Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 7 -  Kapitel 2


Im Schritttempo zuckelte der von einem Pferd gezogene Wagen mit den Reisenden über den Schotterweg, der durch die kleine Parkanlage zum Haus der Longbirds führte. Aus dem Stall, der etwas abseits stand, kam eben ein Knecht heraus. Er schob eine mit Mist beladene Karre vor sich her. Als er die ankommenden Personen bemerkte, blieb er stehen. Interessiert blickte er zu ihnen herüber. Erstaunt riss er den Mund auf, als er Sally erkannte. Er ließ alles stehen und liegen und rannte ihnen entgegen.

„Miss Sally! Seid Ihr das wirklich?“, stammelte Edward anstatt einer Begrüßung. Die Freude über die wohlbehaltene Rückkehr war ihm anzusehen. „Wer sind all die Leute?“ Er wies auf die Kinder, Edwina und Raimon. Dass ihm gar nicht zustand, solche Fragen zu stellen, kam ihn gar nicht in den Sinn. Er bemerkte nur, dass Raimon in seinen Augen recht imposant aussah in seinem leuchtend roten Hemd, den schwarzen Hosen und dem schwarzen Schlapphut. Ein so edler Herr in Sallys Begleitung verwirrte ihn ein wenig.

„Ich bin es wirklich, Edward“, erwiderte Sally und lächelte den Mann an. „Das hier ist mein Gatte Raimon“, stellte sie den Henker vor. „Daneben sitzt unsere liebe Edwina und das hier…“, sie zeigte auf die Kinder, „sind Faylynn, Travis und Barnet.“ Erneut lächelte sie den Knecht an. „Geh bitte und melde Mistress Genefa unsere Ankunft“, bat sie dann den Mann, der immer noch wie versteinert auf dem Weg stand und sie anstarrte.

„Sofort Mistress“, rappelte sich Edward endlich auf und rannte wie von Teufeln gehetzt davon. Aufgeregt betrat er das Haus durch den Dienstboteneingang und rannte in die Küche, um nach Mistress Genefa zu fragen. Doch die war schon dort, als hätte sie ihn bereits erwartet.

„Aber Edward, warum so eilig?“, tadelte sie den Knecht, der außer Atem vor ihr den Hut zog.

„Oh, Mistress“, erwiderte Edward, dabei heftig nach Luft japsend. „Ihr glaubt gar nicht, wer eben den Weg zum Haus hoch kommt!“

„Wir bekommen Gäste?“, Genefa war sogleich aufgeregt wie ein aufgescheuchtes Huhn. „Wer ist es? Wir haben gar nichts vorbereitet!“ Sie wandte sich an die Köchin. „Richte einen Imbiss, schnell! Die Gäste werden hungrig sein!“ Sie hielt inne. „Wie viele sind es? Edward! Nun sag doch was!“

„Drei Kinder und drei Erwachsene. Es ist…“

Genefa aber schnitt ihm erneut das Wort ab. Sie wandte sich an einer der Dienerinnen. „Sag den Zimmermädchen, sie soll die Gästezimmer richten. Wer so spät kommt, reist bestimmt nicht mitten in der Nacht wieder ab.“ Damit ließ sie ihre Bediensteten einfach stehen und eilte zur Haustür, um die unangemeldeten Gäste zu begrüßen und willkommen zu heißen.

Inzwischen hatte ein weiterer Knecht das Gespann übernommen und führte das Pferd am Zügel in den Stall. Das Tier folgte ihm, wohl in der Hoffnung, bald vor einer Raufe mit Heu zu stehen. Da Raimon und Sally nicht vorhatten, lange zu bleiben, sollte das Gepäck auf dem Wagen verbleiben, der unter der Überdachung für die Kutschen der Herrschaft abgestellt wurde.

Sally und Raimon standen nun vor dem großen Eingangsportal der Longbirds. Aufmunternd nickte der Scharfrichter seiner Gattin zu, die zögerte, sich bemerkbar zu machen. Die nahm ihren ganzen Mut zusammen. Ihr Herz hüpfte vor Aufregung. Wie Genefa wohl reagiert, wenn sie hier ohne Vorankündigung auftauchte? Das auch noch mit einem Ehemann, drei Kindern, die nicht ihre eigenen waren und einer alten Frau. Sally rang mit sich, anzuklopfen. Da wurde von innen die Tür geöffnet und ihre beste Freundin stand vor ihr.