Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 8 -  Kapitel 5


Am Morgen versammelte Sally alle Bediensteten in der großen Diele im Eingangsbereich des Herrenhauses um sich. Obwohl gerade erst die Sonne aufgegangen war, gesellte sich auch Henri Richardson dazu. Die meisten kannten den Richter bereits aus Trowbridge und wussten, warum er sich auf dem Anwesen der Montgomerys aufhielt. Auch hatten sie von den Vorkommnissen des Vorabends erfahren. Sie hatten sich aber an Raimons Anweisung gehalten, keine Gerüchte in die Welt zu setzen. Besonders erstaunt waren die Angestellten nicht, dass sich Mistress Lilith auf diese Art und Weise aus der Verantwortung gezogen hatte. Kaum einer trauerte um die Verstorbene, die schon zu Lebzeiten nicht besonders beliebt war.

„Noch ist nicht sicher, ob Mistress Lilith eines natürlichen Todes gestorben ist, ob sie sich selbst das Leben genommen hat oder sie womöglich sogar ermordet wurde“, sagte Henri Richardson zu den Anwesenden. „Fakt ist, die Frau ist zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt von uns gegangen. Ich bin hier geblieben, um den Grund des Todes herauszufinden.“

„Vielleicht hat sie eingesehen, dass sie hier keine Zukunft mehr hat und Mistress Sally ihr auf die Schliche gekommen ist“, warf Adelaide ein. „Dem Anschein nach wusste sie auch keinen anderen Ausweg mehr.“

„Miss, wir wissen es noch nicht“, hielt Richardson die aufgeregte Zofe in ihrer Rede auf. „Spekulationen bringen uns aber auch nicht weiter.“ Er sah hinüber zu Raimon, der Adelaides Rede aufmerksam verfolgt hatte. „Doktor Armstrong aus Bradford-on-Avon wird heute im Laufe des Vormittags kommen und die Verstorbene untersuchen. Vielleicht finden wir einen Hinweis auf die Todesursache.“

Raimon fiel der Fund von letzter Nacht ein, den er in seiner Hosentasche verstaut hatte. Er kramte ihn heraus und überreichte ihn dem Richter.

„Was ist das und wo habt Ihr das gefunden?“, fragte Mister Richardson.

„Nachdem ich Euch letzte Nacht auf Euer Zimmer gebracht hatte, war ich noch einmal vor dem Haus, um frische Luft zu schnappen. Dabei sah ich mich in den Beeten vor den Fenstern meiner Schwiegermutter um. Die Fackeln brannten noch, wenn auch wenig. Da entdeckte ich diese kleine Ampulle“, berichtete Raimon wahrheitsgemäß. „Sie war bereits leer. Es sah so aus, als wäre sie achtlos weggeworfen worden.“

Richter Richardson besah sich das kleine Glasgefäß genau. Ein kleiner Aufkleber mit einem Totenkopf war darauf angebracht. Darunter konnte man noch erkennen, dass dort etwas darauf geschrieben wurde. Leider war die Schrift unleserlich geworden da genau an dieser Stelle der Aufkleber stark beschädigt war. „Das könnte ein Hinweis sein, dem wir auf den Grund gehen sollten“, sagte der Richter nachdenklich. Er zeigte die Ampulle herum und fragte, ob jemand etwas darüber wusste.

Adelaide meldete sich. Die Zofe erzählte, dass sie nach Sallys Entführung eine ähnliche Ampulle in deren Schlafgemach gefunden hatte. Sir Selwyn, der damals mit dabei war, hätte gesagt, es wäre Äther drin gewesen. Das Mädchen roch daran.

„Vorsicht! Wir wissen nicht, was in der Ampulle war“, mahnte Henri Richardson.

Adelaide verstand und war vorsichtig. Sie roch nochmals daran. „Der Inhalt war auf keinen Fall Äther. Ich erinnere mich noch gut an den Geruch des Betäubungsmittels.“ Sie zuckte hilflos mit den Schultern.

„Gut, das ist erst einmal nicht so schlimm“, erwiderte Richardson. „Doktor Armstrong weiß garantiert Rat. Deswegen habe ich ihn rufen lassen.“ Der Richter schaute in die Runde. „Ich danke allen für die Aufmerksamkeit. Ich bitte weiterhin um Stillschweigen, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind.“

„Ihr könnt dann an euer Tagwerk gehen“, sprach Sally kurz zu ihren Bediensteten. „Wir lassen euch rufen, falls Richter Richardson, oder später Doktor Armstrong, noch Fragen haben sollte. Ich danke euch, dass ihr unserem morgendlichen Aufruf alle gefolgt seid. Es fehlt nur der Stallknecht. Doch der ist entschuldigt. Er ist bereits seit dem Morgengrauen auf dem Weg zu Doktor Armstrong.“

„Wenn unsere Mistress Sally ruft, dann sind wir gern zur Stelle“, tönte die alte Köchin laut, die inmitten der Dienstmädchen stand, die sie wie eine Glucke um sich geschart hatte. Die Frau kannte Sally bereits von Kindheit an. Oft hatte sie ihrer jetzigen Herrin heimlich Leckereien aus der Küche zugesteckt, wenn sie wegen ihrer Stiefmutter wieder einmal todtraurig war. „Kommt Leute, an die Arbeit! Ihr habt gehört, was die Herrin sagte“, trieb die Köchin dann die Angestellten auseinander.

„Adelaide, sei bitte so nett und wecke die Kinder. Sie sollen rechtzeitig zum Frühmahl im Esszimmer sein“, wandte sich Sally an ihre Zofe. Das Mädchen hatte sich seit Sallys und Raimons Ankunft in Dilton Marsh weitestgehend um Raimons Neffen und seine Nichte gekümmert. Das sollte auch hier in Trowbridge so bleiben. Sobald Sallys Kind das Licht der Welt erblickt hatte, sollte die Tochter der Köchin ihr zur Hand gehen. Die junge Herrin wollte das Neugeborene aber weitestgehend allein versorgen. Sie hatte es jedoch lieber, anfangs eine erfahrene Mutter an ihrer Seite zu haben. Immerhin hatte sie keine leibliche Mutter mehr, die ihr alles zeigen konnte und Genefa hatte mit ihren eigenen Kindern genug zu tun. Die Tochter der Köchin hatte selbst Kinder, die aber bereits alt genug waren, um bei den Montgomerys ihren Dienst zu versehen.

Wenig später saßen alle am Frühstückstisch, der von den Dienstmädchen noch vor der Versammlung im Esszimmer gedeckt worden war.

„Ich denke, es ist nach der jetzigen Sachlage nicht mehr notwendig, meine Freunde zu den Ermittlungen heran zu ziehen“, sagte Sally zu Richter Richardson, der eben an seinem Tee nippte.

„Da habt Ihr Recht“, erwiderte der Richter. „Gerade für Mister Moore und Eure Freundin Sabrin wäre es ein weiter Weg von London bis hierher. Falls doch noch Fragen aufkommen sollten, können wir immer noch Boten schicken und sie in mein Dienstzimmer in Trowbridge bitten.“ Der Richter biss von seinem dick mit Butter und Honig bestrichenen Brot ab. „Ich hoffe, das Zimmer der Toten hat seit letzter Nacht niemand betreten und alles ist noch so, wie wir es verlassen haben.“ Er sah Raimon fragend an.