Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 7 -  Kapitel 3


„Wo ist denn unsere Vermisste?“, tönte der Lord lauthals, nachdem er die Hausherrin begrüßt hatte. Er sah sich um, konnte Sally aber nirgends entdecken.

„Sally und ihr Gemahl haben lange geschlafen. Die Reise von Exmouth hierher hat die Beiden sehr erschöpft. Gerade eben nehmen sie auf ihrem Zimmer einen kleinen Imbiss ein“, erklärte Genefa. „Die Kinder sind bei ihnen, auch meine. Außer Gideon natürlich, der ist noch zu klein.“

„Wie? Gemahl?“, erwiderte Lady Kimberley erstaunt. „Sally ist verheiratet? Das wussten wir noch gar nicht. Wer ist denn der Glückliche, der unsere Freundin ehelichte?“ Lady Kimberley plauderte aufgeregt, dass sich ihr Gesicht bald rötete. „Ach, was rede ich nur für einen Unsinn!“, sagte sie dann lachend. „Es kann doch nur unser Sir Selwyn sein. Der Gute hat ja schon vor ihrem Verschwinden ständig von der jungen Dame geschwärmt. Warum nur hat er nichts gesagt? Einfach klammheimlich vor den Traualtar treten, das geht gar nicht!“ Lady Ophelia zog beleidigt einen Schmollmund. Die Rage, in die sie sich geredet hatte, konnte man ihr gut ansehen.

„Ophelia, meine Liebe“, wehrte Lord Kimberley ab. „So warte doch erst einmal ab, bis Miss Sally und Sir Selwyn sich erklären können. Sie werden schon einen Grund gehabt haben, es uns zu verheimlichen.“

„Ich muss Euch leider enttäuschen, meine Liebe“, wandte sich nun Genefa an Lady Kimberley. „Unsere Freundin hat Sir Selwyn nicht geehelicht. Wer es ist, werdet Ihr gleich erfahren. Ich habe bereits nach Sally und ihrem Gemahl schicken lassen.“

Kaum hatte die Hausfrau ihre Worte ausgesprochen, ging die Tür auf. Sally betrat in Raimons Begleitung den Salon. Die junge Frau hatte sich von ihrer Freundin ein Kleid geliehen, das sie nun trug. Raimon hatte die selbe Kleidung an wie am Vortag. Er wollte keinen Hehl aus seinem niederen Stand machen und somit gleich eine klare Linie zeigen. Hinter ihnen drängten sich Edwina, Sabrin und Adelaide in den Salon. Die Zofe hatte die Kinder der Amme und Mistress Genefas Zofe überlassen, damit sie in Sallys Nähe sein konnte.

Lady Ophelia sog heftig die Luft in ihre Lungen, als sie Raimons ansichtig wurde. Die Kleidung, die er trug, ließ in ihr einen Verdacht aufkommen. Auch ihr Gatte hatte einen Verdacht, ließ sich aber nichts anmerken.

„Lady Ophelia, wie schön, Euch zu sehen!“, sagte Sally zu der Hinzugekommenen. „Lord Cedric, seid auch Ihr gegrüßt“, wandte sie sich dann an Ophelias Gatten. „Darf ich Euch meinen Gemahl Raimon vorstellen?“ Sie zeigte auf Raimon, der sich nun in Richtung der Lordschaften verbeugte.

„Liebes Kind, das ist doch wohl nicht Euer Ernst?“, presste Lady Ophelia hervor. „Euer Gatte ist eindeutig ein Henker!“

Sally lächelte, griff aber zu Raimons Hand, als würde sie Halt suchen. „Ihr habt richtig gedeutet, Lady Ophelia“, erwiderte sie dann. „Mein Gatte Raimon ist, nein, das ist falsch, er war ein Scharfrichter. Mir und den Kindern zuliebe hat er seinen Beruf an den Nagel gehängt und ist mir in meine Heimat gefolgt.“

„Kinder? Wessen Kinder?“, fragte Ophelia aufgeregt. Sie witterte einen Skandal. Für Skandale, egal welcher Art, war sie immer offen.

„Wir nahmen die Kinder meines verstorbenen Bruders bei uns auf“, kam Raimon Sally zuvor. „Ihre Mutter ist schon länger von uns gegangen und die Kinder wären ohne uns ganz allein auf sich gestellt. Das konnten wir nicht zulassen. Außerdem erwarten meine Gemahlin und ich unser erstes Kind.“ Zärtlich strich Raimon über Sallys Bauch, um seine Freude über den Nachwuchs zu zeigen. Was wirklich mit den Eltern seiner Neffen und seiner Nichte geschehen war, wollte er nicht erzählen. Das ging Lady Ophelia nichts an.

„Aber warum gerade einen ehrlosen Henker?“, fragte Ophelia fassungslos. „Ihr hättet Sir Selwyn haben können. Er würde Euch auf Händen tragen und jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Ich verstehe es nicht!“

„Wer ist Sir Selwyn?“, wollte Raimon wissen, der Selwyn bisher nur ein einziges Mal gesehen hatte, sich aber nicht an den Mann erinnern konnte.

„Das ist dieser ungehobelte Kerl, den wir in der Herberge trafen, als wir auf Garrick Moore trafen“, erklärte Sally ihren Ehemann, wandte sich dann aber nochmals an Lady Kimberley. „Ich wüsste nicht, was Euch das angeht, werte Lady“, erwiderte sie ein wenig schnippisch. „Ich wüsste auch nicht, warum ich gerade Sir Selwyn hätte ehelichen sollen. Ich liebe ihn nicht, ich liebe Raimon!“

„Nun lass doch die arme Miss Sally in Ruhe“, mischte sich Lord Kimberley ein. „Entschuldigt, Mistress Sally.“ Er deutete eine kurze Verbeugung an. „Es war schon vor Sallys Verschwinden ersichtlich, dass sie sich nicht zu Sir Selwyn hingezogen fühlte. Warum also hätte sie ihm das Jawort geben sollen?“

„Das klingt geradewegs so, als müsste man sich lieben, um zu heiraten“, warf Ophelia ein.

„Das sollte man sehr wohl“, entgegnete der Lord. „Wenigstens einer sollte den anderen lieben. Besser wäre es, beide lieben sich.“

„Nun streitet Euch nicht“, meldete sich jetzt Rynard zu Wort, der nun auch dazu gekommen war. Er trug noch seine Reitkleidung und roch leicht nach Pferd, was aber keinen störte. „Freuen wir uns lieber, dass Sally wohlbehalten zurückgekommen ist.“ Er lächelte in Sallys Richtung, die ihre Finger in Raimons Hemdsärmel gekrallt hatte. „Und freuen wir uns, dass sie einen Gatten gefunden hat, der sie liebt und den sie genau so liebt wie er sie. Diese Standesdünkel sind mir einfach zuwider. Sie müssten abgeschafft werden!“

„Ihr habt ja recht“, gab Lady Ophelia klein bei. „Sallys Gatte scheint ja auch ein recht umgänglicher und freundlicher Zeitgenosse zu sein.“ Sie wandte sich zu Raimon und trat zu ihm. Freundschaftlich reichte sie ihm ihre Hand. „Entschuldigt meine wahrlich sehr unbedachten Worte“, sagte sie zu ihm. „Ich richtete über Euch, ohne Euch zu kennen. Das war falsch.“

„Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht, werte Lady“, meinte Raimon darauf und grinste. „Kann mir jemand erklären, was diese Dame von mir will. Ich verstehe ihre Sprache nicht.“

„Ihr seid ein Unhold“, tat Lady Ophelia empört und begann zu lachen, worauf alle anderen einfielen.