Das Schlossgespenst


© by salika

Glaubt Ihr an Geister und Gespenster? Nicht wirklich, oder? Ich auch nicht. Aber als Kind ließ ich mich von meiner Großmutter einschüchtern, es gäbe welche. Vor allem, wenn ich mich abends sträubte, ins Bett zu gehen. Dann sagte sie immer, es käme der Mumanz oder das Huppmännel, holt mich und steckt mich zur Strafe in sein Verlies. Was denkt Ihr, wie schnell ich da im Bett war und mich unter der Decke versteckt habe, denn zum Huppmännel wollte ich keinesfalls.

Unser Sauhund glaubte auch nicht an Geister, bis ihm mal höchstpersönlich einer über den Weg gelaufen ist. Und das war so:

Es war so um 1520 herum. Kurz bevor der Bauernkrieg ausbrach. Da wanderte der Sauhund durch das Württembergische. Damals war er auf der Suche nach einer Arbeit. Nur von dem, was der Wald hergab, konnte er nicht leben. Langweilig war es ihm auch, so alleine er war. Also zog es ihn wieder einmal in die Welt hinaus.

Im Württembergischen kam er in die Gegend von Altenriet. Das war bzw. ist in der Nähe von Nürtingen. Altenried lag damals schon am Neckar, der still vor sich hin floss. Dort fand er die Burg Neuenriet, die hoch oben auf einem Berg stand.

Der kleine Ort am Fuße der Burg beherbergte damals nicht viele Menschen. Im Mittelalter waren große Städte recht selten. Auch wenn man in einer Stadt wohnte, kannte man dort Hinz und Kunz, sozusagen fast die gesamten Einwohner.

Einige Tage versuchte der Sauhund, in der Stadt eine Arbeit bei angesiedelten Händlern und Gewerken zu finden, wobei er keinen besonderen Erfolg verzeichnen konnte. Er wohnte in einer kleinen Spelunke, in der es in den Betten mehr Läuse und Wanzen gab als Menschen. Die Durchreisenden schliefen sogar nur auf aufgeschütteten Stroh auf dem Boden. Das Stroh stank so sehr, dass es eine Zumutung war, darin zu nächtigen. Das Vieh im Stall lebte besser als die Reisenden.

Das Essen war auch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Frau des Wirtes kannte nur wenige Speisen, die sie den Gästen vorsetzte, als wären es Schweine am Trog. Von Liebe am Kochen war keine Rede, Hauptsache, der Gast aß im Haus, ließ sein Geld da und ging nicht zur Konkurrenz.

Dem Sauhund gefiel das keinesfalls. Er war immer gutes Essen gewöhnt. Auch wenn er recht oft in ärmlichen Verhältnissen leben musste, am Essen geizte der nie. Im Wald gab es oft genug, wovon er satt werden konnte. Und was er nicht fand, wurde in seinem kleinen Gärtchen angebaut. Doch hier in der Stadt musste er mit seinem Ersparten gut haushalten, um lange genug damit auszukommen, bis er eine Anstellung gefunden hatte.

Die Tage, die der Sauhund in der Stadt verbrachte, nutzte er, um Kontakte zu finden. Es gab damals dort genug Menschen, die gerne gegen bare Münze Fremden halfen, über die Runden zu kommen. Nur eine feste Arbeit fand er nicht.

An einem Sonntag, der Sauhund ging wie alle Bewohner der Stadt in die Kirche, um die Andacht zu hören und danach zu beichten. Dabei fiel ihm dort ein reich gekleideter Herr auf, der von einer Frau, die in Samt und Seide gehüllt war, begleitet wurde. Einige Kinder waren auch im Schlepptau, die die beiden Erwachsenen umschwirrten wie ein Bienenvolk. Ihre Kleidung sah auch nicht aus wie von armen Leuten.

Als die Andacht beendet war und der Sauhund gebeichtet hatte, stellte er sich ans Kirchenportal und wartete. Die Menschen, die aus der Kirche kamen, kannte er in den seltensten Fällen. Das war auch kein Wunder, er war ja neu in der Stadt. Als er eine Weile so da stand und die Leute beobachtete, erkannte er den Wirt, bei dem er untergekommen war.

„Sag mal“, wandte er sich an diesen, „wer ist denn der Herr dort.“

„Welchen meinst du?“, fragte der Wirt, worauf der Sauhund auf den in Prunk und Protz gekleideten Mann zeigte, der eben mit seiner Begleitung in die Kutsche stieg.

„Ach den meinst du! Das ist der Ritter von der Burg Neuenriet“, erklärte ihm der Wirt.

„Wo ist diese Burg?“, wollte der Sauhund wissen. Er war neugierig geworden. War das vielleicht eine Möglichkeit, in Lohn und Brot zu kommen?

„Wenn du durch das nördliche Tor gehst, siehst du sie schon von Weitem“, bekam er Auskunft. „Aber sag, warum willst du das wissen?“

„Ich bin nun schon einige Tage hier und habe immer noch keine Arbeit gefunden“, erklärte der Sauhund. „Vielleicht hab ich ja auf der Burg oben Glück. Fragen kostet ja nichts, nur mein Nichtstun kostet mich meine ersparten Groschen.“

„Auf die Burg willst du!“, erschrak sich der Wirt. „Bist du dir da sicher?“

„Klar, warum nicht“, antwortete der Sauhund.

„Da oben und auf allen Anwesen des Herrn spukt es, da würden mich keine zehn Pferde hin bekommen“, erwiderte der Wirt.

„Ach was, so ‘n Scheiß. Wer glaubt denn schon an Geister“, meinte der Sauhund lachend. „Das ist doch Mummenschanz.“

„Du wirst es schon sehen“, entgegnete der Wirt. „Dir wird schon noch das Lachen vergehen.“


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