Sally

Fern von zu Hause

 

Auszug aus Kapitel 4


Genefa griff nach dem Seil, an dessen Ende sich in der Küche ein kleines Glöckchen befand. Sie zog daran und nur wenig später erschien ein adrett gekleidetes Dienstmädchen.

„Madam, Ihr habt rufen lassen“, grüßte die Kleine artig. Dabei knickste sie.

„Bitte serviere den Tee“, gab Genefa ihr die Anweisung, worauf das Mädchen sofort die Bibliothek in Richtung Küche verließ.

„Gutes Personal ist heutzutage rar“, sagte die Hausherrin. „Wir haben mit unserem viel Glück. Es ist verschwiegen und verlässlich.“ Nicht ohne Stolz blickte sie auf ihren Gatten, der mit Sir Selwyn bereits Platz genommen hatte.

„Sally, Liebes, setz dich doch“, bot Genefa ihrer Freundin den Platz neben Selwyn an, der sofort aufstand, um Sally den Stuhl zurecht zu rücken.

Dann kam auch schon das Mädchen aus der Küche. Auf einem Tablett trug es eine Kanne mit frisch aufgebrühtem Tee und eine Schale mit Gebäck.

„Danke, Lilian, du kannst nun gehen“, sagte Genefa zu ihrem Hausmädchen. „Den Rest übernehme ich. Bitte sorge dafür, dass wir nicht gestört werden.“

„Sehr wohl, Madam“, erwiderte die Angesprochene und entfernte sich diskret durch eine Seitentür, die sie hinter sich schloss. Wie Sally es auch aus dem Haushalt ihres Vaters her kannte, vermutete sie, das Mädchen wartete in geringer Entfernung, um weitere Befehle so schnell wie möglich entgegen nehmen zu können.

„Nachdem wir nun allein und ungestört sind, können wir gleich zum Punkt unseres heutigen Treffens kommen“, begann Rynard als Erster. „Wie mir Genefa mitteilte, soll Sally bereits nächste Woche auf Geheiß ihrer Stiefmutter nach Canterbury ins Kloster reisen.“

Zustimmend nickten alle.

„Da wir alle darüber Bescheid wissen, denke ich, wir sollten diesen Punkt überspringen und gemeinsam überlegen, wie wir Sally davor bewahren können.“

„Das Thema ist wirklich sehr akut“, erklärte Sir Selwyn besorgt. „Lilith hat sich so in Sally verbissen, dass es mir Angst macht, unsere Freundin nur eine Minute mit ihr allein zu lassen.“

„Dass Lilith nicht gerade gut auf Sally zu sprechen ist, ist uns wohl bekannt“, sagte Rynard. „Doch würde sie wirklich so weit gehen und dir etwas antun, nur um schneller zum Ziel zu kommen?“

„Das würde sie. Adrian ist ihr erstes Opfer“, berichtete nun Selwyn anstatt von Sally und erzählte dann, was er am Tag zuvor auf Adrians Trauerfeier und am Abend beobachtet hatte.

„Sir Selwyn, Ihr meint, meine Stiefmutter hat meinen Vater auf dem Gewissen?“, stieß Sally erschrocken aus. „Und sie würde auch mich…?“ Sie mochte gar nicht weiter denken, was Lilith alles planen könnte, nur um auch sie aus dem Weg zu räumen.

„Das würde sie auf jeden Fall. Da bin ich mir leider sehr sicher. Lilith war schon als Kind und junge Frau sehr hinterlistig. Daran hat sich bis jetzt nichts geändert“, bestätigte Selwyn. „Bei Adrian ist sie bereits am Ziel angekommen. Nun stehst nur noch du ihr im Weg. Ich denke, sie plant nicht erst seit gestern und vorgestern, die Hürden aus dem Weg zu räumen. Sie sieht nur das Geld. Dafür geht sie auch über Leichen.“

„Deshalb will sie mich ins Kloster abschieben. Da ich mich strikt dagegen weigere, will sie mich aus dem Weg räumen lassen“, erkannte Sally richtig. Ihr grauste es bei dem Gedanken.

„Richtig!“, bestätigte Selwyn. „Deshalb bin ich dafür, dass du erst gar nicht nach Hause zurückkehrst, bis Lilith und ihre Handlanger dingfest gemacht wurden.“

„Wo soll ich hin, wenn nicht nach Hause?“, fragte Sally verzweifelt. „Aber erregt es keine Aufmerksamkeit, wenn ich nicht zurück nach Hause gehe? Lilith wird ganz bestimmt eins und eins zusammen zählen können, warum ich plötzlich nicht nach Hause zurückkehre.“

„Da hast du recht. Aber wir können dieses Risiko nicht eingehen. Außerdem ist mein Haus groß genug“, schlug Selwyn vor.

„Sir Selwyn! Das geht auf gar keinen Fall! Es geziemt sich nicht für eine junge Lady, sich ohne Anstandsdame unter dem Dach eines Junggesellen, wir Ihr einer seid, aufzuhalten, geschweige denn für längere Zeit zu wohnen“, empörte sich Genefa nicht ohne Grund über Selwyns Vorschlag.

Sally wurde rot. Auch Selwyn bemühte sich, seine aufkommende Verlegenheit zu verbergen. Er wollte erst einwerfen, Sallys Zofe wäre ebenso willkommen, doch dann ließ er es lieber sein, um die Gastgeberin nicht zu erzürnen.

„Natürlich kann Sally unter unserem Dach bleiben, wenn sie es möchte“, sprach Genefa weiter. „Rynard, du hast doch nichts dagegen. Sag doch auch was!“ Sie stieß ihren Gatten in die Seite, um ihn zum Antworten zu animieren.

„Da stimme ich meiner Genefa zu. Du kannst natürlich hier in unserem Hause bleiben, wenn du es wünschst. Es sei denn, du legst Wert darauf, unter Sir Selwyns Dach zu wohnen, in dem Risiko, zum Gerede der Gesellschaft zu werden, was Selwyn zwingen würde, dich zu ehelichen.“

„Rynard, was denkst du denn? Sally will nicht heiraten. Sir Selwyn bestimmt auch nicht.“ Genefa richtete ihren Blick auf den neben Sally sitzenden Freund, der inzwischen komplett die Contenance verloren hatte und nicht wusste, wohin er zuerst schauen sollte.

„Nun, Sir Selwyn, wollt Ihr denn Miss Sally heiraten?“, fragte Rynard scherzhaft, nicht wissend, Selwyns wunden Punkt getroffen zu haben.

„Du bist wirklich unmöglich“, stellte Genefa fest. „Wir sind nicht hier, um Scherze zu machen, sondern um Sally in ihrer Not zu helfen.“

„Sehr wohl, liebste Gattin“, scherzte Rynard weiter. Doch dann blickte er zu Sally hinüber, die Selwyn ansah wie die Schlange das Kaninchen.

Sallys Herz schlug schneller als gewollt. Die Idee, mit Sir Selwyn unter einem Dach zu leben, fand sie nicht einmal so schlimm. Sie könnte sich vielleicht sogar damit anfreunden, seine Frau zu werden. Nur zum Gerede der Gesellschaft wollte sie keinesfalls werden. Ein wenig verträumt sah sie zum Jugendfreund ihres Vaters hinüber, der genauso geistesabwesend schaute wie sie selbst. Doch dann riss sie sich zusammen. Es durfte nicht sein, dass sie sich in Adrians Freund verliebte. Sie wollte unverheiratet bleiben und sich nie einem Mann unterwerfen.

„Sally, träumst du!“ Genefa stieß Sally an.

„Was ist?“, schrak diese zusammen.

„Ich habe dich gefragt, ob du bei Rynard und mir bleiben möchtest. Hier bist du erst einmal sicher vor deiner Stiefmutter“, klärte sie die Freundin auf.

„Ja, natürlich. Nichts lieber als das. Wenn es euch nichts ausmacht“, erwiderte Sally. „Doch, ich muss trotzdem nochmals nach Hause und meine Garderobe holen.“

„Sehr schön“, entgegnete Genefa. „Aber warum sollte es uns etwas ausmachen, wenn du bei uns bleibst? Wir helfen dir gerne.“ Die Hausherrin stand auf und ging zur Schnur, dessen Ende in der Küche an einem Glöckchen endete, um nochmals nach dem Hausmädchen zu klingeln. „Richtet bitte unser schönstes Gästezimmer her. Miss Sally wird einige Zeit unser Gast sein“, befahl sie Lilian, die sofort herbeigeeilt war, um nach den Wünschen ihrer Herrin zu fragen.

„Der Aufwand für heute ist zu hoch. Das hat Zeit bis morgen. Diese Nacht werde ich noch zu Hause verbringen“, sagte Sally, als Lilian die Bibliothek verlassen hatte. „Ich möchte noch einiges von meiner Garderobe und meinen Schmuck hole. Es wäre schade, wenn meine Stiefmutter den Schmuck an sich reißen würde.“

„Ist das nicht zu gefährlich?“, warf Selwyn seine Bedenken über Sallys Vorhaben ein.

„Ihr seht wieder alles schwarz“, meinte Sally daraufhin lachend. „Was soll schon geschehen? Ich glaube kaum, dass Lilith so offen etwas gegen mich unternehmen wird. Da ich nächste Woche sowieso ins Kloster gehe, wird sie mir wohl noch einige Tage bei meiner besten Freundin zugestehen. Natürlich gehe ich nichts ins Kloster, aber das weiß sie ja nicht. Ich werde mich einfach wie eine folgsame Stieftochter verhalten, damit sie keinen Verdacht hegt.“

„Wenn du es so siehst, werde ich nichts dagegen sagen. Aber lass mich dich wenigstens nach Hause bringen“, erwiderte Selwyn „Morgen in aller Frühe werde ich dich wieder abholen und dich hierher begleiten.“

„Wenn Euch das beruhigt, tut das bitte“, sagte Sally und lächelte Selwyn freundlich an.


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