Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 3 -  Kapitel 5


Während Sally schweigsam neben Raimon durch die belebten Straßen Exeters einher schritt, schaute sie sich immer wieder unauffällig um. Sie fühlte sich nicht wohl in der Männerkleidung. Obwohl sie scheinbar gewaschen wurde, konnte sie den Geruch des unbekannten Mannes wahrnehmen, der sie getragen hatte. Sie machte sich allerdings keine Gedanken darüber, wessen Eigentum Hemd, Hose, Mütze und Jacke gewesen war. Sehr viel mehr ängstigte sie sich, von Rodney oder dessen Kumpanen auf der Flucht eingeholt und gefangen genommen zu werden. Dementsprechend unruhig war sie. Außerdem war es ihr, als würden ihr alle Passanten ansehen können, dass sie in Wahrheit eine Frau war. Immer wieder zog sie sich ihre Mütze tiefer ins Gesicht und zupfte an ihrer Jacke, damit niemand sie erkennen konnte.

Raimon, der neben ihr weit ausschritt, bemerkte Sallys Unruhe. Er vermeinte den Grund dessen zu kennen. „Keine Sorge, wir werden die Stadt bald hinter uns haben“, sagte er zu Sally. „Rodney und seine Häscher werden dich nicht finden. Wenn die mitbekommen, dass wir weg sind, sind wir bereits weit genug entfernt.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, erwiderte Sally ein wenig zu mürrisch. „Wie weit ist es eigentlich bis Dover?“, wollte sie dann doch wissen.

„Wenn wir gut vorankommen, werden wir in etwa neun Tagen dort sein“, antwortete Raimon.

„Oh, doch so weit weg! Das wusste ich nicht.“ Sally staunte über die Entfernung.

„Schneller geht es zu Fuß leider nicht. Es sei denn, wir finden jemanden mit einem Fuhrwerk, das uns mitnimmt“, sagte der Henker. „Meist sind Kaufleute nach Dover zum Hafen unterwegs. Einer von denen wird bestimmt mit zwei einsamen Wanderern Erbarmen haben. Hier in Exeter gibt es zwar auch einen Hafen, aber große Handelsschiffe legen hier nicht an.“

Raimon und Sally kamen gut voran. Trotzdem schauten sie sich immer wieder aufmerksam um, ob eventuelle Verfolger ihre Spur aufgenommen hatten. Doch unter den Reitern, die sie überholten, sahen sie kein einziges bekanntes Gesicht. Trotzdem währten sie sich nicht in Sicherheit. Wer wusste schon, welche windigen Ganoven Rodney anheuerte, um sie zu finden.

Aufrichtig erschöpft erreichten sie kurz vor Sonnenuntergang ein Wäldchen. „Hier werden wir nächtigen“, erklärte Raimon kurzerhand und zeigte ins Dickicht der tief hängenden Äste der Bäume. Er ging voran und suchte nach einem geeigneten Platz, wo sie ruhen konnten. „Es ist besser, wir machen hier kein Feuer“, meinte er, nachdem er einen gut versteckten Platz gefunden hatte. Von dort aus konnte man den Weg in Richtung Dover gut überblicken, war selbst aber nicht zu sehen. Nur wenn ein Feuer brannte, konnte man entdeckt werden.

„Es ist nachts nicht allzu kalt, da genügen uns die mitgebrachten Decken. Notfalls rücken wir ein wenig zusammen“, sagte Raimon, ohne sich Gedanken über seine Worte zu machen. Erst als Sally verlegen hüstelte, erkannte er seinen Fehler. „Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sagte er darauf.

„Schon gut“, erwiderte Sally, deren Gesicht vor Verlegenheit gerötet war.

Raimon tat einfach, als hätte er nichts bemerkt. „Etwas zum Essen haben wir auch.“ Er zeigte auf das Bündel mit den Lebensmitteln. „Machen wir es uns also bequem. Du bist bestimmt sehr erschöpft vom langen Gehen.“

Sally breitete die Decken aus und ließ sich seufzend auf ihrer nieder. Sie streckte die Beine aus und streifte sich die Schuhe von den brennenden Füßen. Sie fühlten sich an, als wäre sie durch Feuer gelaufen. Ein paar Blasen hatten sich gebildet. Sie hoffte, sie entzünden sich nicht, sonst wüsste sie nicht, wie sie Dover jemals zu Fuß erreichen sollte.

„Ich schaue mich lieber erst einmal um, ob ich hier einen Bach oder eine Quelle finde“, sagte Raimon und griff nach dem Wasserschlauch. Dann ließ er Sally allein, die nachdenklich in das dichte Blätterwerk über ihnen starrte. Da sie nicht antwortete, nahm er an, sie wolle ein wenig allein sein, um die Vorkommnisse des Tages zu verdauen. Raimon kannte Sally inzwischen gut genug, um ihre Emotionen erkennen zu können.

Vorsichtig schlich sich Raimon durch das dichte Unterholz des Wäldchens. Dabei schaute er aufmerksam den Waldboden an. Hoffentlich konnte er wenigstens eine Quelle finden, damit sie sich erfrischen und ihren Durst löschen konnten. So entfernte er sich immer mehr von ihrem Lagerplatz und drang noch tiefer in den Wald ein.

Während Raimon sich im Wald umsah, blickte auch Sally sich um. Das Knurren ihres Magens ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Außerdem quälte sie der Durst. Da Raimon den Wasserschlauch mitgenommen hatte, konnte sie diesen nicht stillen. Doch das fand sie nicht besonders schlimm. Für sie war es wichtig, aus der Reichweite des verhassten Rodneys entfliehen zu können. Sie ließ sich von einem Eichhörnchen ablenken, das flink einen Baumstamm hinauf flitzte und wild umhersprang. Sally musste bei dem Anblick lächeln. Aber dann erinnerte sie sich, wie sie als kleines Mädchen an der Hand ihres Vaters in der weitläufigen Parkanlage des Anwesens der Montgomerys in Trowbridge eben diese Tiere beobachtet hatte. Sie musste schniefen, unterdrückte dann aber tapfer die aufkommenden Tränen über den Verlust ihres geliebten Vaters. Die Zeit war vorbei und würde nie mehr wiederkommen. Ihr Vater war tot und sie auf sich selbst gestellt. Aber nein, da waren noch Sabrin und Raimon, auf die sie sich verlassen konnte. Sabrin hatten sie zwar in Exeter zurücklassen müssen, aber Raimon war noch an ihrer Seite. Nur wie lange noch, das wusste sie nicht. Bald würde auch bei ihnen die Zeit der Trennung kommen. Ob sie ihn danach jemals wiedersehen würde?

Sally schrak hoch. Wo war Raimon? Sie konnte ihn nirgends entdecken. Hatte er sich zu weit von ihrem Lager entfernt und sie schutzlos zurückgelassen? Sie riss sich zusammen. Raimon würde bald zurück sein, dessen war sie sich sicher. Aber halt! Sie war ein Bursche und kein heulendes Weibsbild! Also Kopf hoch und nach vorn schauen!