Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 3


Je mehr sich Selwyn der Hafenstadt Dover näherte, desto unruhiger wurde er. Seine Gedanken waren nur noch bei Sally, der er hoffentlich bald seine Liebe gestehen konnte. Dass sie ihn womöglich gar nicht wollte, oder gar keine Gefühle für ihn hegte, daran wagte er nicht zu denken. Wie meinte Genefa vor gar nicht allzu langer Zeit? Er benahm sich wie ein verliebter Gockel. Wobei sie damit sogar recht hatte. Er, der edle Sir Selwyn Wellington, war verliebt bis über beide Ohren.

Dass er noch vor Sally Dover erreichen könnte, hatte Selwyn längst abgeschrieben. Durch den starken Regen hatte er viel zu viel Zeit verloren. Außerdem wollte er sein Pferd schonen, nachdem es auf den ersten Meilen vor Erschöpfung beinahe zusammengebrochen war. Es zu hetzen, war falsch und es sollte ihm eine Lehre sein. Er hatte es zu sehr angetrieben. Doch daraus hatte er gelernt und nun eine gemächlichere Gangart eingelegt. Auch wenn dies bedeuten sollte, Sally und ihren Begleiter zu verfehlen. In diesem Fall müsste er halt weitersuchen, bis er irgendwann Erfolg haben würde.

Selwyn musste an den ihm noch unbekannten Scharfrichter denken, unter dessen Obhut seine Liebste lange Zeit lebte und mit dem sie nun auf dem Weg nach Dover war. Was für ein Typ Mann er wohl war? Mochte Sally ihn? Liebte sie ihn womöglich sogar? Letzteres schloss Selwyn aus. Sally war eher eine Person, die ihre Liebe nicht so ohne weiteres verschenkte. Was war, wenn der Henker Sally nun für sich selbst beanspruchte? Nein, das konnte sich Selwyn auch nicht vorstellen. Ein Henker und eine adlige Lady? Wo gab es denn so etwas? Höchstens im Märchen, aber nicht in der Realität.

Als Selwyn endlich Dover erreichte, war das Stadttor bereits geschlossen. Der Wachmann, der auf sein Klopfen ein Guckloch in der kleinen Seitentür öffnete und ihn neugierig beäugte, wies ihn ab. „Seid Ihr ein Bürger Dovers?“, fragte er den Reisenden, was Selwyn leider verneinen musste. „Dann tut es mir leid. Kommt morgen früh bei Sonnenaufgang wieder“, sagte der Wächter und schloss die Luke, ehe Selwyn noch etwas erwidern konnte.

Erbost über diese Frechheit hämmerte Selwyn gegen das Tor. „Macht auf, Gott verdammt nochmal!“, schrie er so laut er konnte und schlug so lange auf das Holz ein, bis seine Hände schmerzten. Zu seinem Pech goss einer der Wächter auch noch einen Eimer Fäkalien über ihm aus.

„Ich sagte doch, kommt bei Sonnenaufgang wieder“, schrie der Mann ihn hämisch von oben herab an. Dabei lachte er dröhnend. „Hau ab, sonst machen wir dir Beine!“

Mit Dreck besudelt und stinkend wie ein Wiedehopf schlich Selwyn zu seinem Pferd, das brav am Wegesrand stand und sich genüsslich am Gras labte. „Du hast es gut, Großer. Keine Sorgen, immer einen vollen Bauch“, sagte Selwyn zu seinem Ross und tätschelte dessen Hals. „Suchen wir uns einen gemütlichen Schlafplatz.“

Gemächlich trottete das Pferd hinter Selwyn her. Man könnte annehmen, es war froh, dass es diesen stinkenden Dreckspatzen nicht auch noch tragen musste.

„So schmutzig und stinkend kann ich mich in keinem Gasthaus blicken lassen“, machte Selwyn Selbstgespräche. „Oder was meinst du?“, wandte er sich dann an seinen getreuen vierbeinigen Freund. Als hätte das Pferd die Worte verstanden, wieherte es und schüttelte den Kopf.

„Wie du meinst“, sagte Selwyn und schlug sich ins Gebüsch. „Da müssen wir heut Nacht halt mit dem Himmelszelt vorliebnehmen.“

Der Mann sah sich suchend um und entdeckte ein trockenes Plätzchen in der Nähe. Dichte Baumkronen bildeten ein Dach. Am Fuße des Stammes konnte er es sich bequem machen. Auch für das leibliche Wohl seines Pferdes war gesorgt. In direkter Nähe wuchs saftiges Gras und ein kleines Bächlein plätscherte vorbei. Das Pferd strebte sofort dem Bach zu und steckte sein Maul ins kühle Nass.

Erst jetzt bemerkte er selber, wie durstig er war. Selwyn hockte sich daneben und tat es ihm gleich. Er teilte gerne mit seinem vierbeinigen Begleiter, der ihn treu ergeben bis nach Dover getragen hatte.

Angeekelt sah Selwyn an sich herab. Wie gut, dass er Kleidung zum Wechseln mitgenommen hatte. Schnell zog er die beschmutzten aus und stieg ins Wasser, um sich zu reinigen. Das Wasser war eisig kalt und raubte ihm erst einmal den Atem. Er musste sich bemühen, nicht wie eine keusche Jungfer zu quieken. Mutig setzte er sich in die Bachmitte und wusch sich. Zitternd schimpfte er über die Kälte, aber wenigstens stank er nicht mehr so gotterbärmlich.

Nachdem er auch noch seine Kleidung gewaschen hatte, hing er sie zum Trocknen an die Äste des Baumes. Danach zog er seine Wechselkleidung an und bereitete sein Nachtlager zwischen den Baumwurzeln vor. Er schaute noch einmal nach seinem Pferd, das er in der Nähe angebunden hatte. Zufrieden und gesättigt stand es dösend da und ließ sich nicht stören.

Selwyn packte den kärglichen Rest seines Proviants aus. Viel war nicht mehr da. Sein Brot hatte er bereits zu Beginn seiner Reise wegwerfen müssen, da es durch einen plötzlich auftretenden Regenschauer ungenießbar geworden war. Aber da war noch Käse und Wurst, sogar ein paar Schlucke Wein gab sein Trinkschlauch noch her.

Am nächsten Morgen war Selwyn bereits lange vor Sonnenaufgang wach. Das kalte Wasser des Baches trieb auch den letzten Rest des Schlafes aus seinem Gesicht. Voller Elan bereitete er sich auf seine Reise zu seinem Ziel vor. Er ließ das Pferd nochmals im Bach trinken und eine Weile am Gras fressen. Dann machte er sich auf den Weg zum Stadttor.

Schon von weitem konnte Selwyn die Menschenmenge ausmachen, die bereits darauf wartete, dass die Tore geöffnet wurden. Voll beladene Ochsenkarren reihten sich ein. Dazwischen standen Frauen mit Kiepen, in denen sie ihre Waren zum Markt trugen. Kinder sprangen umher und trieben Schabernack mit den Wartenden. Hier und da hörte Selwyn, wie jemand mit den Rotzlöffeln schimpfte und Ohrfeigen verteilte. Ein Bauer, der auf dem Bock seines Ochsenkarrens hockte, schlug mit seiner Peitsche nach einem der Buben, der flink beiseite sprang und sich hinter einem ebenfalls wartenden Mann versteckte. Trubel weit und breit am frühen Morgen.

„Lümmel, elender“, hörte Selwyn den Ochsenführer schimpfen. Der Knabe lachte nur und streckte ihm die Zunge raus.

Als endlich das Tor geöffnet wurde, drängten die Ersten voran. Doch die Torwache hielt sie auf und kontrollierte jeden Einzelnen. Auch Selwyn wartete geduldig, bis er an der Reihe war. Erst wollte er den Wachmann zur Rede stellen, aber dann besann er sich. Wahrscheinlich war bereits Wachablösung gewesen und der Mann, der ihn letzte Nacht abgewiesen hatte, schon längst nicht mehr im Dienst. Trotzdem fragte er den Mann nach Sally und Raimon.