Sally

Fern von zu Hause

 

Auszug aus Kapitel 1


© by sunny768

„Elizabeth, sitz gerade wie eine Dame! Du hockst am Tisch wie ein tumbes Bauernmädchen!“

Die schrille Stimme ihrer Mutter riss Sally aus ihren Gedanken und ließ sie zusammen zucken. Genervt schaute sie über den Tisch hinweg genau in die eiskalten blauen Augen der ihr gegenüber sitzenden Frau, deren Blicke sie zu durchstoßen schienen wie ein Dolch.

„Ja, Mutter“, erwiderte sie gehorsam, streckte den Rücken und setzte sich so zurecht, als hätte sie einen Stock im Kreuz. Wie sie es hasste, sich von ihrer Mutter gängeln zu lassen als wäre sie noch ein windeltragendes Gör. Immerhin war sie mit ihren zwanzig Jahren alt genug, um zu wissen, was gut für sie war und was nicht.

„Du wirst nie einen Ehemann finden, wenn du dich weiterhin so undamenhaft benimmst“, keifte Lilith weiter.

„Nun lass doch endlich das Kind in Ruhe“, mischte sich nun auch noch Sallys Vater Adrian Montgomery ein.

„Dass du dich schon wieder für Sally einsetzt, war ja klar. Sie ist längst kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau“, erwiderte Adrians Gattin trotzig. „Sie sollte wirklich daran denken, sich endlich zu vermählen. Wie lange will sie uns noch auf der Tasche liegen? Ein Ehemann wird ihr schon einer Dame ziemliches Verhalten beibringen.“

„Mutter!“ Sally sprang gar nicht damenhaft von ihrem Stuhl auf, so dass er nach hinten kippte und mit einem lauten Knall auf dem Boden landete. „Sag mir, was soll ich mit einem Ehemann? Niemals!“ Trotzig streckte sie das Kinn vor und funkelte ihre Mutter böse an.

„Kind, so geht das mit dir nicht weiter“, mokierte sich Lilith über das Verhalten ihrer Tochter. „Wenn du in einem Jahr nicht verheiratet bist oder wenigstens eine Vermählung in Aussicht ist, werden wir dich ins Kloster schicken.“

„Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen“, versuchte Adrian seine Frau zu beruhigen. Er erinnerte sich daran, wie es ihm erging, als Lilith ihm vor vielen Jahren sozusagen vor die Nase gesetzt wurde und sie sich genötigt sahen, eine Ehe einzugehen. Dabei kannten sie sich bisher nur vom Sehen, denn Lilith war eine Freundin Susans, seiner großen Liebe. Wenn er damals gewusst hätte, welch Xanthippe Lilith ist, hätte er sich geweigert, sie zur Frau zu nehmen. Sehnsüchtig dachte er an die junge, zärtliche Susan aus der Nachbarschaft, bei der er sein Herz und nicht nur das, verloren hatte. Nur waren sie nicht füreinander bestimmt. Susans Eltern hatten anderes mit ihr vor.

Die Verbindung mit Lilith bescherte seiner Familie noch mehr Reichtum und Einfluss als sie bereits hatten. Er hatte seinem Vater, der kurz nach der Hochzeit verstarb, nur einen Gefallen getan, damals Lilith zu ehelichen.

„Dass du unsere aufmüpfige Tochter immer verteidigen musst!“, keifte die Frau weiter. Ihr Gesicht hatte bereits eine heftige Röte angenommen und hektische Flecken verbreiteten sich auf ihrem Dekolleté. Sie schnappte nach Luft und fächelte sich aufgeregt frische Luft zu. „Für mich ist das letzte Wort gesprochen! Entweder du heiratest, oder du gehst ins Kloster! Mit dieser Schmach, dich unverheiratet zu lassen, kann und will ich nicht leben. Du wirst noch eine alte, vertrocknete Jungfer werden, die von allen belächelt wird.“

Sally wollte sich weiter verteidigen, ihrer Mutter ihren ganzen Frust entgegen schleudern, doch Lilith unterbrach sie mit einer schroffen Handbewegung. „Geh auf dein Zimmer, sofort!“, schrie sie die junge Frau an.

„Wie Ihr wünscht, Mutter“, erwiderte Sally ungewohnt ruhig und gefasst. Mit hoch erhobenem Kopf schritt sie zur Tür, sich dabei zu zwingen, ihrer Mutter nicht doch noch Hassworte entgegen zu schreien. „Wie kann sie nur?“, fragte sich Sally, als sie die Tür des Esszimmers hinter sich zugeworfen hatte. Mit wehenden Röcken lief sie schneller als es sich für eine junge Dame ihres Standes geziemte, den langen Flur entlang zur Treppe, die ins Obergeschoss führte. Der Diener, der ihr eben mit einem Tablett entgegenkam, schaute ihr kopfschüttelnd nach.

„Hast du nichts Anderes zu tun, als mich mit großen Augen anzuglotzen wie ein Frosch“, fuhr Sally ihn erbost an.

„Verzeihen Sie, Miss“, katzbuckelte er vor ihr und verschwand so schnell es ging aus ihrer Sichtweite.

Sally lief die Treppe hinauf und in ihr Zimmer. Vom zu schnellen Rennen und der ungewollten Aufregung erhitzt, schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Am liebsten wäre sie sofort wieder nach unten zu ihrer Mutter ins Esszimmer gegangen, um dieser ihren Frust ins Gesicht zu schreien. Lilith war in ihren Augen eine Tyrannin, die über Leichen ging, wenn sie Widerworte bekam. Sallys Vater dagegen war ein gutmütiger Mann, der seine Tochter, sein einziges Kind, über alles liebte. Er war wie Wachs in ihren Händen und nicht nur einmal hatte Sally die Gutmütigkeit ihres Vaters schamlos ausgenutzt.

Doch wenn sie an ihre kaltherzige Mutter dachte, rieselten eisige Schauer über ihren Rücken. Sally wollte es sich nicht nehmen lassen, ihre Mutter spüren zu lassen, was sie von ihren Vorhaben hielt. Eigentlich war sie eine wohlerzogene junge Frau. Doch es gab Dinge, da wollte sie sich nicht dreinreden lassen. Dazu gehörte auch die Wahl eines Ehemannes. Dass eine Ehe noch nicht in Aussicht war, störte sie nicht. Ein Mann passte noch nicht in ihr Leben. Auch wenn dies bedeutete, von ihrer Mutter in ein Kloster geschickt zu werden. Sally wollte es erst gar nicht so weit kommen lassen. Sie wusste nur noch nicht, wie.

***

Auch Stunden später fand Sally keine Ruhe. Nachdem ihre Mutter ihre Zofe geschickt hatte, um ihr auszurichten, sie wünsche ihre Anwesenheit beim Dinner nicht, hatte Sally ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Nachdenklich stand die junge Frau am offenen Fenster und blickte in den Sonnenuntergang, der eigenartigerweise an diesem Tag besonders schön war. Die Wolken leuchteten in einem strahlenden Rot. Soweit das Auge blicken konnte, leuchtete der Himmel wie die Glut eines Kaminfeuers. Das Meer, das an das Anwesen der Montgomerys angrenzte, konnte man nur erahnen.

„Miss, möchtet Ihr heute nicht zu Abend essen?“, hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Zofe Adelaide hinter sich.

Erschrocken drehte sie sich um und erblickte das Kammermädchen an der Tür stehend mit einem schweren Tablett in den Händen, von dem es verführerisch duftete.

„Mein Gott, Adelaide, musst du mich so erschrecken!“, fuhr sie das Mädchen ungewollt schroff an, das sogleich ängstlich den Kopf einzog.

„Entschuldigt, das wollte ich nicht. Nachdem Ihr auf mein Klopfen nicht antwortetet, habe ich einfach Euer Zimmer betreten. Ich nahm an, Ihr schlaft oder seid nicht da“, erwiderte Adelaide und trat unaufgefordert näher. Sie stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch ab, um den ein paar zierliche Sitzgelegenheiten drapiert waren. „Ich bemerkte, dass Ihr heute nicht beim Dinner anwesend wart und dachte mir, Ihr seid bestimmt hungrig“, plapperte das sonst so stille Mädchen ohne Punkt und Komma. „Ich hörte auch vom Streit mit Eurer Mutter und wie sie Euch auf Euer Zimmer schickte.“

„Adelaide, du plapperst wie ein Wasserfall“, unterbrach Sally den Redefluss der Zofe.

„Aber…“, Adelaides Wangen färbten sich so rot wie der Himmel, den Sally eben bestaunt hatte.

„Nun sei still und zeige mir, was du Köstliches mitgebracht hast“, wehrte Sally ab, der plötzlich der Magen knurrte.

Schnell räumte Adelaide die Speisen auf den Tisch, damit Sally essen konnte. Die ließ es sich schmecken. Erst jetzt bemerkte sie, wie hungrig sie war.

Während Sally sich gütlich tat, machte sich Adelaide im Badezimmer nützlich, um ihre Herrin nicht beim Essen zu stören.

„Adelaide, komm her und leiste mir Gesellschaft“, rief Sally ihre Zofe zu sich. „Setz dich und greif zu. Es ist genügend für uns beide da“, forderte sie das Mädchen auf.

Wieder errötete Adelaide, griff dann aber nach nochmaliger Aufforderung beherzt zu.

„Meine Mutter will mich unbedingt verheiraten“, begann Sally nach einer Weile ihr Herz auszuschütten.

Adelaide war nicht nur ihre Zofe, sondern auch ihre eng verbundene Freundin. Das Mädchen war nur zwei Jahre jünger als sie und hatte sich schon oft als gute und liebe vertraute Freundin für sie eingesetzt.

Adelaide blickte sie mitfühlend an. „Es war nicht zu überhören“, erwiderte sie. „Eure Mutter hat laut genug gesprochen, dass es die ganze Dienerschaft hören konnte.“

„Hast du gelauscht?“, tat Sally empört, blinzelte dem Mädchen aber verschmitzt zu. Sie wusste, Adelaide war immer in ihrer Nähe. Nichts entging ihr. Jederzeit war sie sofort zur Stelle, sobald Sally etwas benötigte oder auch nur Gesellschaft brauchte. So auch heute.

„Ich will aber nicht heiraten“, sagte Sally nach einer Weile. „Was soll ich mit einem Mann? So wie ich meine Mutter kenne, wird es einer sein, der ihr zu Kreuze kriecht oder genau ein derartiges Ekel ist wie sie selber.“

„Euer Vater wird es bestimmt zu verhindern wissen“, lenkte Adelaide ein.

„Ach, mein Vater“, meinte Sally seufzend, „er ist ein herzensguter und liebenswürdiger Mann, aber gegen meine Mutter kann er sich nicht behaupten. Ich verstehe nicht, warum er sich von ihr so viel gefallen lässt.“

„Da habt Ihr recht“, sagte Adelaide. „Die Hauptsache ist jedoch, dass er Euch liebt. Das zu wissen, beruhigt ungemein. Glaubt fest daran, dass alles gut wird.“ Beruhigend sprach sie auf Sally ein.

„Adelaide, du musst mich mit deinen Worten nicht einlullen. Ich weiß, du meinst es gut mit mir. Aber glaube mir, ich muss einen Ausweg finden, um nicht im Kloster zu landen und dort bis ans Ende meiner Tage zu verdorren. Da kann ich mich gleich lebendig einmauern lassen.“

Seufzend gab sich das Mädchen geschlagen. Sie kannte Sally gut genug, um zu wissen, gute Worte drangen in ihrer derzeitigen Verfassung nicht zu ihr durch. Ihre Herrin war eine praktisch denkende Person, die auch recht spontan auf Dinge reagierte und sich damit nicht nur einmal in eine prekäre Lage katapultierte. Sie musste von einer Sache überzeugt sein, um sie zu tun. Sich zu vermählen und einem Mann zu unterwerfen gehörte definitiv nicht dazu.

Nachdem die beiden jungen Frauen ausgiebig gespeist hatten, räumte Adelaide das Geschirr zusammen, um es zurück in die Küche zu bringen.

„Ich danke dir für deine aufmunternden Worte. Du bist eine gute Freundin“, hielt Sally die Zofe zurück, als diese das Zimmer verlassen wollte.

„Das tue ich doch gern für Euch“, erwiderte der Mädchen und schlüpfte flugs nach draußen, ehe Sally sehen konnte, dass sie schon wieder errötete.

***

Als Sally wieder allein war, erfasste sie erneut die Unruhe, die sie vor Adelaides willkommener Ablenkung überrollt hatte. „Ich muss unbedingt etwas tun, ehe meine Mutter ihre Drohung wahr macht“, redete sie mit sich selbst. Dabei lief sie unruhig auf und ab. Inzwischen brach die Dämmerung herein. Sally nahm einen Holzspan und hielt ihn ins Feuer. Als der Splitter brannte, zündete sie damit die Kerzen auf dem Leuchter an. Dann nahm sie das Buch, das auf ihrem Nachttisch lag und setzte sich damit in ihren Sessel. Sie schlug die Seite auf, die sie zuletzt gelesen hatte. Doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen.

Jetzt, wo sie wieder allein war, traten ihr die Worte ihrer Mutter wieder in Erinnerung. Schniefend versuchte sie, die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Doch es gelang ihr nicht. Der ganze Frust, der sich in ihr aufgestaut hatte, drängte nun hinaus. Sie legte ihr Buch beiseite und warf sich bäuchlings auf das Bett. Sally presste ihr Gesicht fest in ihr Kissen und dämpfte so die Schreie, die sie ausstieß. Am liebsten hätte sie ihren Kopf so lange in das Kissen gedrückt, bis sie keine Luft mehr bekäme und erstickte. Das wäre die Lösung ihres Problems, dessen Ursprung eindeutig ihre Mutter war und das ihr Vater nicht lösen konnte oder wollte.

Keuchend schoss Sally hoch. Japsend rang sie nach Atem. „Vater“, stieß sie heulend hervor, „hilf mir doch, bitte hilf mir!“ Wie ein Stück jammerndes Elend rollte sie sich zusammen wie ein Embryo, ihr Kopfkissen dabei fest umklammernd.

***

Unruhig wälzte sich Sally im Schlaf auf ihrem Bett von einer auf die andere Seite. Sie musste eingeschlafen sein, während sie sich ihrem Elend hingab und über Gott und die Welt klagte. Nicht einmal ihr Nachtgewand hatte sie angezogen. Ein Alptraum quälte sie. Ihr Vater führte sie zum Altar, vor dem bereits ihre Mutter wartete und sie hämisch angrinste. „Siehst du, nur noch ein winzig kleiner Schritt und das Kloster bleibt dir erspart. Braves Mädchen“, sagte sie zu ihr, dabei funkelten ihre Augen vor Stolz, Sallys Willen gebrochen zu haben.

Neben ihrer Mutter stand der hässlichste Mann, den sie je gesehen hatte. Breit grinsend blickte er ihr entgegen und entblößte dabei eine Reihe schwarzer Zahnstummel. Eklig stinkender Atem schlug ihr entgegen, als er sich über ihre Hand beugte, um sie zu küssen. Dabei tropfte ihm Speichel aus dem Mundwinkel. Angewidert wollte sich Sally abwenden. Doch ihre Mutter hielt sie fest und zwang sie, den Unbekannten auf den Mund zu küssen. Würgend erbrach Sally ihr Frühstück. Der Mann stand nur daneben und grinste sie gierig an. Sein Blick glitt über ihren bebenden Körper, der sich vor Schmerzen gepeinigt krümmte. Ihr Magen rebellierte immer schlimmer, doch je mehr sie sich wehrte, desto zudringlicher wurde der Fremde.

„Bald bist du mein und hast mir zu gehorchen“, flüsterte er ihr ins Ohr. Dabei schlängelte sich seine schleimige Zunge an ihrer Halsbeuge entlang und hinterließ seine stinkende Spucke, die an ihr herunter lief und das weiße Seidenkleid verunreinigte.

„Nein, nein“, schrie Sally immer wieder und versuchte, zu entkommen. Die anwesenden in der Kirche aber bildeten einen immer enger werdenden Ring um sie. Klatschend lachten sie dem Brautpaar entgegen und verlangten noch mehr Küsse.

„Nein, Vater, hilf!“, schrie Sally panisch. Sie riss sich los und rannte gegen die Wand aus Menschen. Hart prallte sie ab und fiel…


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