es, eine Dirne in unser Haus zu schleppen?“ Empört stellte sie ihren Gatten zur Rede.

„Liebling, so höre mir doch zu“, versuchte Rynard sie zu beschwichtigen.

„Was gibt es da zuzuhören?“ Genefas Stimme überschlug sich fast. „Meine Augen täuschen mich nicht! Du kommst mitten in der Nacht mit einem Freudenmädchen daher, als wäre es das normalste auf der Welt. Dabei hast du mir gesagt, du hättest mit einem Freund etwas zu besprechen! In Wahrheit warst du im Hurenhaus! Ich fasse es nicht! Was sollen unsere Freunde von uns denken, wenn sie davon erfahren?“

„Genefa! Jetzt höre mir endlich zu!“, verschaffte sich Rynard Gehör. Er sah seiner Gattin fest in die Augen. „Das Mädchen hier…“, er zeigte auf Sabrin, die sich zitternd zurückgezogen hatte. „… das Mädchen mag zwar eine Dirne sein. Aber sie hat uns eine sehr wichtige Nachricht zu überbringen, die uns bei unserer Suche nach Sally viele Schritte vorwärtsbringen wird.“

Als Genefa Sallys Namen hörte, riss sie erstaunt die Augen auf. Ihre Lippen begannen zu beben, dann flossen Tränen. „Du lügst mich auch nicht an?“, hakte sie nach. „Du bringst nicht einfach diese Frau in unser Haus, damit du dich mit ihr vergnügen kannst, während ich unser Kind austrage und unter Schmerzen zur Welt bringe?“ Die Schwangere schluchzte herzerweichend.

„Liebes! Nie und nimmer würde ich dir so etwas antun“, sagte Rynard und zog seine Gemahlin tröstend in seine Arme. „Lass uns in den Salon gehen. Dort wird Sabrin uns alles erzählen, was sie weiß.“

Genefa ließ sich von ihrem Gatten führen. Sie fühlte sich wie eine alte Frau, die kaum noch die Kraft hatte, auf eigenen Beinen zu gehen. Behäbig watschelte sie, ihren dicken Bauch vor sich hertragend, neben Rynard in Richtung Salon. Der drehte sich noch zu Sabrin um und bedeutete ihr, ihnen zu folgen.