Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 5 -  Kapitel 7


Während Sally schlief, beobachtete Raimon seine Liebste. Er konnte es immer noch nicht glauben, was eben hier in der Schlafkammer seines Bruders geschehen war. Hatte er wirklich Sally seine Liebe zu ihr gestanden? Der Henker versuchte, sich zu erinnern. Immer wieder kam er zu dem gleichen Ergebnis. Vor seinem geistigen Auge sah er sich, wie er Sally die Worte ins Ohr flüsterte. Und dann, sehr zu seinem Erstaunen, wie Sally ihm ihre Gefühle gestand. Raimon konnte es kaum fassen. Seit sein geliebtes Weib vor Jahren starb und kurze Zeit später die Kinder folgten, hatte er noch nicht daran gedacht, jemals wieder eine Frau zu lieben. Nun das! Doch anstatt zu hadern, freute sich Raimon über die neue Liebe. Er hatte erkannt, das Leben ging weiter, auch ohne seine Frau. Seine Frau und seine Kinder waren tot. Er jedoch lebte und erfreute sich bester Gesundheit.

Über dem Nachdenken musste der Scharfrichter, wie vorhin Sally, eingeschlafen sein. Die ungewohnte körperliche Betätigung hatte ihn wohl doch mehr ermüdet, als er vermutet hatte. Trotz Schlummer schienen seine Sinne voll funktionstätig zu sein. Ein brenzliger Geruch irritierte seine Nase. Sofort war Raimon hellwach.

Er setzte sich auf und schnupperte. Wahrlich, es roch brenzlig. Woher das nur kam? Raimon konnte die Herkunft des Geruchs nicht orten. Um Sally nicht zu stören, stand Raimon so leise wie möglich auf. Er ging zum Fenster und schaute hinaus. In der Gasse war alles ruhig. Nicht einmal Passanten waren zu sehen. So schloss er das Fenster wieder und wollte in den Flur hinaus gehen. Als er an sich heruntersah, bemerkte er, dass er noch immer nackt war. Daher schlüpfte er schnell in seine Hose und zog das Hemd über. Dann ging er hinaus in den Flur. Dort sah er die Bescherung. Aus der Küchentür quoll Rauch, der langsam aufwärts waberte.

Erschrocken rannte Raimon zurück in die Kammer. „Sally, aufwachen!“, versuchte er die Schlafende zu wecken. Hastig riss er das Laken weg, das die junge Frau bis zu ihrer Nasenspitze hochgezogen hatte. „Sally, schnell! Unten brennt es!“ Aufgeregt rüttelte er seine Liebste, bis sie endlich die Augen öffnete.

„Was machst du für einen Lärm?“, knurrte Sally missmutig und verschlafen. Sie wollte das Laken wieder hochziehen und weiterschlafen.

„Hörst du! Es brennt!“, rief Raimon noch einmal.

Endlich reagierte Sally. Wie angestochen schoss sie hoch. „Was ist?“, fragte sie und sprang aus dem Bett.

„Unten brennt es!“, erwiderte Raimon und trieb sie zur Eile an. „Wenn wir uns nicht beeilen, brennt womöglich das ganze Haus ab.“

Sally bemerkte Raimons Blick auf ihren nackten Leib. Doch um beschämt zu sein, war jetzt keine Zeit. Sie griff nach ihrer Kleidung und warf sich etwas über. „Komm“, rief sie und rannte hinaus.

Inzwischen hatte sich der Rauch im oberen Flur ausgebreitet. Sally griff nach ihrem Rocksaum und hielt ihn vor Mund und Nase. Dann rannte sie, gefolgt von Raimon, die Treppe hinunter. Unten versuchte sie, sich zu orientieren. Immerhin befanden sie sich hier in einem fremden Haus, in dem sie sich nicht auskannten. Die Frau erkannte, dass der meiste Qualm aus der Küche kam. Da fiel ihr ein, was sie vor kurzem dort getan hatte.

„Raimon, die Eier und der Speck!“, stieß Sally entsetzt aus und stürmte wie von Hunden gehetzt, in die Küche. Dort konnte sie nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen. Vorsichtig tastete sie sich zur Feuerstelle, wo immer noch die Pfanne mit dem nun völlig verkohlten Essen auf der Platte stand. „Oh weh“, seufzte Sally, während sie nach dem Stiel der Pfanne griff, um das Behältnis nach draußen zu befördern. Schmerzgeplagt schrie sie auf. Sie hatte nicht daran gedacht, wie heiß dieser sein könnte. Prompt verbrannte sie sich die Finger.

Das Verarzten musste aber warten, wenn nicht noch mehr passieren sollte. Schnell griff sie nach dem Lappen, der in einem Eimer neben dem Ofen lag und wickelte ihn um den Pfannenstiel. Dann rannte sie, die qualmende Pfanne vor sich hertragend, nach draußen in den Hof. „Mach die Vordertür auf und das Fenster! Etwas Durchzug kann jetzt nicht schaden“, rief sie Raimon im Hinausrennen zu. Im Hof warf Sally die Pfanne samt Inhalt in eine Pfütze. Zischend verzog sich der Rauch. Jetzt sah sie das Dilemma. Vom Speck und den Eiern war nichts mehr übrig, außer schwarzen unförmigen Krusten.