Sally

Fern von zu Hause

 

Auszug aus Kapitel 3


Als hätte sich das Wetter mit dem Anlass des Tages abgesprochen, stürmte und regnete es. Dunkle Wolken jagten einer Meute spielender Hunde gleich über den Himmel. Die Bäume, die den Rand des Familienfriedhofes säumten, bogen sich im Wind, dass das Holz knarrte. Es klang, als würden sie über die Kräfte murren, denen sie alles entgegen setzen mussten. Beinahe sah es so aus, als würden die Stämme brechen wie Streichhölzer. Doch sie hielten stand.

Die Menschen, die sich versammelt hatten, schauten starr auf den mit Blumen geschmückten Sarg, der auf zwei Holzböcken über dem offenen Grab stand und darauf wartete, in die dunkle Erde hinabgelassen zu werden. Sie konnten es immer noch nicht glauben, dass ihr geliebter Freund Adrian nicht mehr unter ihnen weilte.

Sally hielt mühsam ihren Trauerschleier aus zarten Spitzen fest, den der Wind ihr vom Kopf zu reißen drohte. Sie fühlte sich so fehl am Platze. Eigentlich wollte sie gar nicht hier an diesem unwirtlichen Ort sein, sondern sich lieber in ihrem Zimmer ihrer Trauer hingeben. Doch sie war es ihrem Vater schuldig, ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Den Worten des Priesters hörte sie schon längst nicht mehr zu. Viel lieber dachte sie an die vielen schönen Stunden und die vielen herrlichen Jahre, die sie mit ihrem Vater verbringen konnte und die nun unwiderruflich verloren waren. Sie mochte gar nicht daran denken, was aus ihr geworden wäre, wenn er sie damals nicht aufgenommen hätte. Dann würde sie garantiert in dem Kloster, in das ihre Mutter gebracht wurde, als Dienstmagd den Schwestern dienen.

Mit Tränen in den Augen schaute Sally zu Lilith, die neben ihr starr wie eine Statue am Grab stand und keine Miene verzog. Sally wurde den Gedanken nicht los, dass ihre Stiefmutter irgend etwas mit Adrians tödlichem Unfall zu tun hatte. Zu gefasst kam sie ihr vor, als Sir Selwyn ihr die schlimme Nachricht überbrachte. Beweisen konnte sie jedoch nichts.

Sally schluchzte leise. Selwyn, der hinter ihr stand, trat zu ihr und stützte sie liebevoll. Aufmunternd nickte er ihr zu. Tapfer lächelte Sally und tupfte sich die Tränen mit ihrem Taschentuch ab.

Die Zeit schien still zu stehen. Die Trauerfeier nahm kein Ende. Immer wieder fand der Priester gute Worte über den Verstorbenen, mit denen er die Trauergemeinde zu trösten versuchte. Erst nachdem Lilith ihm ein Zeichen gab, endlich zum Ende zu kommen, sprach er letzte Worte, die den Verstorbenen in die Ewigkeit begleiteten.

Erst als Selwyn Sally vorsichtig am Arm ergriff, um sie zurück zum Haus zu begleiten, bemerkte die junge Frau, dass die Trauerfeier bereits zu Ende war. Sie stand allein mit dem besten Freund ihres Vaters vor dem offenen Grad und starrte immer noch in die tiefe Gruft, in der nun der Sarg lag.

„Wir sollten nun gehen“, sagte Selwyn leise zu ihr, worauf Sally nickte. Noch ein letzter Blick, dann wandte sie sich ab. Adrians bester Freund führte sie behutsam den langen, gepflegten Kiesweg entlang, auf dem man zum Haus gelangte.

„Vielen Dank“, sagte Sally zu ihrem Begleiter, als sie die Eingangshalle betraten. Dort wartete bereits ein Diener, der ihre Mäntel entgegen nahm, um sie an die Garderobe zu hängen. Sie nickte ihm dankend zu und wollte die Treppe hinauf gehen.

„Die Gäste warten bereits auf Euch“, ließ der Diener leise vernehmen, als er sah, dass die junge Frau hinauf ins Obergeschoss wollte.

Sally schüttelte nur den Kopf. „Ich kann nicht“, flüsterte sie. Sie wirkte bleich. Schon spürte sie, wie es ihr schwindelte und ihr schwarz vor Augen wurde. Panisch tastete sie nach dem Geländer, um Halt zu finden.

Selwyn, der am Fuße der Treppe stehen geblieben war, sprang zu ihr, um sie aufzufangen. „Langsam“, warnte er sie und nickte dann dem Diener dankend zu. „Du solltest dich ausruhen“, sprach er beruhigend auf die junge Frau ein. „Die letzten Stunden waren zu anstrengend für dich. Komm, ich begleite dich nach oben, damit du dich ausruhen kannst.“

„Rufe bitte Adelaide“, bat Sally allerdings. Der Diener kam dieser Aufforderung sofort nach.

Selwyn währenddessen begleitete Sally nach oben und wollte sie zu ihrem Zimmer bringen. Als sie den Gang entlang gingen, kam ihnen bereits Adelaide, vom Dienstbotenaufgang kommend, entgegen.

„Miss Sally“, rief sie mit sorgenvoller Miene entgegen. „Ist etwas geschehen? Ihr seid so blass.“

„Ich bin nur müde“, entgegnete Sally, die bleich wie eine gekalkte Wand war.

„Mache dir keine Gedanken, Miss Sally ist nur erschöpft von der ganzen Aufregung“, beruhigte nun auch Selwyn die Zofe. „Begleite sie bitte zu ihrem Zimmer und sorge dafür, dass sie sich ausruht.“

„Ihr sorgt Euch zu sehr um mich“, meinte Sally zu Selwyn. „Vielen Dank dafür.“

„Nichts zu danken. Das tue ich gerne“, erwiderte Adrians bester Freund. „Und nun ruhe dich aus. Das ist jetzt ärztlicher Befehl.“

„Yes, Sir!“, salutierte Sally und stand spaßeshalber stramm, obwohl ihr gar nicht zum Spaßen war.

Lächelnd und mit klopfendem Herzen sah er der jungen Frau nach, die sich nun mit ihrer Zofe entfernte.


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