Sally

Fern von zu Hause

 

Auszug aus Kapitel 2


Die Zeit verstrich. Sally und ihr Vater Adrian verstanden sich besser denn je. Lilith fühlte sich von der Zweisamkeit zwischen Vater und Tochter ausgeschlossen und beobachtete die beiden argwöhnisch. Der Neid fraß sich in ihr Herz. Nicht nur einmal dachte sie daran, ihre Intrigen erneut aufblühen zu lassen, um denen, die sie eigentlich lieben sollte, Schaden zuzufügen. Aber dann wurde ihr bewusst, dass der Verdacht sofort auf sie fallen würde. Der unüberhörbare Disput zwischen ihr und Adrian vor einigen Wochen auf dem nächtlichen Flur hatte garantiert nicht nur Sally mitbekommen, sondern auch die gesamte Dienerschaft, bei der sie nicht sonderlich beliebt war. Jeder würde sofort sie verdächtigen.

Adrian hatte seiner Tochter noch viele Fragen zu beantworten, was er gerne tat, sofern er es konnte. Sie wollte auch mehr über die Eltern ihrer Mutter erfahren. Doch Adrian wusste von ihnen nur, dass sie inzwischen verstorben waren. Susan hatte nie viel über ihre Eltern erzählt, die ebenfalls sehr streng mit ihr waren.

***

Das Jahr, das Lilith Sally als Schonfrist gegeben hatte, war beinahe vergangen. Bisher hatte sie Sally nie wieder auf eine anstehende Vermählung angesprochen, doch vergessen hatte sie es noch längst nicht. Eher im Gegenteil, beinahe jeden Tag dachte sie daran, wie es wäre, wenn Sally endlich hinter Klostermauern säße und sie endlich Adrians alleinige Aufmerksamkeit genießen konnte.

Auch bei Adrian schien das Thema in Vergessenheit geraten zu sein. Eines Abends aber platzte Lilith der Kragen.

„Wie ich sehen muss, werde ich in diesem Haushalt nicht ernst genommen“, keifte sie Adrian an, der über ein Schriftstück gebeugt an seinem Schreibtisch in der Bibliothek saß.

„Ach, das merkst du erst jetzt“, erwiderte er schnippisch und senkte seinen Blick erneut auf das vor ihm liegende Papier. Er ließ sich ungern stören, wenn er sich um die Finanzen seines Anwesens kümmerte.

„Das ist doch wohl die Höhe!“, schrie seine Frau ihn an. „Es genügt dir wohl nicht, dass die Dienerschaft mich ignoriert und meinen Anweisungen nicht nachgeht! Garantiert steckt ihr dahinter, du und deine ach so heiß geliebte Tochter! Nein, du musst mich jetzt auch noch beleidigen.“ Lilith schnaufte. Ihr Gesicht lief vor Wut rot an.

„Dich beleidigen? Wie könnte ich?“ Adrian blieb immer noch ruhig, obwohl es in ihm brodelte.

„Dann denke doch mal daran, deine Tochter endlich unter die Haube zu bringen. Ich bin es leid, sie Tag für Tag zu sehen und mit ihr Susan“, platzte Lilith heraus. „Ich gab ihr ein Jahr, das nun fast rum ist. Noch ein Monat, dann kommt sie ins Kloster!“

„Du wirst doch wohl nicht annehmen, dass ich Sally gegen ihren Willen verheirate oder gar ins Kloster stecke, nur weil du es so wünschst. Niemals! Du bist doch nur eifersüchtig!“ Adrian brauste auf und schlug mit der Faust auf die Tischplatte, dass das offen dastehende Tintenglas beinahe umfiel.

„Du bist genau so ein Sturkopf wie Susan“, schrie Lilith ihn an. „Wenn sie nicht gewesen wäre, dann wäre ich jetzt Sallys richtige Mutter. Aber nein, du konntest nicht die Finger von ihr lassen und musstest sie auch noch schwängern.“

„Du bist immer noch eifersüchtig auf Susan“, stellte Adrian fest. „Susan ist tot! Tot! Verstehst du? Nie wieder werde ich ihr Lachen hören können, und Sally wird ihre Mutter nie kennenlernen können! Du bist daran ebenfalls so schuld wie ihre Eltern. Nur Sally ist mir von ihr geblieben.“ Verständnislos schüttelte Adrian seinen Kopf. „Es ist besser, du gehst jetzt, ehe ich mich gänzlich vergesse. Ich will mir nicht nachsagen lassen, ich schlage meine Gattin. Obwohl du es verdient hättest.“ Adrian ging zur Tür und öffnete diese. „Geh jetzt“, sagte er nochmal zu Lilith, worauf sie ohne ein weiteres Wort die Bibliothek verließ. Doch in ihrem Inneren brodelte es.

***

Kaum saß Adrian wieder an seinem Schreibtisch, klopfte es erneut an der Tür. Wutentbrannt lief er dorthin und riss sie auf. „Kannst du immer noch keine Ruhe geben!“, stieß er erbost aus. Aber dann erkannte er seine Tochter, die vor der Tür stand und ihn mit großen Augen ansah. Der Schreck stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Verzeiht, Vater. Wenn ich unerwünscht bin, gehe ich lieber mal wieder“, stieß Sally stotternd aus. Sie drehte sich auf dem Absatz und wollte sich wieder entfernen.

„Bleib“, rief Adrian aus und hielt seine Tochter am Ärmel ihres Kleides fest. „Das galt nicht dir, sondern Lilith.“

„Wieder einmal die alte Leier“, erkannte Sally richtig. „Was ist denn diesmal der Grund Eures Streites? Nein, sagt besser nichts! Ich weiß es auch so.“ Sally verdrehte genervt die Augen.

„Komm doch erst einmal rein“, sagte Adrian und ließ seiner Tochter den Vortritt in seine Bibliothek. Als er die Tür hinter sich schloss, bemerkte er nicht, dass seine Frau, in einer Nische versteckt, gehorcht hatte. Fies grinsend beschloss sie, sich nicht in die Enge treiben zu lassen und nun endlich Nägel mit Köpfen zu machen.

„Lilith denkt immer noch, sie kann hier tun und lassen, was sie will. Vater, Ihr seid hier der Hausherr. Sprecht doch endlich einmal ein Machtwort. So kann das nicht weiter gehen, dass alle unter Liliths ständiger schlechter Laune leiden müssen. Die Dienstboten beschweren sich ständig über sie.“

„Liebes, das ist gar nicht so einfach“, erwiderte Adrian. „Ich bin es einfach leid, mich ständig mit meiner Gemahlin zu streiten.“

„Was kann daran so schwer sein?“, mokierte sich Sally. Sie verstand es nicht, warum sich ihr Vater so viel von seiner Frau gefallen ließ.

„Du hast ja recht“, versuchte Adrian seine Tochter zu beruhigen. „Aber du weißt nicht, zu was Lilith alles fähig ist, nur um ihren Willen zu bekommen.“

„Also Vater! Ihr werdet Euch von ihr doch wohl nicht ins Bockshorn jagen lassen! Seid ein Mann und gebt ihr Saures. Wollt Ihr Euch das ewig gefallen lassen?“ Sally lief unruhig hin und her. Plötzlich blieb sie stehen und schaute ihren Vater fragend an. „Um was ging es denn diesmal wieder?“, wollte sie wissen.

„Um was schon. Um dich und die nicht anstehende Vermählung. Lilith bleibt auf ihrem Standpunkt bestehen, dich ins Kloster zu schicken.“ Nun verdrehte Adrian die Augen. „Hast du nicht vielleicht doch einen Liebsten, der dich ehelichen würde?“, fragte er.

„Vater! Was denkt Ihr von mir? Natürlich nicht! Ich bin doch keine Dirne, die sich heimlich mit Männern vergnügt!“ Kaum hatte Sally diese Worte ausgesprochen, schlug sie sich erschrocken auf den Mund. Ihr wurde klar, wie ungebührlich sie sich ihrem Vater gegenüber verhalten hatte. „Verzeiht, Vater. Das wollte ich nicht“, sagte sie bebend. Tränen bahnten sich ihren Weg und rollten über ihre Wangen.

„Ist schon gut, Liebes. Du musstest meine Worte missverstehen“, entschuldigte sich auch Adrian. Liebevoll wischte er Sally die Tränen weg und küsste sie auf die Wange. „Frieden?“, fragte er, worauf Sally nur nickte und ihn schüchtern anlächelte.

Aufatmend nahm er sie in seine Arm und drückte sie an sich.

„Wir sollten uns aber trotzdem etwas einfallen lassen, um Lilith zu beruhigen“, sagte Sally nach einiger Zeit auf einmal.

„Ach was, vergiss es einfach“, erwiderte Adrian. „Ich bin dein Vormund. Sie kann dir gar nichts tun.“

„Wie Ihr meint“, sagte Sally darauf, trotzdem froh, dass das leidliche Thema erst einmal fallen gelassen wurde.

Aber auch Adrian hatte noch etwas mit seiner Tochter zu besprechen, was er sogleich in Angriff nahm. „Dein einundzwanzigster Geburtstag ist in drei Wochen“, begann er. „Was gedenkst du an diesem Tag zu tun?“

„Ich weiß noch nicht“, antwortete Sally. „Eigentlich habe ich gar keine große Lust, an dem Tag ein großes Fest zu veranstalten.“

„Liebes, man wird nur einmal einundzwanzig“, erwiderte Adrian. „Das sollte man groß feiern. Was hältst du davon, am Vormittag zu einer Treibjagd aufzubrechen und abends feiern wir ein rauschendes Fest dir zu Ehren.“

Sally dachte nach. „Treibjagd und Picknick, wenn das Wetter mitmacht. Damit könnte ich leben. Aber bitte kein Fest, an dem ich mich vor Einladungen zum Tanz nicht erwehren kann. Ich hasse es, tanzen zu müssen.“

Adrian wusste von Sallys Abneigung zum Tanz. Diesbezüglich ähnelten sie sich wie ein Ei dem anderem. „Gut, dann Treibjagd und Picknick“, gab Adrian klein bei und war froh, seiner Tochter zu ihrem Geburtstags wenigstens eine kleine Freude bereiten zu können.

Am Abend teilte Adrian seiner Gattin die Pläne zu Sallys Geburtstag mit. Lilith zuckte nur mit den Schultern und meinte, er solle doch tun, was er will. Sie ginge das nichts an, Sally wäre seine und nicht ihre Tochter.

Wenig später lag Lilith in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett und starrte nachdenklich an die Decke. Dass Adrian zu Sallys Geburtstag solch einen Trubel veranstalten wollte, missfiel ihr. Eifersucht flammte in ihr auf und damit zum wiederholten Male der Gedanke, sich den ungeliebten Ehemann, oder dessen Tochter, am besten gleich beide, vom Hals zu schaffen. Dann wäre für sie der Weg frei für ein zügelloses Leben in Reichtum. Über diesen Gedanken schlief Lilith ein.


Weiter geht es bei

www.elpforum.de
www.elpforum.de