Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 3 -  Kapitel 6


Obwohl es Sabrin im Herzen schmerzte, Edwina im Hurenhaus zurücklassen zu müssen, war sie froh, dem verhassten Ort den Rücken zuwenden zu können. Sabrin war, genau wie Sally, ungewollt in die Lage gekommen, als Dirne arbeiten zu müssen. So wie Sally befürchtete auch sie, Rodney wieder in die Hände zu fallen. Zum Glück schlief der eben mit seinen Freunden seinen Rausch aus. Sie musste lächeln, als sie an Edwina denken musste, die die Männer mit Mohnsaft betäubt hatte. So konnten Sally, Sabrin und Raimon genug Wegstrecke zwischen den Verfolgern und ihnen herausholen.

Sabrin musste auch an Sally denken, die nun hoffentlich bald in Sicherheit sein müsste. Schade war nur, dass sie sich entschlossen hatte, nicht zu ihren Freunden zurückzukehren. Nun war sie mit Raimon auf dem Weg nach Dover zu dessen Bruder. Sie hoffte sehr, dass sie selbst in Dilton Marsh Sallys Freundin Genefa Longbird finden konnte. Vielleicht war sie in der Lage, Mistress Genefa dazu zu überreden, Sally aus Dover zurück zu holen. Doch erst musste sie die Frau finden. Alles Weitere würde sich bestimmt ergeben.

Während sich die drei Flüchtigen immer weiter von Exeter entfernten, wurde es im Hurenhaus langsam hektisch. Rodney war aus seinem Rausch erwacht und verlangte lautstark nach neuem Branntwein. Sein Geschrei ließ auch seine Kumpane erwachen.

„Was schreist du so herum?“, fragte einer von ihnen und streckte sich laut gähnend. „Mir brummt der Schädel wie ein Bienenschwarm“, murrte er dann.

„Edwina! Weib! Bring uns was zu trinken!“, forderte Rodney schon wieder. Auch er griff sich an den Kopf, da diesen ein stechender Schmerz durchzog. „Was war das vorhin nur für ein Gesöff“, grummelte er vor sich hin. Schwankend stand er auf und taumelte zur Tür. Fast wäre er erneut gefallen, wenn er sich nicht am Türpfosten festgehalten hatte. „Edwina!“, brüllte er erneut nach der Alten. Er schaute den Flur hinunter, wo die Frau eben aus ihrer Kammer geschlurft kam.

„Was schreist du so? Ich komme ja schon“, schimpfte die Frau.

„Wir haben Durst. Bring uns was“, forderte Rodney.

„Elendes Saufpack“, murrte Edwina, trollte sich aber schnellstens, um Rodney das Gewünschte zu bringen. Sie kannte den Mann gut genug. Unter Alkohol wurde er meist zur Bestie.

„Hol mir Sabrin her“, befahl ihr Rodney, als sie einen Krug Branntwein brachte und auf den Tisch stellte.

„Die ist nicht da“, erwiderte Edwina.

„Wo ist dieses Flittchen schon wieder. Wenn man die einmal braucht, ist sie nie da!“ Rodney war wütend. Vor Zorn schwoll ihm schon wieder eine Ader am Hals.

„Was weiß ich. Seit wann bin ich ihr Kindermädchen?“, antwortete die Alte und sah den Hurenwirt forsch an.

„Dann lass es! Darum kümmern wir uns später“, spie Rodney ihr entgegen. „Raus mit dir! Wir haben etwas zu besprechen, das nicht für deine Ohren gedacht ist“, fuhr er sie dann noch an, worauf Edwina schleunigst das Weite suchte.

„Hoffentlich sind die Mädchen schon aus der Stadt und in Sicherheit. Ich wünsche es ihnen“, seufzte die Frau, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Und so Gott es will, kommen sie auch gesund und munter an ihrem Ziel an.“

„Die Hure Sabrin ist nicht da. Vielleicht finden wir sie nachher im Haus des Henkers“, sagte Rodney zu seinen Kumpanen, die am Tisch auf ihren Stühlen saßen und krampfhaft versuchten, wach zu bleiben. „Wir sollten uns beeilen, ehe alle flüchten können.“ Er sah seine Kameraden forsch an, die ihm mit müden Augen entgegenblickten.

„Lass uns erst noch einen trinken. Ich habe Durst wie ein Pferd“, sagte einer der Männer. Er nahm seinen vor ihm stehenden Becher und hielt ihn Rodney hin. „Du willst uns doch nicht verdursten lassen“, knurrte er ihn an, als dieser nicht gleich reagierte

Murrend füllte Rodney allen den Becher. Dann prosteten sie sich zu und wünschten sich Erfolg bei der Hurenjagd.