Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 7 -  Kapitel 4


Sally und Raimon weilten bereits zwei Wochen auf dem Anwesen der Longbirds in Dilton Marsh. Die beiden hatten sich von den Strapazen der letzten Monate gut erholt und genossen die Tage im Kreise ihrer Freunde.

Auch die Kinder fühlten sich bei den Freunden ihrer Ziehmutter wohl. Die viele frische Luft tat ihnen gut. Ihre Gesichter hatten durch den häufigen Aufenthalt im Freien bereits eine gesunde Farbe angenommen. Die Jungen stromerten durch die angrenzenden Wälder und jagten so manch einsamen Wanderer einen mächtigen Schreck ein. Nicht nur einmal kamen sie total verdreckt nach Hause. Sally und Edwina lachten darüber nur, während Genefa empört die Hände über dem Kopf zusammenschlug und zeterte wie ein Waschweib.

Genefas Töchter und Faylynn hatten sich inzwischen angefreundet. Faylynn genoss es, endlich einmal Mädchen als Spielkameraden zu haben. Allerdings blieben ihr dadurch die Unterrichtsstunden, die die Gouvernante den Mädchen gab, nicht erspart. Sie machte gute Miene zum bösen Spiel und folgte den Unterweisungen notgedrungen.

Besonders Sally war glücklich, Genefa um sich zu haben. Gerade jetzt in der Schwangerschaft tat es ihr gut, mit einer Frau über das Kommende, für sie noch Unbekannte sprechen zu können. Genefa, die bereits vier Geburten hinter sich hatte, konnte ihr die größten Ängste nehmen. Doch auch noch anderes quälte Sally, worüber sie mit ihrer Freundin noch nicht sprechen wollte – sie hatte das erste Mal seit langer Zeit Heimweh.

„Es wird Zeit, dass ich zu Hause nach dem Rechten sehe“, rückte Sally eines Morgens endlich mit der Sprache heraus. „Es bedrückt mich schon einige Zeit, dies noch nicht getan zu haben. Ich bin lange genug weg gewesen und sehne mich nach Hause. Wir werden morgen Vormittag aufbrechen.“

„Wie schade“, erwiderte Genefa sichtlich bestürzt über Sallys Ansage. „Bist du dir wirklich sicher, uns noch vor der Niederkunft zu verlassen? Es sind doch nur noch zweieinhalb Monate. Mir wäre es sehr viel wohler, wenn du dein Kind hier zur Welt bringen würdest.“

„Wir können doch nicht ewig hierbleiben“, entgegnete Sally. „Außerdem sind noch Edwina und Adelaide bei mir und die Bediensteten zu Hause. Eine gute Hebamme haben wir im Dorf, die binnen kürzester Zeit bei mir sein kann.“

„Außerdem kribbelt es mir mächtig in den Fingern, Sallys Stiefmutter auf den Zahn zu fühlen“, warf Raimon ein und grinste schelmisch.

„Du willst dich doch wohl nicht wieder als Henker betätigen“, meinte Rynard lachend. „Ich glaube, das käme bei den Damen der Gesellschaft nicht so gut an.“

Raimon überlegte. „Das wäre gar nicht so schlecht“, gab er dann zu. „Ich könnte garantiert so manches Geheimnis aus Lilith herauskitzeln. Meine Folterinstrumente haben die Reise hierher mit angetreten. Also wäre das gut machbar.“

„Warum will Onkel Raimon Mistress Lilith quälen?“, fragte plötzlich Genefas Tochter Kaitelynn und schaute Raimon ängstlich an.

„Ich glaube, wir sollten vor meinen Kindern nicht über solche fürchterlichen Dinge sprechen. Sie wissen nichts über deinen Beruf. Das sollte möglichst so bleiben“, sagte Genefa erschrocken. „Hab keine Angst, Liebes, Onkel Raimon wird so etwas schlimmes natürlich nicht tun. Er ist ja kein Unhold“, beruhigte sie dann Kaitelynn.

„Wirklich?“, fragte die Kleine lieber noch einmal nach und schielte zu Raimon hinüber. Das Kind schien sich nicht sicher zu sein, ob die Erwachsenen die Wahrheit sagten.