Sally

Fern von zu Hause

 

Auszug aus Kapitel 6


Während sich Sallys Freunde um sie sorgten, erreichte der Pferdewagen mit den beiden Ganoven und ihrer wertvollen Fracht die Stadt Exeter. Die junge Frau lag gefesselt und geknebelt auf der Ladefläche und versuchte, es sich so gut wie möglich bequem zu machen. Sie wurde durchgerüttelt und bei jedem noch so kleinen Hindernis, das der Wagen überwand, prallte sie ungebremst gegen die Wände der Kisten, zwischen denen sie lag. Jeder Knochen in ihrem Leib schmerzte. Sie glaubte bereits, der Weg schien gar kein Ende zu nehmen.

Obwohl Sally sich wie erschlagen fühlte, waren ihre Sinne wach. Auch ihr Kopf brummte. An der Stelle, an der sie mit dem Knüppel getroffen wurde, prangte eine hühnereigroße Beule. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, war, wie sie sich vor ihren Verfolgern versteckte, plötzlich wie aus dem Nichts Franklin bedrohlich über ihr stand und sie dann mit einem kräftigen Hieb mit einem Knüppel zu Boden gestreckt wurde. Danach wurde alles dunkel um sie herum, bis sie auf dem rüttelnden Karren erwachte und nicht wusste, wo sie sich befand. Sie wagte es aber nicht, sich bemerkbar zu machen. Mit Grausen dachte sie an die schlimmen und erniedrigenden Dinge, die die beiden Ganoven mit ihr getan hatten. Sie roch noch jetzt den stinkenden Atem des einen, als er sie gewaltsam auf den Boden warf, gnadenlos in sie eindrang und ihre Jungfräulichkeit zerstörte. Der Schmerz dieser Untat pochte noch jetzt zwischen ihren wunden Schenkeln.

„Endlich sind wir in Exeter“, vernahm sie Franklin, der hinter dem Kutschbock auf einer Kiste saß und sie während der Fahrt bewacht hatte. Die beiden Gauner wollten keineswegs das Risiko eingehen, dass sich Sally noch einmal befreien und fliehen konnte. Obwohl ihr Bewacher einige Male eingenickt war, war er aufmerksam genug, jede noch so kleine Regung ihrer Gefangenen wahrzunehmen und sie zu warnen, dass er ihr noch schlimmere Dinge antun würde, wenn sie einen Fluchtversuch riskieren sollte.

„Was habt ihr mit mir vor?“, wollte Sally, nichts Gutes ahnend, nun doch wissen. Aufgeregt klopfte ihr Herz, als sie versuchte, sich umzuschauen, um herauszufinden, wo genau sie sich befand. Sie weilte mit ihrem Vater bereits mehrmals in Exeter. Die Häuser, die sie vom Boden des Wagens aus erkennen konnte, hatten schon bessere Zeiten erlebt. Sie nahm an, ihr Weg führte sie durch eine der ärmeren Gegenden der Stadt. Ergebnislos mühte sie sich ab, einen Blick über die Kante des Pferdewagens zu werfen. Die Fesseln waren zu straff, dass weder die Arme noch die Beine bewegen konnte.

„Nicht so ungeduldig. Das wirst du schon noch sehen, wohin es geht, mein Täubchen“, erwiderte Franklin grinsend, äußerte sich aber nicht weiter. Er wusste, Sally würde jede Möglichkeit wahrnehmen, zu fliehen. Das musste er unbedingt verhindern. „Aber eines kann ich dir schon jetzt sagen, du wirst uns zu reichen Männern machen.“

„Was machen wir nun mit ihr?“, fragte nun auch Henry, der den Wagen lenkte. Er war es inzwischen leid, ständig die Befehle seines Kumpans ausführen zu müssen. Seit Beginn ihrer Freundschaft hatte sich daran nichts geändert. Franklin sagte, was zu tun war, und er, Henry, führte es ohne zu murren aus.

„Zum Hafen“, bestimmte Franklin, ohne auf Henrys Frage einzugehen. „Aber beeile dich. Wir haben nicht viel Zeit. Im Morgengrauen laufen die meisten Schiffe aus. Wenn wir nicht noch einen weiteren Tag hier verbringen wollen, müssen wir schnell dort sein, um noch Händler anzutreffen, die hier kurz vor Abfahrt noch Geld machen wollen.“

So knallte Henry mit der Peitsche und trieb die Pferde zu einer schnelleren Gangart an. Immer der Nase nach folgten sie der holprigen Straße, die direkt zum Hafen führte. Aufmerksam wurden die Kaufleute beobachtet, die nach und nach eintrudelten, um ihre Passage nach Übersee anzutreten.

Während immer noch große Segelschiffe mit Waren beladen wurden, flanierten Frauen, die eindeutig als Dirnen zu identifizieren waren, am Kai entlang und machten den Seeleuten, aber auch den Kaufleuten schöne Augen. Da bemerkte Franklin einen Mann, der sich, ebenfalls wie sie selber, suchend umsah. Der Herr war einfach, aber sauber gekleidet. Obwohl er höchst wahrscheinlich nicht von hohem Stand war, benahm er sich wie ein Edelmann. Er sprach eine der Dirnen an, die sich daraufhin an einen der Kaufmänner wandte, der sich bei dem Mann nach etwas erkundigt hatte. Geld wechselte unauffällig den Besitzer. Dann hakte sich die Frau nach ein paar Worten bei ihm unter und gemeinsam verschwanden sie in einem nahe gelegenen Gasthaus.

„Ich habe eine geniale Idee!“, rief Franklin plötzlich aus, worauf Henry erschrocken zusammenzuckte.

„Ja, was denn nun schon wieder? Raus mit der Sprache!“, fragte er nach und runzelte die Stirn. Er wusste, sein Freund hatte oft spontan gute Ideen und hoffte, auch dieses Mal würde es so sein. Obwohl er sich ständig darüber ärgerte, war er froh, nicht selber denken zu müssen. So verließ er sich einfach auf Franklin, ob das nun gut war oder nicht. Bisher konnten sie immer den Häschern entkommen. Ohne Franklins Zutun würde er schon längst im Kerker verrottet.

„Siehst du diesen eigenartigen Kerl dort?“, wollte Franklin von ihm wissen und zeigte unauffällig hinüber zu dem Mann, der die herumflanierenden Dirnen und die Passanten beobachtete.

„Was ist an dem so interessant?“, Henry konnte sich keinen Reim darauf machen, was sein Freund an diesem eigenartigen Kerl fand.

„Ganz einfach!“, erwiderte Franklin. „Das scheint ein Hurenwirt zu sein. Dem bieten wir unser Täubchen zum Kauf an“, ließ er nun die Katze aus dem Sack.


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