Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 2


Raimon wollte sich eben der Torwache zuwenden, um sich nach dem Weg zum Haus seines Bruders zu erkundigen. Aber Sally ihn hielt auf. „Warte!“ rief sie dem Henker nach und hielt ihn am Ärmel seines Hemdes fest.

Raimon blieb stehen und blickte sich zu Sally um. „Was ist?“, fragte er stirnrunzelnd.

Sally war es nicht ganz wohl, schon bald am Ziel ihrer Reise zu sein. Sie hatte den schweigsamen Mann an ihrer Seite ins Herz geschlossen und wäre am liebsten bei ihm geblieben. Doch in Exeter war das keinesfalls möglich. Dort warteten Rodney und seine Kumpane auf sie und würden ihr lieber heute als morgen den Garaus machen. Am liebsten würde sie die Episode Exeter ganz aus ihrem Gedächtnis verbannen, wenn da der liebenswürdige Henker nicht wäre.

„Hat es dir die Sprache verschlagen?“, wollte Raimon wissen. Er wurde etwas ungeduldig, da Sally immer noch keine Worte fand und ihm somit eine Erklärung schuldig blieb. Er wollte Sally schnellstmöglich bei seinem Bruder abliefern und dann nach Exeter zurückkehren. Obwohl auch er sie am liebsten bei sich behalten hätte. Doch auch da sah er es wie Sally, dass dies nicht möglich war. Er konnte es der jungen Frau keineswegs zumuten, mit einem Mann zusammen zu leben, der einen unehrbaren Beruf ausübte.

„Nein, nein, es ist nur…“, brachte Sally stotternd hervor. Verlegen zupfte sie sich am Ohrläppchen.

„Ja, was nun? Lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen! Seit wann bist du so schüchtern?“ Der Henker war nun vollends aufgebracht über Sallys eigenartiges Benehmen.

Die junge Frau wurde feuerrot. Ihr Herz klopfte vor Aufregung fast schmerzhaft in ihrer Brust. „Bist du dir sicher, dass dein Bruder hier in Dover zu Hause ist? Ich hörte vorhin, wie du zu Edward sagtest, du wüsstest es nicht genau. Zu mir aber sagtest du etwas anderes.“

„Das stimmt so nicht. Mein Bruder ist Schuhmacher und seit vielen Jahren hier zu Hause. Nachdem er sich vermählt hatte, hat er sich hier mit seiner Frau niedergelassen. Sie stammt aus dieser Gegend“, gab Raimon zu. „Er und ich haben uns schon sehr lange nicht gesehen. Ich habe Edward nur auf die falsche Fährte leiten wollen, falls uns durch einen dummen Zufall jemand erkannt haben sollte. Man weiß ja nie, wer nach uns suchen könnte. Es ist besser, wir sind mit unserer Identität etwas vorsichtiger.“

„Hätte ich einen Bruder oder eine Schwester, hätte ich immer gewollt, mit ihnen Kontakt zu haben“, meinte Sally darauf. „Es würde mir im Herzen wehtun, liebe Verwandte jahrelang nicht zu sehen.“

„Es gibt einen Grund dafür“, erklärte Raimon. Sein Gesicht zeigte den Kummer, den er wegen seines Bruders hatte. „Seine Gattin wollte nicht ins schlechte Licht gerückt werden, da ich als Scharfrichter arbeite. Sie wollte mit einem Unehrbaren nichts zu tun haben. Dabei ist sie viel unehrenhafter als ich... na ja, aber das mit ihr ist wieder eine andere Sache.“

„… und dein Bruder hat den Kontakt mit dir abgebrochen“, erkannte Sally die Lage richtig. „Dass er sich das von ihr gefallen lassen hat, verstehe ich nicht.“

„Ich verstehe es auch nicht, warum er sich das von ihr hat gefallen lassen. Sie hatte wohl die Hosen an und nicht er“, entgegnete Raimon. „Aber vor ein paar Wochen kam von Delmore eine Nachricht, seine Frau hätte ihn mit dem Knecht betrogen und wäre mit diesem durchgebrannt. Die Kinder hätte sie bei ihm zurückgelassen. Es täte ihm leid, mit mir gebrochen zu haben. Er bat mich im gleichen Atemzug, ihn sobald wie möglich zu besuchen.“

Sally hörte sich Raimons Beichte sehr genau an. Einerseits fühlte sie sich ein wenig betrogen, da ihr der Henker nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt hatte. Andererseits war sie auch glücklich darüber, Exeter hinter sich lassen zu können. Auch wenn dies die Trennung von Raimon bedeutete.

„Du nimmst nun an, dass ich deinem Bruder im Haushalt und bei den Kindern behilflich sein könnte“, sagte sie zum Henker. Raimon nickte daraufhin nur.

„Aber da müsste ich mich wieder in eine Frau verwandeln“, argumentierte Sally entrüstet. „Ist das nicht zu gefährlich? Rodney könnte mich finden. Außerdem kann ich als unverheiratete Jungfer nicht mit einem Mann unter einem Dach leben, der nicht mein Ehemann ist. Das geziemt sich nicht.“

„Mit mir hast du doch auch unter einem Dach gelebt“, warf Raimon ein.

„In Exeter war ich eine Dirne, eine Unehrbare“, erklärte Sally. „Hier in Dover werde ich eine ehrbare, keusch lebende Frau sein. Wenn auch alleinstehend. Mich irgendwo als Magd zu verdingen, ist eine Sache, der Leumund wieder eine andere.“

„Noch trittst du als Bursche auf“, berichtigte Raimon sie. „Wenn du als Frau auftreten willst, kannst du das erst bei meinem Bruder tun. Er wird bestimmt nichts gegen eine Magd haben, die sich um seine mutterlosen Kinder kümmert.“

„Ich würde schon gerne wieder als Frau gelten“, gab Sally kleinlaut zu, die sich in der Kleidung des unbekannten Mannes immer noch sichtlich unwohl fühlte.

„Wenn du das möchtest, werde ich meinen Bruder über die Umstände aufklären müssen. Ich denke, er wird verstehen, warum wir diese Wandlung tun mussten. Er ist ja auch nicht gerade auf den Kopf gefallen und von Dummheit beseelt.“

„Tu, was du für richtig hältst, so lange ich danach wieder Frau sein kann.“ Sally schmunzelte. „So übel ist das nämlich gar nicht. Vor allem, wenn man ein gut aussehendes Mannsbild an seiner Seite hat.“

Raimon stutzte bei Sallys Worten. Ernst schaute er sie an und versuchte in ihrer Mimik zu lesen. Das tat er so lange, bis sie betreten zu Boden schaute und zu guter Letzt auch noch errötete. Sollte er sich so sehr in der jungen Frau geirrt haben? Erwiderte sie womöglich seine Gefühle? Sein Herz hüpfte vor Freude. Wollte sie ihm damit durch die Blume hindurch sagen, wie sehr sie ihn mochte? Raimon hätte am liebsten die ganze Welt umarmt.

„Wir sollten uns nun auf die Suche nach deinem Bruder machen“, riss Sally den Henker aus seinen Gedanken.

„Dann los“, erwiderte Raimon, obwohl er viel lieber umgedreht hätte und mit Sally zurück nach Exeter gegangen wäre. Sally trottete wortlos hinter ihm her.

Am Stadttor wurden sie von der Wache aufgehalten. Einer der Wächter versperrte ihnen den Weg. Er zeigte mit der Spitze seiner Hellebarde* auf sie. „Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?“, wurden sie gefragt und neugierig beäugt.

„Mein Name ist Warren“, erwiderte Raimon, der sich vom überheblichen Gehabe des Wachmannes nicht einschüchtern ließ. „Der junge Bursche an meiner Seite ist mein Sohn Jamie. Mein Bruder ist schwer erkrankt. Wir wollen ihm einen Besuch abstatten und Gott um sein Wohlergehen bitten“, log er, dass sich die Balken bogen. Der Henker mochte ein frommer Mann sein, doch Sally hatte noch nie gesehen, dass er Gott anbetete.

„An was ist Euer Bruder erkrankt, dass Ihr es so eilig habt, zu ihm zu gelangen?“

„Er hat einen schweren Schlagfluss* erlitten. Sein liebendes Weib ließ mich holen, damit ich mich von meinem Bruder verabschieden kann. Er wird wohl die nächsten Tage nicht überleben. Daher die Eile.“ Raimon machte ein trauriges Gesicht, dass Sally an sich halten musste, um nicht laut zu lachen.