Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 4 -  Kapitel 3


Sabrin genoss das warme Bad und die fürsorgliche Aufmerksamkeit der Mägde. Mistress Genefa hatte sie beauftragt, sich um den Gast zu kümmern. Der jungen Frau sollte es an nichts fehlen, wurde den Mädchen befohlen. So wuselten diese um sie herum und lasen ihr jeden Wunsch von den Augen ab.

Genefa ließ es sich nicht nehmen, noch einmal bei Sabrin vorbeizuschauen, ehe sie sich selbst zur Nachtruhe begab. Sie musste sich persönlich davon überzeugen, dass es Sallys Freundin gut ging. Obwohl sie anfangs unsicher war und ihrem Mann zürnte, erkannte die Hausherrin, dass Sabrin aufrichtige Absichten hatte.

Als Sabrin später gesättigt und frisch gebadet im Bett lag, fühlte sie sich wie im siebten Himmel. Noch nie in ihrem Leben wurde sie so umsorgt, wie an diesem Abend. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass Leute wie Genefa und Rynard dies jeden Tag haben können, während andere täglich ums Überleben kämpfen mussten.

Wohlig streckte Sabrin ihre gepeinigten Glieder. Ihre Oberschenkel, aber auch ihr Hintern fühlten sich wund an. Doch das warme Wasser und die Salbe, die ihr Genefa zusteckte, hatten die Muskeln entspannt. Ein Glas wohlschmeckender Wein sorgte für die nötige Bettschwere. Wohlig kuschelte sie sich in ihre Decke. Die Laken rochen frisch gewaschen. Nur ganz schwach konnte sie einen Lavendelduft wahrnehmen. Sabrin fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr.

Die Gedanken der Dirne flogen zu Sally, die wahrscheinlich immer noch mit Raimon auf dem Weg nach Dover war. Aber vielleicht hatten die beiden, wie sie selbst, Glück und ein Händler nahm sie auf seinem Karren mit. Der Weg nach Dover war weit, sehr viel weiter als der von Exeter nach Dilton Marsh.

Ein wenig fürchtete sich Sabrin davor, am nächsten Morgen Sallys anderen Freunden gegenüber zu treten und die ganze Geschichte nochmals erzählen zu müssen. Aber daran ging wohl kein Weg vorbei. Immerhin sorgten sich nicht nur ihre Gastgeber um die gemeinsame Freundin.

Die junge Frau stand auf, nahm ihre Bettdecke und ging zum Fenster. Sie zog einen Sessel heran, in den sie sich setzte, nachdem sie sich in die Decke gewickelt hatte. Obwohl sie sehr erschöpft war, wollte der Schlaf nicht kommen. Die Aufregung am Abend war wohl zu viel für Sabrin.

Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster. Ihr Zimmer lag auf der anderen Seite des Hauses. Durch die bodenhohen Fenster konnte man bis in den weitläufigen Park sehen, der jetzt nur durch das bleiche Licht des Mondes erhellt wurde. Sie nahm sich vor, Rynard zu bitten, den Park erkunden zu dürfen. Sie liebte die Natur, Blumen, Bäume… Leider hatte es ihr Vater nie erlaubt, im Garten Blumen anzupflanzen. Das wäre unnütze Verschwendung, sagte er immer. Er baute lieber Gemüse an, von dem die Familie satt wurde. Später in Exeter hatte sie nie die Gelegenheit und auch nicht die Zeit dazu, den kleinen Garten in direkter Nähe des Hurenhauses zu bewirtschaften. Dazu kam immer eine junge Frau aus der Stadt, die sich ein paar Pennies dazu verdienen musste, um ihre Kinder ernähren zu können. Nicht nur einmal hatte sich Sabrin heimlich hinausgeschlichen und hatte der Frau bei der Gartenarbeit geholfen.

Sabrin muss wohl eingeschlafen sein. In dem Sessel war es nicht gerade bequem. Ihr schmerzten erneut alle Glieder. Sie wurde wach und erschrak. Erst nachdem sie sich umgeschaut hatte, erinnerte sie sich, dass sie zu Gast im Haus von Rynard und Genefa Longbird war. Sie stand auf und streckte sich. Dann ging sie zum Bett und wollte sich zur Nachtruhe begeben.

Plötzlich hörte Sabrin Lärm im Flur. Neugierig öffnete sie die Tür und schaute hinaus. Einige Mägde liefen eilig den Flur entlang und verschwanden hinter einer Tür am anderen Ende. Wenig später hetzten sie wieder heraus und liefen schnurstracks die Treppe hinunter. Als Mistress Genefas Zofe Mary mit wirrem, vom Kopf abstehenden Haar an ihr vorbeilief, hielt sie diese auf.

„Was ist hier los? Ist etwas geschehen?“, wollte sie von dem Mädchen wissen.

Mary blieb stehen. „Bei Mistress Genefa haben die Wehen eingesetzt. Das Kind kommt viel zu zeitig“, antwortete sie hastig.