Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 6 -  Kapitel 4


Seit Sallys und Raimons Vermählung war bereits einige Zeit vergangen. Sie hatten in aller Stille geheiratet. Nur die Kinder gingen mit zur Kirche, dazu noch Raimons engste Freunde, die als Trauzeugen agierten. Die kleine Feier, die die Frischvermählten in ihrem Zuhause veranstalteten, war mehr als knapp bemessen. Aber das machte niemanden etwas aus.

 

Der Alltag hielt schnell Einzug im Haus des Henkers. Sally hatte sich daran gewöhnt, drei Kinder versorgen zu müssen. Doch sie tat es gerne. Sie liebte die drei Wirbelwinde und ließ öfters mal kleine Streiche durchgehen als Raimon.

 

Auch Raimon genoss es, endlich wieder Leben unter seinem Dach zu haben. Besonders die kleine Faylynn hatte es ihm angetan. Doch wenn er sich unbeobachtet fühlte und das Mädchen betrachtete, überkam ihn die Trauer um seine eigenen Kinder und seine verstorbene erste Frau.

 

Einmal kam Sally dazu, wie er mit den Tränen kämpfte. Sie setzte sich neben ihn, nahm seine Hand, blieb aber still. Sally wusste, in solchen Momenten war ihr Gatte sehr verletzlich. Ganz anders, als man von einem Scharfrichter annehmen würde. In solchen Fällen musste sie Ruhe bewahren und geduldig sein.

 

„Sie sieht Bilke so ähnlich“, sagte Raimon eines Tages zu Sally, als ihn die Wehmut nach seiner verstorbenen Familie wieder einmal eingeholt hatte. „Bilke und auch Margareth. Während die beiden sterben mussten, darf Faylynn fröhlich sein, leben, tanzen, Späße machen.“ Er sah Sally mit traurigen Augen an. „Aber wenn sie nicht gegangen wären, hätte ich dich nicht hier bei mir“, sagte er dann. In seiner Stimme klang so viel Liebe zu Sally, dass ihr ein wohliger Schauer über den Rücken lief. „Und du wärst nicht meine Frau.“

 

Sally lehnte sich nur an Raimons Brust und hörte seinen Herzschlag, im Hintergrund das Lachen der Kinder, die im Garten spielten. Sie waren endlich glücklich und bei Sally und Raimon angekommen.

 

Einige Wochen später kam Raimon aus dem Rathaus nach Hause. Er hatte wieder seine obligatorische Runde durch die Hurenhäuser gemacht und die Abgaben eingesammelt. Nur in Rodneys Hurenhaus hatte er keinen Erfolg. Er fand es verriegelt vor. Auf seinen Runden schaute er auch nach den Dirnen und deren Gesundheit. Nur gesunde Frauen durften arbeiten.

 

„Es gibt Neues“, rief Raimon bereits im Flur, nachdem der die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er hatte es eilig, seiner Gattin davon zu erzählen.  

 

Sally kam aus der Küche gelaufen. „Erzähl!“, forderte sie ihn auf.

 

„Ich war im Rathaus, die Abgaben abliefern“, begann der Henker. „Was denkst du, was ich dort erfahren habe.“ Er grinste breit.

 

„Nun spanne mich nicht so sehr auf die Folter“, drängelte Sally, die es kaum abwarten konnte, von den Neuigkeiten zu erfahren.

 

„Rodney wurde eingekerkert“, platzte Raimon heraus. „Einige seiner Kumpane gleich mit. Die anderen sind abgetaucht. Es wird aber nach ihnen gefahndet.“

 

Sally fiel vor Staunen die Kinnlade herunter. „Was haben sie getan?“, fragte sie, als sie begriff, dass ihr Problem wohl mit einem Mal kein Problem mehr sein könnte.

 

„Du hast doch letztens von dem Überfall auf die Kaufleute gehört. Die Kunde darüber ging in der Stadt herum wie ein Lauffeuer. Ein paar von den Männern sind bei dem Überfall ums Leben gekommen. Aber mehrere der Überlebenden haben Rodney und seine Kumpane in der Stadt gesehen, erkannt und der Obrigkeit gemeldet.“

 

„Und nun?“, wollte Sally wissen.

 

„Die Stadtbüttel haben Rodneys Hurenhaus gestürmt und fast die ganze Meute an Ganoven festgenommen. Nun sitzen sie im Kerker“, wusste der Henker zu berichten.

 

„Und was ist mit Edwina?“ Sally machte sich Sorgen um die alte Frau, die sie seit ihrer Rückkehr einige Male heimlich in der Stadt getroffen hatte.

 

„Die haben sie mitgenommen. Als ich erfuhr, dass sie ebenfalls inhaftiert wurde, habe ich für sie gebürgt“, erwiderte Raimon. „Ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, dass die Alte bei dem Überfall mitgemacht hat, geschweige denn davon gewusst hat.“

 

„Das denke ich auch“, entgegnete Sally. „Aber was mir nun Sorgen macht, ist sie selbst. Wo ist sie jetzt?“

 

„Ich denke, sie wird zurück ins Hurenhaus gegangen sein. Der Stadtrichter erlaubte ihr, die Verriegelung zu öffnen. Ich wüsste nicht, dass sie noch lebende Verwandte in der Stadt hat, bei denen sie unterkommen könnte. Aber im Hurenhaus kann sie auch nicht bleiben. Das wird geschlossen.“

 

Sally überlegte. Sie wollte Edwina keinesfalls ohne Dach über dem Kopf lassen. Wenn das Hurenhaus geschlossen bleiben sollte, müsste sie dort auch hinaus. „Könnten wir Edwina nicht hier bei uns aufnehmen?“, fragte Sally. „Sie war immer gut zu mir. Mir graut es davor, sie obdachlos hier zurückzulassen.“