Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 7 -  Kapitel 1



Sally hatte alle Hände voll zu tun. Raimons und ihr Haushalt musste aufgelöst werden. Zum Glück wollten sie nicht alles mitnehmen. In Trowsbridge würden sie in Sallys Elternhaus leben. Dort war alles vorhanden, was benötigt wurde. So entschlossen sie sich, Raimons Nachfolger Vince den übrigen Hausstand zu überlassen. Der junge Henker hatte noch nie einen eigenen Haushalt und konnte die vorhandenen Dinge eher gebrauchen als sie selbst.

Von dem Geld, das Sally aus dem Hurenhaus mitgenommen hatte, war noch ein wenig übrig. Außerdem hatte Raimon seinen gesamten Lohn ausbezahlt bekommen. Das Leben auf der Reise nach Dilton Marsh und darüber hinaus war aufs Erste gesichert.

„Ganz beruhigt bin ich nicht, so viel Geld mit uns zu führen“, sagte Sally, nachdem sie die Barschaft gezählt hatte. Über fünfzig Gulden waren zusammen gekommen. Ein Vermögen für arme Leute, die damit Jahre überleben konnten.

„Nähe es doch in die Kleidungsstücke ein“, meinte Raimon darauf. „Am besten verteilt auf mehrere.“

„Eine gute Idee“, erwiderte Sally und machte sich sogleich daran, das Geld einzunähen. Als sie damit fertig war, schaute sie sich noch einmal im ganzen Haus um. Ein wenig schwer wurde es ihr ums Herz, wenn sie daran dachte, Exmouth zu verlassen. Hier war sie frei und konnte tun und lassen, was sie wollte. In Trowsbridge würde sie wieder der strengen Etikette unterliegen. In Exmouth war es nicht immer leicht, vor allem am Anfang. Sie hatte sich trotz allem in die kleine Stadt verliebt. Hier konnte sie, wann immer es ihr beliebte, zum Markt gehen oder auch einfach durch die Straßen und Gassen flanieren.

Andererseits freute sie sich auch auf Trowsbridge, obwohl nichts mehr so sein würde wie früher. Ihr Vater mit seinem Frohsinn fehlte dort. Wie gern hätte sie ihm sein erstes Enkelkind auf den Schoß gesetzt, damit er mit ihm singen und es schunkeln konnte. Doch das Leben wollte es anders. Ihr Vater war tot. Dann war da noch ihre gehasste Stiefmutter, mit der sie sich auch noch auseinander setzen musste. Wenn sie wirklich ihre Hände bei Sallys Entführung im Spiel hatte, würde sie diese an die Obrigkeit ausliefern müssen. So sehr wie sie Lilith auch hasste, ob sie das wirklich übers Herz bringen würde, Sally wusste es noch nicht. Zum Glück hatte sie noch Raimon, der sich in solchen Dingen bestens auskannte.

Ihre Freundin Genefa lebte nicht weit entfernt von ihrem Anwesen. Ein Weg von etwa einer halben Stunde zu Fuß war es entfernt. Sie könnte den Kutscher bitten, sie zu fahren. Jedoch war sie es inzwischen gewohnt, zu Fuß zu gehen. Vielleicht würde sie dies nun auch in Trowsbridge tun.

Am nächsten Morgen krochen alle noch weit vor Sonnenaufgang aus den Federn. Der Hahn krähte gerade ein erstes Mal, als Raimon sich bereits daran machte, das Pferd an den am Vorabend beladenen Wagen zu spannen. Faylynns geliebte Hühnchen, die sich inzwischen zu prächtigen eierlegenden Hennen gemausert hatten, mussten auch mit. Die Kleine bestand darauf. So wurde das gackernde Getier in einen großen Käfig gesperrt, in dem sie die Reise verbringen sollten. Raimon hatte mit den Jungen extra einen aus Weidenzweigen angefertigt.

Sehr viel war es nicht, was sie mitnehmen wollten. Aber Raimons Richtschwert, die Kiste mit den Folterinstrumenten, die Heilkräuter und Salben, sowie seine Bücher und handschriftlichen Aufzeichnungen über seltene Behandlungen, durften nicht fehlen. Von seinen verstorbenen Kindern und seiner ersten Gattin nahm er persönliche Erinnerungsstücke mit, darunter auch eine Haarsträhne seiner Frau. Den Rest ließ er zurück. Die zurückbleibenden Sachen konnte sein Nachfolger garantiert gebrauchen, wenn er irgendwann Frau und Kinder hatte.

Edwina wuselte ein letztes Mal durch das Haus. Ihr fiel es von allen am schwersten, Exmouth zu verlassen. Ihr ganzes Leben hatte sie hier verbracht. Sie schaute, ob alles verschlossen und gesichert war. Leise murmelte sie dabei vor sich hin, als würde sie sich von jeder Kammer, jedem Gegenstand, den sie zurück ließen, verabschieden.

Auch Sally blickte sich noch einmal um, ehe sie die letzte Glut im Ofen löschte und mit kalter Asche bedeckte.

Raimon hatte inzwischen das Pferdegespann nach draußen in die Gasse gebracht. Die Kinder saßen bereits auf dem Wagen und auch der Henker hatte auf dem Kutschbock Platz genommen. Das Pferd scharrte ungeduldig mit den Hufen. Es spürte wohl die Aufbruchstimmung der Menschen. Einige Nachbarn ließen es sich nicht nehmen, die kleine Henkersfamilie zu verabschieden und ihnen einen guten Weg zu wünschen.

Raimon wurde es nun doch wehmütig. Exmouth zu verlassen, fiel ihm nicht leicht. Die letzten dreißig Jahre hatte er hier verbracht. Es war ein großer Einschnitt in sein Leben, doch für Sally tat er alles, nur um sie glücklich zu machen. Er freute sich aber auch auf die gemeinsame Zeit mit seiner jungen Frau, den Kindern und Edwina. Die resolute alte Frau war ihnen eine große Hilfe geworden. Eins machte Raimon glücklicher als je zuvor. Er musste den verhassten Beruf eines Henkers, der sein ganzes Leben geprägt hatte, nicht weiter ausführen und konnte über sich selbst bestimmen. Er war seit seiner Entlassung aus den Diensten der Stadt ein freier Mann.

Da Raimons Nachfolger Vince noch nicht eingetroffen war, fuhren sie ein letztes Mal zum Rathaus. Dort gaben sie den Hausschlüssel ab. Später würde Vince ihn dort abholen.

Das Pferd, das Raimons Wagen zog, zuckelte gemächlich die holprige Straße entlang. Der Scharfrichter hatte die Zügel lang gelassen und ließ das Tier das Reisetempo bestimmen. Nur wenn ein Reiter vorbei preschte, ein anderer Wagen sie überholen oder ihnen entgegenkam, lenkte er es an den Wegesrand. An vielen Stellen war die Straße so eng, dass sie bei entgegenkommenden oder überholenden Gespannen weit nach rechts oder links ausweichen mussten. Einmal hatten sie das Pech, dass der schwere Wagen im versumpften Graben stecken blieb und sie ohne Hilfe nicht mehr herauskamen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten, bis jemand vorbei kam, der helfen konnte. Sie mussten glücklicherweise nicht sehr lange warten. Eine Gruppe von Tagelöhnern auf dem Weg zum nächsten Dorf kreuzte ihren Weg. Die Männer halfen ihnen, den Wagen auf dem Graben zu ziehen. So konnte es endlich weiter gehen.

Kurz vor Dilton Marsh kam ihnen ein einsamer Reiter entgegen. Der Mann hatte es scheinbar sehr eilig. Er trieb sein Pferd an, dass dies bereits schweißbedeckt war, als er sie erreichte. Als er heran war, erkannte Sally Sir Selwyn.