Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 6 -  Kapitel 3


Sally und Raimon erreichten Exmouth ohne weitere Zwischenfälle und Katastrophen. Die Kinder genossen die Fahrt. Neugierig schauten sie sich um und sogen jedes Detail der Reise in sich auf wie ein trockener Schwamm. Es war das erste Mal, dass sie sich außerhalb von Dover aufhielten. Weiter als bis zur Stadtmauer waren sie in ihrem jungen Leben noch nicht gekommen. So war die Fahrt zu ihrem neuen Zuhause für sie wie ein großes Abenteuer.

 

Als sie in Exmouth ankamen, lag das Haus des Henkers verlassen da. Raimon aber erkannte sofort, dass sich jemand unberechtigt Zutritt verschafft hatte. Die hintere Tür war nur angelehnt. Dabei war er sich sicher, diese fest verschlossen zu haben. Kaum ein Möbelstück stand an seinem Platz, die Strohsäcke in den Betten waren aufgeschlitzt. Es herrschte Chaos. Sogar das Henkersschwert war aus seiner Halterung genommen worden und seine Kiste mit den Folterinstrumenten durchwühlt.

 

„Das waren bestimmt Rodney und seine Konsorten“, sagte Sally, nachdem sie sich eine Übersicht über die Schäden verschafft hatten. Kopfschüttelnd ging sie durch das Haus und regte sich über so viel Zerstörungswut auf. Sie konnte es nicht verstehen, warum manche Menschen sich so zügellos benehmen konnten.

 

„Das glaube ich auch“, erwiderte Raimon, der neben Sally stand und versuchte, sie einigermaßen zu beruhigen. „Wer sonst sollte sich hier unberechtigterweise Zutritt verschafft haben. Nur Rodney würde so etwas wagen. Normale Einbrecher getrauen es sich nicht, das Haus zu betreten.“ Der Henker grinste, als er sich daran erinnerte, wie er einen Ganoven dabei ertappte, der sich an seinen Vorräten gütlich tat. Wie grau war der Mann im Gesicht geworden, nachdem er erkannt hatte, wer der rechtmäßige Bewohner des Hauses war. So schnell hatte Raimon lange Zeit niemanden rennen sehen.

 

Nachdem der Scharfrichter mit Sallys Hilfe den Karren abgeladen und das Pferd versorgt hatte, nahm er sich Zeit für die Kinder. Sally währenddessen blieb im Haus, um das Abendessen zuzubereiten. Um die Unordnung im Haus wollte sie sich später kümmern. Das konnte warten. Während die Brühe kochte, richtete sie nur die Kammern im oberen Stockwerk, damit sie für die Nacht genug Platz zum Schlafen hatten. 

 

Faylynn und Travis waren bereits dabei, Haus, Hof und Garten zu erkunden. Nur Barnet war nirgends zu entdecken. Raimon jedoch machte sich keine Gedanken. Er hatte den Jungen als zuverlässigen Burschen kennengelernt. Wahrscheinlich war er im Stall beim Pferd. Auf der Fahrt nach Exmouth war es Raimon aufgefallen, dass Barnet gerne mit dem Tier umging und es fürsorglich behandelte.

 

Die neue Umgebung reizte die beiden zurück gebliebenen Kinder, jede noch so kleine Ecke zu erforschen. Aufgeregt plapperten sie durcheinander, als sie den verlassenen Hühnerstall entdeckten.

 

„Onkel Raimon“, plärrte Faylynn dem Henker entgegen, der eben aus dem Haus kam. „Dürfen wir Hühner halten? Bitte! Wir kümmern uns auch jeden Tag um die Tiere.“ Während sie auf Raimon einredete, schaute sie ihren Onkel mit ihren großen Kinderaugen an, dass er dahin schmolz wie Wachs in der prallen Sonne. Konnte man solchen Augen etwas abschlagen? Raimon konnte es nicht.

 

„Gleich morgen gehen wir auf den Markt und kaufen kleine Hühnchen für dich“, sagte Raimon zu dem Mädchen, das wie eine Klette an seinem Hosenbein hing. Er nahm sie hoch und drückte sie liebevoll an sich.

 

„Wirklich?“ Faylynn warf sich an Raimons Hals und gab ihm dutzende Küsschen auf die Wange. Schon bald klebte seine Wange wie der mit Honig verschmierte Mund der Kleinen. Der Scharfrichter konnte sich des Angriffs gar nicht erwehren. Lachend schwenkte er das Mädchen hin und her, dass es vor Übermut laut kreischte.

 

„Onkel Raimon, schau mal, was ich gefunden habe. Ist das deins?“, hörte der Henker plötzlich Barnet rufen. Er setzte Faylynn ab und wandte sich dem Jungen zu. Erschrocken riss er die Augen auf. Barnet stand an der Hintertür, Raimons riesiges Richtschwert in den Händen haltend. Der Junge musste unbändige Kräfte aufwenden, um es einigermaßen halten zu können.