Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 8 -  Kapitel 1


Nach dem ungewollten Halt verlief der Rest der Reise ohne weitere Zwischenfälle. Sally war noch immer empört über Sir Selwyns Verhalten, hatte sich aber bereits ein wenig beruhigt.

„Liebes, du kannst nichts daran ändern. Vergiss den Zwischenfall und Sir Selwyn“, versuchte Raimon Sally zu beschwichtigen.

„Genau! Vergiss es einfach. Aufregung ist nicht gut für dich und das Kind“, blies nun auch Edwina in dasselbe Horn.

„Ich frage mich trotzdem, was in ihn gefahren ist“, erwiderte Sally ärgerlich. „Aber ihr habt Recht. Er ist es nicht wert, sich noch weiter Gedanken über ihn zu machen. Ein Arschloch bleibt nun mal ein Arschloch. Das habe ich nun erkannt und weiß, wie ich weiterhin mit Sir Selwyn umgehen werde. Ab sofort kann er mir gestohlen bleiben.“

Raimon lächelte über Sallys Worte. So aufgebracht kannte er seine Frau gar nicht. Bisher hatte er sie eher ruhig kennengelernt.

Die nächsten Minuten verbrachten die Reisenden jeder in sich gekehrt. Adelaide saß still auf ihrem Platz. Die junge Frau dachte wohl nach. Edwina hatte den Kopf an das Rückenpolster gelehnt und schien zu schlafen. Sally und Raimon hielten Händchen und schauten sich verliebt an. Nur Faylynn war putzmunter. Das Mädchen war vom Sitz geklettert und stand nun zwischen den Erwachsenen. Neugierig versuchte es aus dem Fenster zu schauen.

„Tante Sally, schau einmal. Dort hinten“, rief die Kleine aufgeregt. „Dort sind Häuser zu sehen.“

Sally beugte sich ein wenig vor und blickte in die gezeigte Richtung. „Das ist Trowsbridge“, erklärte sie dem Kind. „Schaue weiter östlich. Dort befindet sich ein wenig versteckt in einer Parkanlage mein Elternhaus. Dorthin fahren wir nun.“

„Kann man in dem Park auch spielen?“, fragte Faylynn begeistert.

„Natürlich kann man das“, erwiderte Sally lächelnd. „Es gibt auch ganz viel zu erkunden für abenteuerlustige Kinder.“

„Das ist schön“, sagte die Kleine darauf und schaute neugierig zu den sich nähernden Häusern.

Schon bald erreichten sie das Anwesen der Montgomerys. Das riesige, gusseiserne Tor stand einladend offen. So konnte der Kutscher den Wagen ohne Halt hindurch lenken. Der breite Weg zum Hauptgebäude war links und rechts mit Fackeln bestückt, die aber noch nicht angezündet worden waren. Sally fand das sehr eigenartig. Sonst war es nicht üblich, Fackeln am Rand der Wege aufzustellen, wenn die Montgomerys keinen Ball gaben. Aber als sie sich dem Haus näherten, entdeckte sie Sir Selwyns Reitpferd, das eben von einem Stallknecht weggeführt wurde. Selwyn selbst wurde von einem Bediensteten ins Haus gelassen.

„Da ist uns jemand zuvor gekommen“, sagte Sally zu Raimon.

„Dieser Kerl ist mir einfach zuwider. Wer weiß, was er im Schilde führt. Ich nehme an, nichts Gutes“, erwiderte Edwina, die Sir Selwyn ebenfalls gesehen hatte.

„Mit dem werden wir schon fertig“, meinte Raimon darauf und rieb sich die Hände, als würde er sich auf einen Kampf mit seinem Widersacher vorbereiten wollen. „Ach, wir sind ja schon da“, sagte er noch, als der Kutscher vor dem großen Haus stoppte. Noch bevor der Chauffeur den Wagenschlag von außen öffnen konnte, hatte Raimon dies getan und war bereits ausgestiegen. Travis und Barnet waren vom Kutschbock gesprungen und starrten staunend auf das imposante Gebäude, in dem sie ab sofort leben sollten.

„Das ist ja riesig“, meinte Travis ehrfürchtig, worauf Barnet nur nickte, aber nichts sagte. Auch er war von dem Haus sichtlich beeindruckt.

Raimon half den Damen beim Austeigen. Faylynn hob er kurzerhand aus der Kutsche.

Aus dem Stallgebäude kam der Bursche angerannt, der Sir Selwyns Pferd weggeführt hatte. Ganz außer Atem blieb er vor den Ankömmlingen stehen. „Verzeiht, ich hatte eben noch ein Pferd zu versorgen“, entschuldigte er sein verspätetes Erscheinen.

„Das haben wir gesehen“, übernahm Sally einfach das Wort. „Aber sag, wer bist du? Dich habe ich hier noch nie gesehen“, fragte sie den jungen Mann.

„Ich bin der Pferdeknecht Milo und erst seit Kurzem hier. Mistress Lilith hat mich eingestellt, nachdem sie den alten Knecht entlassen hat“, erwiderte der Mann und verbeugte sich vor den Herrschaften.

„Daher kenne ich dich nicht. Ich wunderte mich schon“, entgegnete Sally. „Ich bin Sally Montgomery, die Tochter des verstorbenen Hausherrn. Und dies ist mein Gatte Raimon“, stellte sie dann sich selbst und Raimon vor. „Es wäre nett, wenn du unsere Ankunft meiner Stiefmutter melden würdest.“

Milo rannte sofort die Treppe hinauf und wollte eben anklopfen. Da wurde die Tür bereits geöffnet und Walter, der alte Butler ihres Vaters stand vor ihnen. Erstaunt blieb ihm der Mund offen stehen.