Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 8 -  Kapitel 3


Unruhig lief Lilith in ihrem Schlafzimmer auf und ab. Angestrengt überlegte sie, wie sie ihren Kopf aus der Schlinge ziehen könnte. Sie ahnte, alles war umsonst. Sie war überführt.

„Am besten wäre es, ich könnte hier verschwinden“, sinnierte Lilith nachdenklich. Vor dem Fenster blieb sie stehen und schaute hinaus. Eine geübte Kletterin war sie zwar nicht, aber sie würde trotzdem einen Abstieg aus dem Fenster wagen. Sehr hoch war es nicht, nur ein Stockwerk lag unter ihr. Sie kleidete sich um, ihre Reitkleidung und bequeme Schuhe fand sie als passend. Danach blickte sie noch einmal hinunter in den Garten. Der Platz direkt vor ihrem Fenster war hell mit Fackeln erleuchtet. Nicht gut, aber wenn sie sich geschickt anstellte, käme sie hinunter, ohne entdeckt zu werden. Schon wollte sie über die Fensterbank steigen.

„Mistress, habt Ihr etwas verloren?“, hörte sie plötzlich von unten her die Stimme eines der Stallknechte, der eben hinter einem Busch hervortrat, wo er sich vor den Blicken der Mistress verborgen hatte.

Erschrocken zog sich die Frau zurück. „Ich wollte nur einmal frische Luft schnappen. Es ist so stickig hier oben“, rief sie dem Mann zu.

„Dann ist es ja gut. Ich dachte schon, Ihr wolltet heraussteigen“, hatte der Mann richtig erkannt und lief gelassen auf und ab, die eingesperrte Frau fest im Blick. „Schließt lieber das Fenster. Nicht, dass Ihr noch herausfallt. Das wollen wir ja nicht“, rief der Knecht ihr zu.

„Was mache ich nur?“, fragte sich Lilith verzweifelt. „Vielleicht weiß meine Zofe Rat. Amalia weiß sich immer aus der Patsche zu helfen. Warum also nicht auch mir“, dachte sie sich dann und begab sich zur Tür. Auch hier hatte sie keinen Erfolg. Sie war verschlossen.

Nach einer Weile ging die Tür auf und Walter kam ungefragt herein. „Habt Ihr einen Wunsch? Mir war es, als hättet Ihr gerufen“, wollte der Butler wissen, ohne die Gefangene aus den Augen zu lassen.

„Hm, ja“, gab Lilith zu. „Könntest du Amalia zu mir schicken? Sie muss mir beim Packen helfen.“ Sie benutzte die kleine Ausrede für eine Ablenkung des Butlers. War er gegangen, wollte sie es über den Flur versuchen. Ihre Zofe war ihr egal. Das Mädchen sollte doch bleiben, wo der Pfeffer wuchs.

„Ich erkundige mich erst, ob Besuch erlaubt ist. Mistress Sally gab die Anweisung, niemanden zu Euch zu lassen. Ich möchte daher nicht über ihren Kopf hinweg entscheiden“, antwortete der Butler vollkommen emotionslos und ging hinaus.

Während er sich entfernte, horchte Lilith an der Tür. Sie hörte, wie der Mann nach jemanden rief, aber keine Antwort bekam. War er auch weit genug entfernt, dass sie fliehen konnte? Hatte er womöglich sogar vergessen, die Tür hinter sich abzuschließen? Der Gedanke ließ Lilith nicht mehr los. Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter. Beinahe hätte sie einen lauten Freudenschrei ausgestoßen. Die Tür war nicht verschlossen. Lilith spähte hinaus. Der Flur war leer und nur ganz wenig erleuchtet. Noch einmal schaute sie sich um. Dann wagte sie es. Sie schlich sich zum Dienstbotenaufgang, der zu dieser Tageszeit meist nicht genutzt wurde. Sie wusste, Walter ging immer über die große Treppe. Eine Angewohnheit des Butlers, die sie hasste, ihr nun aber zugutekäme. Also konnte er ihr im Aufgang der Dienstboten nicht begegnen. Falls Amalia die Erlaubnis bekam, sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, würde sie nur ihr begegnen. Sie glaubte nicht, dass die Zofe Alarm schlagen würde.

Die Treppe nach in die untere Etage war unbeleuchtet. Auch von dort war keine Regung zu vernehmen. Alle Dienstboten schienen bereits in ihren Betten zu liegen. Lilith war erleichtert. Sie machte den ersten Schritt.

„Ein kleiner Ausflug gefällig?“, fragte sie plötzlich jemand und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Erschrocken fuhr Lilith herum. Vor ihr stand Sallys hünenhafter Gemahl und starrte sie erbost an. Vor Entsetzen bekam sie kein Wort über die Lippen.

„Am besten, wir gehen zurück in Euer Gemach. Hier draußen habt Ihr nichts zu suchen“, sagte der Henker ganz ruhig zu Lilith. „Oder wollt Ihr mitten in der Nacht einen Spaziergang machen? Die passende Kleidung dazu tragt Ihr bereits.“ Er griff sie am Arm und führte sie zurück.

„Gibt es ein Problem?“, fragte Walter aufgeregt, der eben die Treppe heraufkam und seinen Posten vor Liliths Tür wieder einnehmen wollte. Er wurde blass, als er Lilith und den Henker sah, der sie wegführte.

„Die Dame wollte einen nächtlichen Spaziergang machen“, antwortete Raimon gelassen.

Dem Butler ging ein Licht auf. „Daher schickte die Mistress mich los, um nach ihrer Zofe zu rufen. Ich wusste es doch, dass man ihr nicht trauen kann. Und trotzdem hat sie mich hereingelegt wie einen Trottel.“ Er schaute betreten zu Boden. „Ich hatte in der Eile wohl vergessen, den Riegel vorzulegen“, gab Walter zu.

„Das scheint so gewesen zu sein“, antwortete Raimon. „Ich kam eben aus dem Zimmer der Jungen, als ich Mistress Lilith am Dienstbotenaufgang entdeckte. Sie wollte gerade die Treppe hinunter gehen.“ Raimon lächelte den alten Mann an. „Es ist ja noch einmal gut gegangen, keine Aufregung“, beruhigte er ihn. „Das nächste Mal achte einfach besser darauf, dass die Tür gut verschlossen ist.“

„Es kommt nicht wieder vor“, entgegnete Walter sichtlich bestürzt über seinen Fauxpas. Er fühlte sich ausgelaugt und konnte ein Gähnen nicht mehr unterdrücken. Obwohl er eindeutig übermüdet war, konnte es sich jetzt aber nicht leisten, zu Bett zu gehen. Es war spät und er seit dem frühen Morgen fast pausenlos auf den Beinen.

„Halt, warte!“, sagte Raimon auf einmal. „Ich übernehme die Wache. Gehe schlafen und ruhe dich aus.“

„Aber das geht doch nicht“, widersprach der Butler. „Was soll Eure Gemahlin dazu sagen, wenn Ihr wie ein Dienstbote herumsteht und die Mistress bewacht.“

Raimon lachte. „Lass das mal meine Sorge sein. Sally wird dafür Verständnis haben, wenn sie erfährt, dass du viele Stunden ohne Pause auf den Beinen warst.“

„Vielen Dank, Herr“, erwiderte Walter und verbeugte sich. „Miss Sally war schon immer eine sehr verständnisvolle Person. Ganz ihr Vater, Gott habe ihn selig.“ Der Butler bekreuzigte sich. „Ich gehe dann mal zu Bett. Gute Nacht und nochmals vielen Dank“, verabschiedete er sich von Raimon und ging in sein Zimmer, das nach wie vor neben dem des verstorbenen Hausherrn lag.

„Gute Nacht, Walter“, erwiderte der Scharfrichter und bezog Stellung vor Liliths Tür, die er ab sofort nicht aus den Augen ließ.