Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 3 -  Kapitel 4


Die Wochen vergingen ohne weitere Vorkommnisse. Sally hatte sich damit abgefunden, im Hause des Henkers zu leben. Obwohl sie anfangs davon gar nicht begeistert war, musste sie sich sogar eingestehen, dass sie sich dort wohler fühlte, als sie anfangs angenommen hatte. Raimon war eine sehr umgängliche Person, mit dem sie gut zurecht kam. Sie hatte sich an den stillen Mann gewöhnt, als den sie Raimon kennenlernen durfte. Sie erlebte ihn meist in sich gekehrt, vor allem, wenn eine Leibstrafe anstand. Dann zog er sich schon Tage vorher zurück und schien mit seinem Beruf zu hadern. Sally fragte lieber nicht. Sie spürte, dass Raimon dann allein sein wollte und die Anwesenheit eines anderen Menschen nicht ertrug. Erst wenn der Termin vorbei war, war der Henker wie ausgewechselt und lachte viel.

Als wäre es selbstverständlich, verrichtete Sally die tägliche Hausarbeit im Henkerhaus. Es tat ihr gut, etwas zu tun zu haben und nicht untätig herumsitzen zu müssen. War wieder eine Arbeit erledigt, fühlte sie sich gut und freute sich still, wenn Raimon sie lobte. Nur noch ganz wenig dachte sie an zu Hause oder an das Hurenhaus. Diese beiden Dinge waren vorbei und würden sie wohl nie wieder belasten.

Während der Wochen war Raimon mehrmals im Hurenhaus, um sich dort umzusehen. Die Aufregung um Aelfrics Tod war allmählich abgeklungen. Nach dessen Beerdigung, um die sich Rodney kümmerte, war das Gedenken an den Verstorbenen wie vergessen. Nur Sally machte sich immer noch Vorwürfe, ihm das Leben genommen zu haben. Doch wenn Sabrin, die ihr eine gute Freundin geworden war, sie besuchte, waren alle Sorgen vergessen.

Im Hurenhaus wurde nur noch ganz selten über Aelfric gesprochen. Nur Edwina bemühte sich, die Erinnerung an ihn aufrecht zu erhalten. Die meisten sprachen längst nicht mehr mit diesem Hass über Sally wie kurz nach Aelfrics Ableben. Alle waren überzeugt, dass die geflohene Dirne ihn ermordet hatte. Doch die war wie vom Erdboden verschluckt und nirgends auffindbar.

Rodney hatte inzwischen Aelfrics Posten im Hurenhaus übernommen. Raimon hätte zwar lieber einen anderen Bewerber an seiner Stelle gesehen, Rodney aber hatte alle anderen höchstbietend übertrumpft. Nun herrschte er mit Gewalt über die Dirnen, die in seinem Bordell arbeiteten. Schon mehrere Male waren von ihm misshandelte Frauen zu Raimon gekommen, um Verletzungen behandeln zu lassen. Meist waren das Blutergüsse oder Verletzungen, die er ihren während einer Vergewaltigung zugefügt hatte. Außer Sabrin, die Sally in ihrer Not zu Raimon gebracht hatte, bekam jedoch keine der Huren die Geflohene zu Gesicht. Obwohl Rodney nun mehr denn je auf seine Vögelchen aufpasste, gelang es Sabrin mehrmals, sich heimlich ins Henkerhaus zu schleichen. Jedes Mal fielen sich die Frauen lachend und voller Freude um den Hals. Sally war jede noch so kleine Ablenkung recht.

Eines Tages jedoch kam Sabrin völlig aufgelöst ins Henkershaus gelaufen. Außer Atem stürmte sie in die Stube, wo Sally am Feuer stand und sich um das Essen kümmerte. Neugierig blickte sie der Freundin entgegen.

„Was ist los?“, fragte sie Sabrin. „Du siehst aus, als ob du dem Teufel persönlich begegnet wärst.“

„Eigentlich nicht. Es sei denn, du bezeichnest Rodney als Teufel“, erwiderte Sabrin außer Atem.

„Also doch! Erzähle endlich, warum du so abgehetzt angerannt kommst.“

„Rodney weiß, wo du bist“, platzte Sabrin heraus.

Sally wurde blass. Ihr Herz schlug so hart, dass sie annehmen musste, es hüpfe ihr aus der Brust. „Woher weiß er, wo ich bin?“, fragte sie. Sollte es nun soweit sein, dass sie die Strafe für ihre schändliche Tat bekam?

„Lani, diese falsche Schlange!“, erwiderte Sabrin.

„Wie kommt sie darauf, mich hier zu vermuten?“

„Sie hat mich letztens gesehen, als wir uns hier vor der Tür verabschiedet haben“, antwortete die Freundin.

„Ich wusste es. Irgendwann wähnen wir uns zu sehr in Sicherheit und werden nachlässig“, erkannte Sally. „Was tun wir jetzt?“

„Unvorsichtig ist wohl wirklich das richtige Wort für unser Tun. Und ich war somit erpressbar.“

„Erpressbar?“, fragte Sally.