Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 8 -  Kapitel 8 - Epilog


Die Zeit verflog schneller als der Wind. Der unglückliche Tag, an dem Sally, ihr Gemahl Raimon, die Kinder, Edwina und Adelaide in Trowbridge auf dem Anwesen der Montgomerys angekommen waren, lag lange zurück. Fast war er auch vergessen, so wie Liliths Tod. Niemand wollte an diesen Tag erinnert werden.

Sallys Stiefmutter vermisste niemand. Vor allem nicht die Bediensteten des Hauses, die von Adrian Montgomerys Gattin oft ohne Grund drangsaliert wurden. Nach Adrians Tod und Sallys Verschwinden wurde Lilith sogar noch grausamer zu ihren Unterstellten. Sie schien Gefallen daran zu haben, sie grundlos zu quälen und zu schikanieren. Aber keiner wagte es, sich zu wehren. Alle brauchten die Anstellung. Umso glücklicher waren sie, als Sally wieder auftauchte und das Zepter in die Hand nahm.

An Lilith erinnerte nur das Grab, das ganz versteckt in einer Ecke des kleinen Familienfriedhofes lag. Es war ohne jedweden Schmuck und Grabstein. Nur ein unscheinbares hölzernes Kreuz mit ihrem Namen ließ den Friedhofsbesucher wissen, wer hier ruhte.

Sally konnte den Priester nur sehr schwer überzeugen, ihre Stiefmutter in geweihter Erde zu beerdigen. Für ihn war sie eine Selbstmörderin und Sünderin, die durch ihren Freitod nicht im Himmel aufgenommen wird, sondern ewig in der Hölle schmort. Nur mit einer sehr großzügigen Spende an die Kirche ließ er sich dazu bewegen, Lilith die letzte Ehre zu erweisen.

Sabrin und Garrick erlebten auf Sallys Anwesen eine traumhafte Hochzeit. Alle Verwandten, Freunde und Bekannten waren gekommen. Auch Garricks Eltern, beide hochbetagt, ließen es sich nicht nehmen, eigens aus London anzureisen. Sie freuten sich sehr für ihn, als dieser ihnen die freudige Botschaft überbrachte, dass er demnächst heiraten werde. Die Braut ihres längst erwachsenen Sohnes hatten sie bisher noch nicht kennengelernt. Als sie Sabrin am Tag der Vermählung zum ersten Mal sahen, waren sie sofort entzückt von ihr und nahmen sie als ihre Schwiegertochter an. Garrick und Sabrin lebten weiterhin in London, waren aber oft zu Besuch bei den Freunden.

Auch mit Genefa und deren Gatten verband Sally und Raimon eine lebenslange Freundschaft. Die Familien unternahmen viel miteinander, die Kinder wuchsen auf wie Geschwister. Die Genefas Töchter waren wie vernarrt in Sally, während sich Gideon, Genefas Jüngster mehr an Raimon hielt.

Drei Tage nach Sabrins und Garricks Hochzeit, die Gäste waren längst alle abgereist, kam Sally etwa einen Monat vor der Zeit mit zwei Buben nieder. Raimon war außer sich vor Freude über den Nachwuchs. Die Jungen waren sehr klein, zart und kränklich. Alle nahmen an, dass sie die nächsten Tage nicht überleben würden. Doch die Hoffnung starb zuletzt und jeder betete inbrünstig für die Säuglinge. Daher entschloss sich Raimon, sofort den Pfarrer zu holen, damit dieser die Kinder tauft. Die Hebamme aber hielt ihn zurück. In solchen Fällen dürfe sie eine Nottaufe vollziehen, wenn wie bei Sallys Kleinen, angenommen wurde, dass sie kurz nach der Geburt versterben könnten. Sie brauche nur eine Bibel.

Obwohl niemand damit rechnete, dass die Zwillingsjungen beide überlebten, entwickelten sie sich prächtig. Mit jedem Tag, der verstrich, wurden sie kräftiger und gesünder. Schon nach wenigen Wochen konnten die glücklichen Eltern verkünden, das Schlimmste wäre überstanden. Sally, aber auch Raimon vergötterten die zwei und hüteten sie wie ihren Augapfel. Raimons Neffen und die kleine Faylynn standen oft andächtig und staunend an den Wiegen ihrer winzigen Cousins. Die kleinen Wesen waren für sie ein Wunder. Die Kinder wuchsen wie Geschwister auf.