Sally

Fern von zu Hause

 

Auszug aus Kapitel 07


© by sunny768

Grob zerrte Aelfric die sich wehrende Sally hinter sich her. Rodney folgte den beiden in geringem Abstand. Dabei beobachtete er die Passanten, von denen ihnen manche entgeistert nachschauten und mit dem Kopf schüttelten. Einige Frauen, die ihnen entgegen kamen, wollten empört protestieren. Doch als sich Rodney drohend zwischen Aelfric und die Frauen stellte, zogen diese lieber eingeschüchtert weiter. Der riesige Mann war ihnen gar nicht geheuer. Sally rief ihnen zu, sie wäre in Not und sie sollen ihr doch helfen. Aber Rodney gab ihr grob einen Stoß in die Rippen, so dass sie Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Taumelnd stolperte sie hinter ihrem Peiniger her, den es nicht interessierte, ob seine Gefangene ihm folgen konnte.

„Komm, schon, Weib! Trödle nicht rum. Die Arbeit ruft“, schimpfte Aelfric mit Sally. „Deine Gegenwehr nutzt dir gar nichts. Du wirst tun, was ich dir befehle! Wenn nicht, wirst du schon sehen, was du davon hast.“ Er hob drohend die Hand, um damit anzudeuten, dass er sie schlagen werde, wenn sie nicht gehorcht.

„Was fällt Euch ein! Ihr seid ein Grobian“, schrie ihm Sally entgegen und trat nach seinem Schienbein. „Nie und nimmer werde ich für Euch arbeiten!“

„Doch, das wirst du. Noch heute wirst du den ersten Freier bedienen. Ich habe einen, der wartet schon ewig auf eine Jungfer, die er einreiten kann. Gleich nachher werde ich einen Boten zu ihm schicken“, erwiderte der Hurenwirt fies grinsend. „Du hast mich viel Geld gekostet. Das musst du nun abarbeiten.“

„Das interessiert mich nicht die Bohne! Mein Vater war der bekannte Adrian Montgomery! Seine Freunde werden mich finden und Euch zur Rechenschaft ziehen. Genau so die beiden Kerle, die mich hierher gebracht haben. Ihr werdet alle Euer Leben am Galgen röchelnd aushauchen.“

„Mir doch egal, wer dein Vater ist oder war. Du gehörst jetzt mir und hast zu gehorchen!“ Aelfric grinste sie fies an. Als Sally erneut widersprach, hob er die Hand und machte seine Drohung wahr. Er schlug sie ins Gesicht. Die junge Frau war so erschrocken, dass sie sich nicht einmal wehren konnte. „Das war erst der Anfang!“, drohte Aelfric. „Gehorche mir und dir wird nichts geschehen. Wenn nicht, dann…“

„Ihr seid ein Scheusal!“, schrie Sally ihn an. Ihre Wange brannte wie Feuer. Erneut trat sie nach Aelfrics Schienbein. Sie riss sich los und wollte wegrennen. Doch Rodney war ihr im Weg. Wie aus heiterem Himmel stand er plötzlich wieder hinter ihr, wo er doch eben noch hinter ihrem Peiniger stand. Der Mann wurde Sally unheimlich. Immer war er zur Stelle, wenn sie annahm, einen Ausweg gefunden zu haben.

„Was willst du?“, spie sie ihm ins Gesicht. „Denkst du, ich habe Angst vor dir? Nie und nimmer!“ Sie drehte sich zu Aelfric um, der Rodney lobend zunickte.

„Ach ja, ehe Ihr es von Eurem Kunden erfahrt…“, meinte Sally wie nebenbei. Dabei grinste sie schelmisch. „Jungfrau bin ich schon längst keine mehr“, ließ sie die Katze aus dem Sack. „Wenn Ihr wissen wollt, seit wann! Ganz einfach! Seit letzter Nacht! Die beiden Gauner sind über mich hergefallen wie Wölfe über ihre Beute.“ Sie hob ihr Nachtkleid bis über die Knie, so dass ihre Schenkel sichtbar wurden, an deren Innenseiten immer noch Blut ihrer vergangenen Jungfernschaft klebte.

„Das glaube ich dir nicht! Du willst dich doch nur heraus reden. Wer weiß, was du getan hast, dass du so aussiehst. Gleich nachher werde ich dich von einer meiner Dirnen untersuchen lassen“, sagte Aelfric auf Sallys Neuigkeit. „Hast du mich angelogen, dann gnade dir Gott.“

Sally hob stolz den Kopf. „Glaubt doch, was Ihr glauben wollt. Ich spreche die Wahrheit. Einen Grund zu lügen, habe ich nicht.“ Sie fühlte sich plötzlich ganz stark, obwohl sie in einer sehr prekären Lage war und noch nicht wusste, wie sie aus dieser wieder entfliehen konnte. „Ich denke, Ihr habt es sehr eilig, mich meinem ersten Freier zuzuführen“, sagte sie schnippisch zu Aelfric und sah ihn hochmütig tuend von oben her an. „Nun steht Ihr hier rum wie ein dummer Esel und glotzt mich an als wäre ich von einer anderen Welt.“

„Dann komm“, knurrte Aelfric und ging einfach weiter, ohne auf Sally zu achten. Wenn sie nicht fallen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm schnell zu folgen.

 

Schon bald erreichten die drei das Hurenhaus. Es stand etwas abseits in einer kleinen Gasse, in der sich die Häuser eng aneinander drängten. Auf dem verschlammten Weg zwischen den Gebäuden tummelte sich allerlei Getier. Hühner pickten im Dreck, während ein paar Schweine genüsslich in einem Misthaufen wühlten, der sich neben der Eingangstür des Hauses gegenüber befand. Über dem Misthaufen summten Unmengen von Schmeißfliegen, die sich sofort auf die Ankömmlinge stürzten und um deren Köpfe flogen. Der beißende Geruch war fast nicht auszuhalten.

Wild mit den Händen fuchtelnd scheuchte Sally die Fliegen davon. Doch es war nichts zu machen, die kleinen Monster ließen sich nicht vertreiben. Angewidert verzog Sally das Gesicht. Solch eine Kloake hatte sie noch nie gesehen. Nicht einmal der Schweinekoben auf dem Anwesen ihres Vaters erzeugte solch einen Gestank. Zwei zottelige Hunde zankten sich um einen Knochen, an dem noch Fleischreste hingen. Zähnefletschend knurrten sie sich gegenseitig an, bis der kleinere von ihnen ängstlich den Schwanz einzog und davon trabte.

Amüsiert beobachtete Aelfric Sallys Bemühungen, die Fliegen zu vertreiben. „Gib dir keine Mühe. Es bringt nichts. Die kommen immer wieder“, sagte er nach einer Weile zu ihr. Dann klopfte er gegen die schwere Eingangstür des Hurenhauses.


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