Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 4 -  Kapitel 4


Die Nacht war zwar nicht einmalig für Sabrin, trotz allem aber aufregend. Obwohl sie bereits einmal bei einer Geburt assistieren durfte, war die, die Mistress Genefa hinter sich hatte, etwas Besonderes für die junge Dirne. Hätte ihr vor ein paar Tage jemand gesagt, sie würde bald erneut solch einem Wunder beiwohnen dürfen, hätte sie denjenigen als verrückt erklärt.

Sabrin war sehr erstaunt, wie ruhig alles ablief. Auch wie besonnen Mistress Genefa war. So beherrscht, als würde sie gar keine Schmerzen erleiden bei diesem für eine Frau sehr schmerzhaften Vorgang. Sie konnte es kaum glauben, dass es ohne großes Geschrei der Hausherrin ablief. Auch die Wehmutter strahlte eine Ruhe aus, die sich scheinbar auf die Gebärende und alle im Zimmer Anwesenden übertrug. Wenn sie an ihre Freundin denken musste, die ihr Kind im Hurenhaus zur Welt brachte, klingelten ihr noch heute die Ohren von deren Schreien.

Der Morgen dämmerte bereits, als Sabrin endlich zur Ruhe kam und schlafen konnte. Um so erschrockener war sie, als um acht Uhr Mistress Genefas Zofe Mary an ihrem Bett stand und sie weckte.

„Miss Sabrin, es ist bereits acht Uhr“, sagte die Zofe und berührte die Schlafende an der Schulter. Mary musste schon etwas Geduld aufbringen, um Sabrin zu wecken.

Unwillig murrte Sabrin. „Was ist denn los?“, murmelte sie verschlafen.

„Entschuldigt, Miss, es ist bereits acht Uhr“, widerholte die Zofe.

„Oh, so spät schon“, stieß Sabrin aus. „Da muss ich mich beeilen. In einer Stunde treffen Mister Rynards Freunde ein.“ Sabrin schälte sich aus ihren Decken und schwang die Beine aus dem Bett. Suchend schaute sie sich um. „Wo, zum Teufel, ist mein Kleid? Hatte ich es am Abend nicht hier hingelegt?“ Suchend schaute sich Sabrin um, konnte es aber nirgends entdecken.

„Mistress Genefa befahl der Magd, es in die Waschküche zu bringen. Sie ließ eines ihrer Kleider für Euch bereitlegen. Ich hoffe, es passt Euch.“ Mary ging zur Wand, wo sie eine Tür öffnete, die Sabrin am Abend gar nicht aufgefallen war. Die Tür verschmolz mit der Tapete der Wand und war fast unsichtbar war. Zum Vorschein kam eine Art eingebauter Schrank, der für Sabrin einige Geheimnisse barg.

Die junge Frau stand staunend in der Tür. Da hing auch das Kleid aus besten Leinen. Auch ein Mieder, Strümpfe und Unterröcke waren vorhanden.

„Ich helfe Euch“, sagte Mary und hielt ihr einen Unterrock entgegen. Dann folgte das Korsett, das sie Sabrin eng schnürte. „Ihr seid so schlank, Ihr bräuchtet gar kein Mieder“, lobte die Zofe Sabrins Figur. Nachdem sie es fertig geschnürt hatte, half sie ihr, die Strümpfe anzuziehen und ins das Kleid zu schlüpfen.

Sabrin staunte, als sie in einen Spiegel sah und sich betrachtete. Andächtig strich sie über den Stoff, der sich am Oberteil an sie schmiegte wie eine zweite Haut. Sogar ihr recht kleiner Busen wurde gut zur Geltung gebracht.

„Ich frisiere Euch noch“, sagte Mary. Sie führte Sabrin zurück ins Schlafzimmer, wo sie sie an einer Spiegelkommode Platz nehmen ließ. Mit einer Bürste kämmte sie Sabrins langes Haar, bis es glänzte und sich in natürlichen Locken auf deren Schultern kringelte. Dann flocht kleine Zöpfe, die sie zum Schluss zu einer kunstvoll gestalteten Frisur zusammensteckte.

Sabrin lächelte Mary im Spiegel zu. „Das sieht sehr schön aus. Danke schön“, sagte sie zu der Zofe, deren Wangen sich vor Freude über das Lob leicht röteten.

„Nichts zu danken. Das tue ich gerne für Euch“, erwiderte Mary. Nach einem Blick auf die Uhr, die auf dem Kaminsims stand, sagte sie noch: „Ihr müsst Euch sputen. Die anderen Gäste müssten schon bald eintreffen.“

„Dann gehe ich mal in die Höhle des Löwen“, meinte Sabrin. „Obwohl es mir mit so leerem Magen nicht wahrlich angenehm ist.“

„Mistress Genefa hat im kleinen Salon einen Imbiss vorbereiten lassen. Den gibt es nach der Besprechung“, verriet Mary.

„Sehr schön. Ich bin nämlich sehr hungrig. Die gute Landluft ist scheinbar daran schuld“, erwiderte Sabrin und rauschte davon.

Als sie wenig später an Mistress Genefas Tür klopfte, wurde sie sofort hereingebeten. Die Hausherrin saß aufrecht im Bett und hielt ihren neugeborenen Sohn im Arm. Um sie herum saßen drei kleine Mädchen, die der Besucherin neugierig entgegenblickten.

„Tritt nur ein, Sabrin“, sagte Genefa und winkte sie zu sich.

Die Frau knickste und kam zaghaft näher.

„Komm nur, komm. Wir beißen nicht“, meinte Genefa lächelnd. „Darf ich dir meine drei Prinzessinnen vorstellen? Das sind Elizabeth, Kaitelynn und Jocelyn.“

„Guten Morgen, Miss Sabrin“, kam es von den Mädchen im Chor.

„Guten Morgen“, grüßte Sabrin zurück und knickste erneut.

„Den jungen Mann hier kennst du ja schon“, sagte Genefa und strahlte über ihr ganzes Gesicht. Ihr Mutterglück machte sie noch schöner.

Sabrin lächelte der Hausherrin entgegen. „Natürlich“, erwiderte sie. „Der kleine Mann hat uns in letzter Nacht in helle Aufregung versetzt.“ Wie verliebt blickte sie auf den Säugling, der die ihm zukommende Aufmerksamkeit der Frauen genoss. „Habt Ihr schon einen Namen?“, fragte Sabrin neugierig.

„Mein Gatte und ich sind uns bereits einig. Er soll Gideon heißen.“

„Was für ein schöner Name“, staunte Sabrin.

„Hätten wir ihn sonst gewählt?“, meinte Genefa darauf scherzend und gab ihrem Prinzen einen Kuss auf die Stirn.