Sally

Fern von zu Hause

 

Auszug aus Kapitel 5


Am nächsten Morgen machte sich Sir Selwyn wie vereinbart auf den Weg zu Sally, um sie abzuholen und zu Genefa zu bringen. Er hatte mit ihr abgesprochen, vor dem Haus auf sie zu warten, bis sie herauskommt, um ihre Stiefmutter nicht schon wieder gegen sich aufzubringen. Dass sich Lilith jedes Mal aufregte, wenn Sally mit dem besten Freund ihres Vaters mit unbekannten Ziel das Haus verließ, wusste er längst.

Selwyn wartete bereits eine halbe Stunde, doch Sally erschien nicht. Unruhig rutschte er auf seinem Sitz hin und her. „Das gibt es doch nicht“, murmelte er vor sich hin. „So kenne ich Adrians Tochter gar nicht. Sie ist doch sonst immer die Pünktlichkeit in Person.“ Er wollte eben seinen Kutscher losschicken, damit sich dieser nach der Erwarteten erkundigte, da kam Adelaide, Sallys Zofe aufgeregt aus dem Haus gerannt. Ganz und gar nicht damenhaft sprang sie die letzten Stufen herunter und riss den Verschlag der Kutsche auf.

„Gut, dass Ihr da seid. Miss Sally ist spurlos verschwunden“, rief sie ganz außer Atem. Ihr Haar stand wirr vom Kopf ab, als hätte sie es gerauft.

„Ruhig, ruhig, junge Dame“, versuchte Sir Selwyn die aufgeregte Adelaide zu beruhigen. „Steige erst einmal ein und erzähle, was geschehen ist.“

Ehe Selwyn ihr behilflich sein konnte, war das Mädchen bereits im Inneren der Kutsche und ließ sich auf das Polster fallen. Adelaide benötigte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte und Sir Selwyn berichten konnte.

Selwyn wartete geduldig, bis sie zu sprechen begann.

„Miss Sally ist spurlos verschwunden“, berichtete sie. „Gestern Abend, als ich auf ihren Befehl hin zu meinen Eltern fuhr, war sie noch da. Aber heute früh, als ich zurück kam, da ich etwas wichtiges vergessen hatte, war ihr Bett leer und ihr Zimmer ebenso. Es ist ungewöhnlich für sie, noch vor dem Morgengrauen aufzustehen und auszugehen. Nur ihre Koffer standen noch am selben Platz wie gestern Abend. Ich wusste, dass Ihr sie heute abholen wolltet. Dann aber sah ich, dass Ihr bereits längere Zeit vor dem Haus wartet. Da wurde mir bewusst, da stimmt etwas nicht.“

Sir Selwyn hörte dem Mädchen aufmerksam zu. „Gestern Abend war noch alles in Ordnung?“, hakte er nach. „Hat Miss Sally noch etwas gesagt, als du gestern Abend weggefahren bist?“

„Nein, sie hat sich nicht geäußert. Es war auch alles bestens als ich ging“, erwiderte Adelaide. „Miss Sally sagte mir, ich soll mich an Mistress Genefa wenden, wenn etwas sein sollte.“

„Das ist sehr eigenartig“, sagte Selwyn nachdenklich. „Gibt es irgend etwas, was dir komisch vorkommt in ihrem Zimmer? Denke in Ruhe nach, jeder Hinweis könnte wichtig sein.“

Adelaide überlegte angestrengt. „Mir ist nichts aufgefallen“, sagte sie nach einer Weile. „Aber Ihr könnt Euch gerne selbst überzeugen. Vielleicht seht Ihr etwas, was mir nicht aufgefallen ist“, bot sie dem ihr gegenübersitzenden Herrn an.

„Das können wir gerne tun. Gehen wir“, erwiderte Selwyn und half Adelaide galant aus dem Gefährt. Das Mädchen, das so viel Aufmerksamkeit um ihre Person nicht gewohnt war, errötete zart. Doch sie fing sich schnell wieder und führte Sir Selwyn ins Haus.

Was sie vermeiden wollten, traf natürlich ein. Gerade als sie die Treppe hinauf ins Obergeschoss gehen wollten, kam ihnen Lilith entgegen, die sich in den Salon begeben wollte, um dort die Vorbereitungen für ein Treffen mit ihren Freundinnen zu überwachen.

„Gut, dass ich dich sehe, sonst hätte ich nachher noch bei dir vorgesprochen“, sagte Selwyn anstatt einer Begrüßung zu ihr. „Miss Adelaide berichtete mir eben vollkommen aufgelöst, dass Sally spurlos verschwunden sei. Weißt du, wo sie sich aufhalten könnte?“

„Woher soll ich das wissen? Bin ich etwa ihr Kindermädchen?“, schnappte Lilith beleidigt zu, was Selwyn argwöhnisch bemerkte. Er krauste die Stirn und sah die Witwe seines besten Freundes ernst an.

„Es ist schon sehr eigenartig. Erst verunglückt Adrian tödlich und auf unerklärliche Weise. Jetzt verschwindet auch noch Sally, ohne eine Spur zu hinterlassen und völlig grundlos.“

„Ganz ohne Grund wird es wohl nicht gewesen sein“, keifte Lilith, wie es ihre Art war. „Wer weiß, was du gestern mit ihr getan hast, dass sie sich nun verkriecht wie ein scheues Reh.“

„Da ist doch wohl die Höhe Mistress Montgomery“, ereiferte sich Adelaide, die bisher still daneben gestanden und das Gespräch verfolgt hatte. Ihre Herrin wollte sie keinesfalls in schlechtes Licht gerückt sehen. „Gestern Abend war noch alles bestens mit Miss Sally. Sie hatte keinen Grund, einfach so zu verschwinden.“

„Lass es gut sein, Adelaide“, hielt Sir Selwyn das aufgebrachte Mädchen zurück. „Lilith war schon immer sehr eifersüchtig auf Sally. Das konnten wir eben wieder sehr gut beobachten. Lassen wir uns lieber nicht weiter aufhalten und suchen nach Hinweisen zu Miss Sallys Verbleib.“

„Ihr habt recht, Sir Selwyn. Wir sollten keine Zeit vergeuden. Jede Minute ist kostbar“ erwiderte Adelaide und lief flink Treppe ins Obergeschoss hinauf. Selwyn folgte ihr und ließ Lilith einfach stehen.

„Unerhört“, vernahm er nur noch, als er Sallys Zofe nach oben folgte. Als er am oberen Treppenabsatz ankam und von dort aus nach unten schaute, sah er nur noch wie Lilith sich mit wehenden Röcken in Richtung Salon entfernte. Kopfschüttelnd blickte er ihr nach, dann folgte er Adelaides Rufen, die bereits Sallys Zimmer erreicht hatte.

Interessiert schauend betrat Selwyn zum ersten Mal Sallys heilige Hallen. Er erkannte den guten Geschmack der Bewohnerin. Die Farben der Möbel und Accessoires waren genauestens aufeinander abgestimmt, alles stand penibel genau zurecht gerückt an seinem Platz. Neben der Tür waren einige große Koffer abgestellt. Sogar deren Farben passten zueinander.

„Das sind die Dinge, die Miss Sally heute mit sich nehmen wollte“, erklärte Adelaide, als sie Sir Selwyns Blick auf die Reiseutensilien bemerkte.

„Darf ich hineinschauen?“, fragte er.

„Bitte, tut Euch keinen Zwang an“, erwiderte die Zofe.

Selwyn war sich bewusst, dass er im Inneren der Koffer Sallys intime Wäsche vorfinden könnte und zögerte ein wenig. Aber dann besann er sich. Immerhin könnte er dort Hinweise auf Sallys Verbleib vorfinden. Vorsichtig nahm er Stück für Stück heraus und schaute in jede noch so kleine Ritze.

Derweil sah sich Adelaide im Raum um. „Hier ist nichts verändert“, sagte sie nach einer Weile.

„In den Koffern sind auch keine Hinweise zu finden“, erwiderte Selwyn, der eben dabei war, die Kleidungsstücke zurück in die Koffer zu legen. Als er ein zartes Spitzenhemdchen in den Händen hielt, stellte er sich vor, wie reizend Sally aussah, wenn sie nur dieses kurze Hemdchen und sonst nichts tragen würde. Seine Fantasie ging mit ihm durch und in eine Richtung, die nicht erlaubt war. Noch nicht!


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