Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 7 -  Kapitel 5



Aufatmend lehnte sich Sally in den gut gepolsterten Sitz der Kutsche zurück. So sehr wie sie ihre Busenfreundin Genefa auch mochte, eine längere Zeit mit ihr zu verbringen, war eine Herausforderung. Vor allen Dingen seit sie Mutter geworden war, benahm sie sich wie eine Glucke, die ihre Küken um sich scharte.

„Geht es dir gut?“, fragte Raimon, der neben Sally saß und die Beine, so gut wie es in der engen Kutsche ging, ausstreckte.

„Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung“, erwiderte Sally. „Ich bin froh, dass wir nun endlich nach Hause fahren. Genefa kann einen manchmal ganz schön nerven.“

„Sie meint es doch nur gut“, mischte sich Edwina ein, die mit Faylynn und Adelaide auf der gegenüber liegenden Bank saß.

„Ich weiß, Edwina“, sagte Sally. „Es ist nur lästig, wenn ständig jemand um mich herum scharwenzelt und wissen will, ob ich irgendetwas benötige. Ich bin nur schwanger und nicht schwerkrank.“ Sally verdrehte die Augen.

„Für dich ist es das erste Kind. Du weißt bisher noch gar nichts über Schwangerschaft und Niederkunft. Außerdem hast du nicht das Glück, eine sorgende Mutter um dich zu haben. Deine Freundin hatte das alles und sie hat bereits vier Kinder geboren, die allesamt gesund und munter sind.“

„Du hast ja Recht“, murmelte Sally. „Trotzdem, Genefa muss mich deswegen nicht behandeln wie ein unmündiges Kind. Ich habe dich an meiner Seite. Das ist mir Trost und Hilfe genug.“ Als Raimon sich neben ihr räusperte, sagte sie noch: „Und natürlich auch meinen lieben Gatten, der mir jeden Wunsch von den Lippen abliest. Das ist sehr viel wert.“ Sally überlegte kurz. „Du hast doch auch schon Kinder auf die Welt gebracht“, fragte sie Edwina.

„Da irrst du dich“, antwortete die Alte. „Ich war bei Geburten dabei, aber selbst Kinder ausgetragen habe ich nie.“

„Ach, ich dachte, du hast auch Kinder“, erwiderte Sally, erstaunt über Edwinas Antwort.

„Das hast du bestimmt missverstanden“, äußerte sich die Frau. „Mir war es nie vergönnt, jemals Mutter zu werden.“

„Das ist aber schade“, sagte Sally.

„Nun ja, wer weiß, wofür es gut war. Jetzt ist es zu spät für mich zum Kindergebären. Wer will mich alte Muhme schon noch zur Frau haben. Geschweige denn, mit mir das Bett teilen und… na du weißt schon wie Kinder entstehen.“ Edwina lächelte verlegen und Adelaide wurde glühend rot.

Obwohl sich die Frauen angeregt unterhielten und teilweise auch laut lachten, wurde Raimon durch das Schunkeln der Kutsche müde. Nach und nach schlief er ein. Schon bald schnarchte er. Es klang, als wolle er Bäume absägen.

„Das muss ich mir nun jede Nacht anhören“, meinte Sally lachend und zeigte auf Raimon, der sich durch das Gelächter der Frauen nicht einmal gestört fühlte. Er schlief selig, tief und fest wie ein Säugling. Wenn das laute Schnarchen nicht wäre, könnte man wahrlich denken, er wäre ein Neugeborenes.

„Ho, ho, aus dem Weg!“, hörten die Damen plötzlich den Kutscher erbost schreien. Der Wagen ruckelte und kam zum Stehen. Die Pferde wieherten und versuchten, weiter zu laufen, doch der Chauffeur hatte sie gut in der Gewalt. „Ja sagt einmal, seid Ihr von allen guten Geistern verlassen!“, schimpfte der Mann auf dem Kutschbock lauthals. „Ihr könnt doch nicht einfach vor die Kutsche springen! Wären die Pferde nicht rechtzeitig zum Stehen gekommen, hätte ich Euch glatt überfahren. Ihr könntet tot sein!“

Raimon, der durch das abrupte Bremsen wach geworden war, öffnete die Tür und schaute hinaus. „Was ist los?“, fragte er den Kutscher.

„Dieser Verrückte da ist knapp vor uns auf den Weg gesprungen. Beinahe hätte ich ihn überfahren“, wetterte der Mann weiter.

„Bleib ruhig. Vielleicht ist das nur eine Finte“, sagte Raimon und stieg aus. „Ich schaue mal, ob noch jemand in der Nähe ist. Der Kerl dort ist höchstwahrscheinlich nur die Vorhut.“ Die Hand am Dolch ging der Henker um die Kutsche herum und untersuchte die Umgebung. Dann trat er zu dem Fremden, um ihn zur Rede zu stellen. „Seid Ihr verrückt? Warum tut Ihr solch einen Unsinn?“, fuhr er ihn an.

Der Mann aber reagierte nicht, sondern starrte ihn nur hasserfüllt an.