Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 1


Selwyn war voller Adrenalin. Unermüdlich trieb er seinen Hengst an, der bereits nach wenigen Meilen so erschöpft war, dass er eigentlich eine Pause benötigte. Erst als er nach einem Sprung über einen Graben beinahe zu Fall kam, besann sich Selwyn. Wollte er heil in Dover ankommen, musste er sein Pferd schonen. So ließ er es in ein gemächliches Schritttempo fallen, damit es sich erholen konnte.

Als der Weg an einem kleinen Weiher vorbeiführte, hielt Selwyn an und stieg ab. Er ließ seinen Rappen saufen. Gierig schlürfte er das kühle Nass. Nachdem sich das Pferd sattgetrunken hatte, band er die Zügel an einen Busch und lockerte den Bauchgurt des Sattels. Das Tier steckte sein Maul sofort in das saftige Gras, das hier so nah am Wasser reichlich wuchs.

Dann nahm Selwyn den mitgebrachten Proviant aus der Satteltasche und setzte sich in die Nähe des Pferdes. Wie aus heiterem Himmel verspürte er Hunger. Neugierig schaute er sich die Kostbarkeiten an, die Rynards Köchin für ihn eingepackt hatte. Mit seinem Messer schnitt er Brot und Käse ab. Während er versonnen auf den Weiher schaute, verspeiste er genüsslich sein Essen.

Er musste an Sally denken, die genau wie er auf dem Weg nach Dover war. Wenn er sich beeilte, konnte er sie vielleicht sogar noch einholen. Es sei denn, sie und ihr Begleiter hatten jemanden gefunden, der sie mitnahm. In diesem Fall musste er hoffen, den Bruder des Henkers Raimon in Dover zu finden. Wie gern wäre Selwyn sofort wieder aufgebrochen. Doch als er nach seinem Pferd sah, stellte er fest, dass dieses auch ein wenig Ruhe brauchte, um sich gänzlich zu erholen. Mit geschlossenen Augen döste es vor sich hin. Sein Schweif hing ganz entspannt nach unten, die Ohren waren abgeknickt. Sein Freund Rynard hatte recht mit seiner Annahme. Er kannte kein Erbarmen mit dem armen Tier. Wenn er es schon auf den ersten Meilen verausgabte, würde er nie heil in Dover ankommen. So nahm er sich vor, es auf seinem weiteren Weg eher verhalten anzutreiben.

Selwyn legte sich zurück und ließ sich von der Sonne bescheinen. Er war so still, dass er das Kauen des Pferdes hören konnte, wenn es den nächsten Bissen Gras verschlang. Die schnurpsenden Geräusche lullten ihn ein. Ihm fielen die Augen zu, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.

Der Mann schlief sofort so fest, dass er das aufziehende Unwetter nicht bemerkte. Der Himmel verdunkelte sich. Tiefhängende schwarze Wolken kündigten Regen an. Von jetzt auf gleich fing es an zu schütten, als würden Eimer mit Wasser über ihm ausgeleert werden. Ungebremst klatschte das Nass auf ihn herunter. Erschrocken sprang Selwyn auf. Doch es war bereits zu spät, einen Unterstand aufzusuchen. Seine Kleidung klebte an ihm wie eine zweite Haut. Zu seinem Pech hatte er auch noch seinen Proviant offen neben sich liegen lassen. Vom Brot war nur noch ein klebriger und unförmiger Klumpen übrig, den man keinesfalls mehr verspeisen konnte. Angeekelt warf er ihn in den Weiher, wo sich sofort die Fische über das unverhoffte Festmahl hermachten. Nur dem Käse machte der Wolkenbruch nichts aus. Vor sich hin schimpfend verstaute Selwyn die Reste in seiner Satteltasche.

Leider vergaß Selwyn auch, dass er vorher den Bauchgurt des Sattels gelöst hatte. Als er aufsitzen wollte, machte der sich selbständig und Selwyn landete rücklings auf dem Boden mitten im Matsch. Anstatt sich festzuhalten, hatte er losgelassen und lag nun strampelnd wie ein Maikäfer auf dem Boden. Schimpfend rappelte er sich auf.

Sein treues Ross schaute ihn an. Sein Blick aus den braunen Augen mit dem dichten Wimpernkranz, auf den jede Dame neidisch wäre, schien ihm sagen zu wollen, was für ein Tollpatsch er ist. Verliebt wie ein Gockel in die Henne, achtete er nicht darauf, was er tat. Das hatte er nun davon. Alles nur wegen den Weibern, besser gesagt, wegen einem einzigen, das er zu allem Überfluss auch noch über alles liebte.

„Ja, schau du nur so treudoof“, knurrte Selwyn seinen Hengst an. Er machte sich daran, den Sattel zu richten und den Bauchgurt zu befestigen. Noch einmal sollte ihm so ein Dilemma nicht passieren. Seine Kleidung war ein für allemal dahin. Erst als er sich vergewissert hatte, dass alles richtig befestigt war, saß er auf.

Der Regen schien nicht enden zu wollen. Ein Blick zum Himmel und den tief hängenden Wolken bestätigten Selwyns Vermutung. Sein Pferd zu einer schnelleren Gangart anzutreiben, wagte er nicht. Der Boden der Straße war aufgeweicht, dass jeder Schritt bedacht werden musste. So zockelte er viel zu langsam, völlig durchnässt und mit vor Dreck strotzender Kleidung seinem Ziel entgegen.