Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 3 -  Kapitel 7


Während Sally sich allein ein wenig fürchtete, strich Raimon auf der Suche nach Wasser durch den Wald. Es war bereits fast dunkel und Eile war angesagt. Allzu lange wollte er die junge Frau nicht ohne Schutz lassen. Auch wenn es im Wald einigermaßen sicher war, man wusste nie, welche Halunken dort in der Nacht unterwegs waren. Sally als Frau war da ein leichtes Opfer, das einfach zu überwältigen war. Das Glück war dem Henker hold. Schon bald spürte er eine kleine Quelle auf, deren kühles und klares Wasser neben einem Stein hervorsprudelte. Hier konnte er die beiden Wasserschläuche füllen. Erleichtert atmete der Henker auf. Nun konnte er sich auf den Rückweg machen.

Als Raimon zum Lagerplatz zurückkam, fand er Sally zusammengerollt in ihre Decke gewickelt und schlafend vor. Obwohl er Hunger hatte, legte auch er sich hin. Essen konnte er später immer noch. Jetzt wollte er die Schlafende möglichst nicht stören. Ihr Weg nach Dover war noch weit. Sie würde ihre Kraft brauchen, um so bald wie möglich am Ziel anzukommen. Nachdenklich starrte Raimon in das dichte Blätterdach über ihrem Lager. Seit Sabrin Sally in ihrer Not zu ihm gebracht hatte und das Mädchen bei ihm lebte, hatte er es in sein Herz geschlossen. Sally war ihm zwar bereits bei seinen Besuchen im Hurenhaus aufgefallen, aber besonders um sie gekümmert hatte er sich nicht. Sie war für ihn eine unter vielen Huren. Er kam als Henker nicht ins Hurenhaus, um sich mit den Frauen zu vergnügen. Seine Aufgabe war es, darauf zu achten, dass die Sperrstunde eingehalten wurde und die Abgaben an die Stadt abzuholen.

Seit Rodney das Hurenhaus übernommen hatte, musste er allerdings schon mehrmals Anzeigen wegen Ruhestörung nachgehen. Rodney und seine Kumpane hielten sich nur wenig an die Vorgaben der Stadt. Sie pöbelten, krakeelten und soffen wie die Löcher. Auch die Dirnen hatten darunter zu leiden. Immer weniger Freier verirrten sich in Rodneys Hurenhaus, das vorher unter Aelfrics Führung recht beliebt gewesen war. Wie lange der neue Hurenwirt unter diesen Voraussetzungen das Bordell noch halten konnte, konnte man sich an fünf Fingern abzählen. Wie gut, dass Sally diesem Moloch entfliehen konnte.

Als Raimon an die neben ihm liegende Frau denken musste, verspürte er ein leichtes Ziehen in der Herzgegend. Hatte er sich womöglich in sie verliebt? Raimon verstand die Welt nicht mehr. Seit seine geliebte Helen und ihre zwei gemeinsamen Kinder an dieser fürchterlichen Schwindsucht gestorben waren, hatte er nie wieder an eine Frau denken können. Zu sehr schmerzte ihn der Verlust seiner Liebsten, auch noch nach so vielen Jahren, die seitdem vergangen waren.

Lächelnd erinnerte er sich an die schöne Zeit, die er mit Helen und seinen Kindern verbringen durfte. Sein Junge, William, den sie einfach nur Will genannt hatten, wäre jetzt fünfzehn Jahre und längst so weit, sein Handwerk zu erlernen. Wie es Brauch war, hätte er eines Tages seine Stelle übernommen. Er wäre jetzt bestimmt schon Geselle. Oder seine Tochter, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war, wäre selbst schon Mutter einiger liebenswürdiger Kinder und die Frau seines ersten Gesellen. All das war leider bereits Vergangenheit.

Raimon drehte sich so, dass er Sally anschauen konnte. Ihr Gesicht wurde nur durch das bleiche Mondlicht erhellt, das durch das Blätterdach drang. Die Mütze, die sie trug, war vom Kopf gerutscht. Ihre Haarpracht, die nun einem kurzen Haarschnitt gewichen war, ließ sie fremd aussehen. Trotzdem waren die Gesichtszüge immer noch die Gleichen. Am liebsten hätte Raimon sie zärtlich berührt. Doch dann wäre sie erwacht und er hätte ihr Rede und Antwort stehen müssen, wozu er zwar in der Lage gewesen wäre, aber Sally in Verlegenheit gebracht hätte. Das wollte Raimon keinesfalls. Die junge Frau hatte etwas Besseres verdient, als an einen Henker gebunden zu sein, der nur aufgrund seines Berufes als unehrenhaft galt. So schwer es ihm fiel, Sally war tabu für ihn.

Sally begann sich zu regen. Sie schlug die Augen auf. Raimon erschrak und wäre beinahe auch noch zusammengezuckt. Dabei hatte er nichts getan, was Sallys Ruf geschadet hätte.

Fröstelnd zog die junge Frau die Decke enger um sich. „Ich friere“, flüsterte sie zittern. „Darf ich mit unter deine Decke?“

Raimon fühlte sich plötzlich, als hätte er einen Schlag mitten ins Gesicht bekommen. Was sollte er nun tun? Sally brachte ihn arg in Bedrängnis. Was, wenn sie bemerkte, wie sehr er sie begehrt? Nein, das durfte nicht sein! Er nahm sich vor, sich nichts anmerken zu lassen.

Obwohl Raimon vor Angst am liebsten abgelehnt hätte, rückte er ein wenig näher an Sally heran. Er nahm sie in seine Arme und zog deren Decken über beide.

Sally ging auf Tuchfühlung und kuschelte sich eng an ihn. Wohlig seufzend schloss sie die Augen. „Jetzt wird es wieder wärmer“, flüsterte sie. „Ich wusste gar nicht, wie kalt es nachts werden kann.“

Der Henker lächelte. „Du musstest ja wohl auch nie unter freiem Himmel nächtigen“, sagte er nach einer Weile. „Dass soll jetzt kein Vorwurf sein“, verteidigte er seine Worte.

„Ich weiß“, erwiderte Sally. „Mein Vater hat mich immer wohl behütet“, setzte sie hintenan. Sally seufzte erneut. Krampfhaft versuchte sie, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken, was ihr nicht gelang. Zu tief saß der Schmerz über den Verlust ihres geliebten Vaters. Schniefend wollte sie sich wegdrehen, doch Raimon hielt sie fest.

„Du vermisst deinen Vater“, hatte er erkannt.

„Sehr“, entgegnete Sally. „Aber nicht nur ihn, auch meine Freunde, meine Zofe, einfach alle…“

„Wirklich alle?“, hakte der Henker nach.

„Lilith nicht! Die kann bleiben, wo der Pfeffer wächst“, kam nach einer Weile von Sally. „Die kann mir gestohlen bleiben.“

„Was spricht dagegen, nach Hause zurückzukehren?“, wollte Raimon noch einmal wissen, obwohl sie das Thema schon unzählige Male durchgekaut hatten. Er hatte sich während ihrem mühsamen Marsch zwar schon den Mund fusselig geredet. Doch Sally ließ sich nicht überzeugen. Seines Erachtens wäre es besser für sie, zu ihren Freunden zu gehen und dort als Frau zu leben. Stattdessen zog sie mit einem unehrenhaften Henker durch das Land und war auf der Flucht vor einem gewalttätigen Hurenwirt, der ihr ans Leder wollte. Ein Leben als Mann war schon nicht einfach, aber eine als Bursche verkleidete Frau würde es auch nicht leichter haben. Lieber wollte sie mit ihm nach Dover gehen, wo sie auch keine Möglichkeit hatte, aus der Rolle zu schlüpfen und ein Leben als Frau zu führen. Nicht auszudenken, was ihr geschehen würde, wenn die Maskerade auffallen sollte und sie als Frau enttarnt wurde.

„Lassen wir das Thema“, bestimmte Sally barsch und drehte sich abrupt um. So schwer es ihr auch fiel, sie konnte nicht zurück. Der Makel, der nun an ihr haftete, würde nie wieder von ihr abfallen. Da half es auch nicht, dass sie unter Zwang als Hure arbeiten musste.

„Gute Nacht“, sagte Raimon kurz angebunden und schob Sally noch ein Stück seiner Decke in den Rücken, damit sie es warm genug hatte.

Obwohl der Henker rechtschaffend müde war, konnte er nicht einschlafen. Unruhig wälzte er sich von einer auf die andere Seite. Am liebsten hätte er Sally über seine Schulter geworfen und sie eigenhändig nach Dilton Marsh zu ihrer Freundin Genefa Longbird gebracht. So wie er aus Sallys Erzählungen erfahren hatte, war diese Genefa seit Kindesbeinen an Sallys beste Freunde. Doch damit wäre die junge Frau garantiert nicht einverstanden und schneller als man Amen sagen konnte, wieder von dort verschwunden. Er nahm sich vor, diese Genefa als Nächstes aufzusuchen, wenn er von Dover zurück war. Dass Sabrin ihm dabei nicht nur einen Schritt voraus war, ahnte er nicht.

Noch vor dem Morgengrauen waren Sally und Raimon auf den Beinen. Nach einem kurzen Morgenmahl packten sie ihr Bündel und brachen auf. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Raimon vermutete, Sally nahm ihm die gestrigen Worte übel und schwieg lieber.

„Vielleicht haben wir heute Glück“, sagte Sally unverhofft.

„Inwiefern?“, fragte Raimon, der aus seinen Gedanken gerissen wurde. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Sally meinen könnte.

„Hast du nicht zugehört?“, wollte Sally wissen und sah Raimon erstaunt an, als dieser mit dem Kopf schüttelte. So kannte sie den Henker gar nicht. „Vielleicht nimmt uns heute jemand auf seinem Karren mit“, sagte Sally. „Mir graut es davor, noch so viele Tage zu Fuß unterwegs sein zu müssen.“

Mitleidig sah Raimon Sally an. Er erkannte, wie sehr sie sich mit jedem Schritt quälte. Doch helfen konnte er ihr nicht, so sehr er es auch wollte.

Erst am Abend des dritten Tages ihrer Reise hatten sie Glück. Ein Händler aus London kreuzte ihren Weg, als sie in einem Gasthaus Rast machten, um etwas zu essen und dort zu übernachten. Ihr Proviant war längst zur Neige gegangen. Somit waren sie gezwungen, in Rasthäusern einzukehren. Der karge Rest an Beeren am Wegesrand vermochte es nicht, ihren Hunger zu stillen. Wildern mochten sie auch nicht. Die Gefahr, dabei ertappt und an den Lehnsherrn ausgeliefert zu werden, war zu hoch. Auf Wilderei stand immer noch die Todesstrafe. Raimon, obwohl selbst Henker, hatte keine Lust, durch die Hand eines Zunftvetters sein Leben am Galgen baumelnd auszuhauchen.

Außerdem war es nachts ganz plötzlich so kalt geworden. Raimon wollte es Sally daher nicht mehr zumuten, unter freiem Himmel zu nächtigen.

Sally und Raimon saßen an einem Tisch in dem kleinen Rasthaus. Vor sich hatten sie jeder eine Schüssel Eintopf, in den mehr Augen hineinschauten als heraus. Angewidert verzog Sally das Gesicht. „So einen Fraß würde ich nicht mal den Schweinen vorsetzen“, kommentierte sie die Qualität des Essens. „Die Wirtin hat wahrscheinlich das Abwaschwasser als Brühe genommen.“

„Etwas Besseres werden wir hier wohl nicht finden. Es ist das einzige Gasthaus im Ort“, erwiderte Raimon. „Bis zum nächsten Dorf ist es zu Fuß viel zu weit, um es noch vor dem Einbruch der Nacht zu erreichen.“ Der Henker nahm einen Schluck von seinem Bier, das die Wirtin wortlos serviert hatte. „Das Bier ist auch nicht besser“, sagte er und stellte den Becher vor sich ab.

Eben wollte er Sally auf den nächsten Tag vertrösten, an dem sie garantiert ein besseres Gasthaus mit besseren Speisen und Getränken finden würden, als die Tür aufging. Ein einfach gekleideter Herr trat ein, wahrscheinlich ein Handelsmann auf Reisen. Suchend sah er sich um, ehe er zielstrebig auf ihren Tisch zukam und sich ungefragt auf einen der freien Plätze setzte.