Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 3 -  Kapitel 3


Bleich vor Schreck schaute Sally den Henker an. Wer war derjenige, der so resolut an die Tür des Henkerhauses klopfte und um Einlass begehrte? Was sollte sie nur tun, wenn sie hier entdeckt wurde?

Raimon blieb gelassen. „Schnell, dort hinten“, er zeigte mit dem Finger in die Ecke des Raumes. „Dort ist im Boden eine Luke, die in einen kleinen Keller führt. Dort kannst du dich verstecken. Sabrin, mach alles wieder richtig zu, wenn Sally drin ist.“ Raimon scheuchte die Frauen auf, die sich sofort an der Öffnung zu schaffen machten.

Der Henker währenddessen riss sich das Hemd aus der Hose und brachte seinen Haarschopf durcheinander. Es sollte so aussehen, als wäre er gestört worden.

„Seid ihr fertig?“, wollte er eben fragen, aber da sah er schon, dass Sabrin bereits dabei war, die Luke zu verschließen. Schnell legte er noch ein paar Holzscheite darüber, damit sie nicht sofort zu sehen war.

„Mach dein Mieder auf“, befahl er Sabrin, während er das Holz um stapelte. „Mach schon, überlege nicht so lange“, fuhr er die Frau an. „Ich muss jetzt die Tür aufmachen, ehe sie mir noch eingeschlagen wird.“

Sabrin sah dem Henker kopfschüttelnd nach, tat aber, was er von ihr verlangte. Vorsorglich wuselte sie sich auch noch durch ihre Haare.

„Ja, ja, ich komme schon“, rief Raimon, während der gemächlich zur Tür schlurfte, gegen die erneut gewummert wurde. „Was soll der Lärm?“, schimpfte er mit dem Ruhestörer und riss schwungvoll die Tür auf, gegen die Osbert eben nochmals hämmern wollte. Beinahe wäre er kopfüber ins Haus gestürzt, als sich für ihn unverhofft die Tür öffnete.

„Na endlich! Raimon, es eilt! Du musst dringend ins Hurenhaus kommen“, sprudelte es aus dem Knecht heraus. Als er für diese Tageszeit eigenartige Aufmachung des Henkers sah, verkniff er sich lieber einen Kommentar. Vielleicht hatte er ihn gerade bei etwas ganz bestimmten gestört, dass es so lange gedauert hatte, bis er an die Tür kam. Aber sich darüber aufzuregen, stand Osbert nicht zu. Der Henker war auch nur ein Mann mit Bedürfnissen.

„Hole erst einmal Luft. Sonst erstickst du noch“, erwiderte der Henker. „Was ist geschehen, dass du es so eilig hast?“

Osbert schaffte es endlich, wieder normal zu atmen. „Aelfric“, brachte er nun hervor, „Er wurde niedergestochen. Alles ist voller Blut. Wir müssen uns beeilen, sonst stirbt er.“

„Ich hole nur meine Tasche, dann können wir uns gleich auf den Weg machen“, sagte Raimon und ließ den Knecht stehen. Er ging zurück in die Wohnstube, ohne weiter auf den Mann zu achten.

„Du bleibst am besten hier“, sagte er zu Sabrin, die ihm mit fragenden Augen entgegenblickte. „Sally auch. Hole sie aus dem Versteck, wenn ich weg bin. Macht niemandem die Tür auf“, flüsterte er dem Mädchen zu. „Da draußen ist Osbert, der mich zum Hurenhaus bringen soll. Aelfric soll niedergestochen worden und schwer verletzt sein.“ Raimon nahm seine Instrumententasche und die, in der er immer einige Salbentiegel aufbewahrte. Kurz darauf hörte Sabrin, wie die Haustür geschlossen wurde und die Männer davoneilten.

„Sind sie weg?“, fragte Sally, die zitternd in dem Kellerloch hockte. Sie wagte es kaum, Luft zu holen, als sie hörte, wer nach dem Henker schickte.

„Sie sind weg“, erwiderte Sabrin und befreite die Freundin, die mit wackligen Beinen aus ihrem Versteck kroch. „Die haben Aelfric gefunden“, erklärte sie, während sie Sally zur Sitzbank führte.

Sally wurde noch bleicher als sie es bereits war. Ihre Lippen zitterten und ihre Augen waren vor Schreck geweitet. „Dann werden sie auch mich bald holen“, sagte Sally fast tonlos.

„Sag nicht so was. Es war Notwehr“, versuchte Sabrin sie zu trösten.

„Aber ich habe ihn einfach abgestochen“, entgegnete Sally verzweifelt.

„Na und. Er hat es verdient, das Schwein“, sagte Sabrin daraufhin und funkelte ihre Freundin zornig an, die sich nun Vorhaltungen machte, jemanden das Leben genommen zu haben. „Sie werden dich nicht finden. Bei Raimon bist du sicher.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, erwiderte Sally. Haareraufend starrte sie Sabrin an und hoffte, ihre Freundin möge recht behalten.

„Was ist passiert?“, wollte Raimon wissen, während er mit Osbert zum Hurenhaus hetzte.

„Aelfric wurde nieder gestochen“, berichtete sein Begleiter aufgeregt schnaufend. „Überall ist Blut, vor seinem Mund sogar Schaum.“

„Hm, schauen wir mal“, knurrte Raimon. Dass er noch etwas ausrichten konnte und Aelfric am Leben bleiben würde, bezweifelte er. Er stürmte voran, dass Osbert Mühe hatte, ihm zu folgen.