Sally, fern von zu Hause

Auszug aus Teil 1 - Kapitel 09 


„Es wird langsam ernst“, versuchte Sabrin Sally so sanft wie möglich auf das Kommende vorzubereiten. Sie ergriff ihre Hand, führte sie zum Bett und ließ sie dort Platz nehmen.

Sally war klar, dass es vorerst keinen Ausweg aus dieser Misere gab. Still sprach sie ein Gebet und bat den Herrn um Stärke, das Unvermeidliche ertragen zu können. Äußerlich wirkte sie ruhig, doch innerlich brodelte es in ihr.

Aus einem für sie unbegreifbarem Grund bat Sabrin sie, sich hinzulegen, ihren Rock hochzuheben und die Beine zu spreizen.

Erschrocken sah Sally die Dirne an. „Warum das?“, fragte sie mit zitternder Stimme. Sie ahnte zwar, was nun folgen sollte, wurde aber trotzdem blass und fragte nach dem Grund der Bitte.

„Die Blase muss rein. Du weißt, es muss aussehen, als wärst du unberührt“, erklärte Sabrin und hielt die mit Blut gefüllte Blase hoch. „Du musst dich nicht schämen. Wir haben da unten auch nichts anderes als du. Also mach schon, die Zeit drängt.“

Widerwillig ergab sich Sally und legte sich auf den Rücken. Nur zögernd hob sie ihr Kleid, damit Sabrin für sie sehr beschämende Tätigkeit verrichten konnte. Schneller und einfühlsamer als Sally es erhofft hatte, war Sabrin damit fertig. „Siehst du, es war doch gar nicht so schlimm“, wurde Sally von ihr getröstet. „Pass aber auf, dass die Blase nicht zu zeitig platzt. Sie darf das erst, wenn der Freier in dich eingedrungen ist. Ein gequälter Schrei zum richtigen Zeitpunkt kann auch nicht schaden“, riet sie Sally. Anstatt sie zu schonen, nahm Sabrin nun die richtigen Worte in den Mund. Die Sache zu verschönern, würde es nicht leichter machen. „Nun komm, deine Haare müssen noch gebürstet und die Schramme unter dem Auge verdeckt werden.“

Während Sabrin sich um Sallys Haare kümmerte, nahm Lani ein Tiegelchen vom Regal, in dem sich eine bräunliche Masse befand. Sie machte diese ein wenig feucht und verteilte sie unter Sallys Auge, bis die blaue Färbung nicht mehr zu sehen war. Dann verrieb sie noch etwas unter dem anderen Auge und auf den Wangen, damit die Maskerade nicht auffiel. Aus einem anderen Tiegel entnahm sie eine rötliche Masse, die mit Schweinefett vermischt war. Sie trug davon ein wenig auf Sallys Lippen auf.

„Pfui, igitt! Was ist das denn?“, fragte Sally, als sie sich mit der Zunge über die Lippen fuhr.

„Das ist Schweinefett, vermischt mit Zinnoberrot“, erklärte Lani. „Damit färben wir unsere Lippen verführerisch rot. Die Freier mögen das.“

Sally verzog nochmals angeekelt das Gesicht. Sich Schweinefett auf die Lippen zu schmieren, darauf wäre sie niemals von selbst gekommen.

„Aber nicht ablecken“, ermahnte Lani sie, während sie sich weiterhin um Sallys Gesicht kümmerte. Als sie mit der Lippenfarbe zufrieden war, nahm sie noch ein Kohlestück und zog Sallys Augenbrauen nach. „Fertig“, sagte sie dann und begutachtete ihr Werk. „Ja, so ist es gut“, kommentierte sie. „Deine Haare sind wundervoll glänzend und dein Mund köstlich wie eine überreife süße Kirsche. Sabrin, schau sie dir an. Sie wird uns den Rang ablaufen und viele gut zahlende Freier anlocken.“

„Ja wirklich. Man könnte neidisch werden bei so viel natürlicher Schönheit“, erwiderte Sabrin und lächelte Sally an. „Abgesehen von der leichten Verletzung, muss man da nicht viel nachhelfen. Wenn das blaue Auge vergangen ist, werden wir wohl gar nichts mehr tun müssen. Du hast eine natürliche Schönheit, die kaum zu überbieten ist.“

„Ich will aber keine gut zahlenden Freier, ausgesprochen schön bin ich auch nicht“, stieß Sally trotzig aus. „Ich will nur so schnell wie möglich weg hier.“

„Du wirst aber müssen“, versuchte Lani sie zu beschwichtigen. „Aelfric hat dich gekauft. Er ist nun dein Herr. Du bist in seinen Augen ein Nichts und hast zu gehorchen. Genau wie Sabrin, ich und die anderen Mädchen hier im Haus.“

Vorerst gab sich Sally geschlagen. Nur aufgeben wollte sie nicht, sich aus der Misere zu befreien. Sie wollte weg, egal wie lange es dauern sollte.

***
Im Flur wurde es laut. Osbert schien an die Haustür zu gehen, gegen die ungeduldig gehämmert wurde. Jemand begehrte Einlass oder es war die Obrigkeit, die bereits nach ihr suchte? In Sally flammte ein Hoffnungsschimmer auf, der jedoch sofort im Keim erstickt wurde.

„Welch Hundsfott macht hier so einen Lärm!“, schimpfte Osbert, während er zur Tür schlurfte. Er riss die Tür auf und schimpfte wie ein Rohrspatz. „Du Hundsfott elendiger!“ Doch ganz plötzlich verstummte er. „Oh, Blake, du bist es! Was führt dich in unser ehrenwertes Haus?“, begrüßte er den vor der Tür stehenden Mann.

„Von Aelfric vernahm ich, hier gäbe es jungfräuliches Frischfleisch“, hörte Sally die fremde Männerstimme. Das Mädchen zuckte zusammen. Mit Frischfleisch war garantiert sie gemeint. Die quälende Marter kam immer näher.

„Ihr habt Glück, Ihr seid der Erste, der nach der Jungfer fragt“, erwiderte Osbert und bat den Gast ins Haus. Gleich darauf hörten sie, wie Edwina den Flur entlang schlurfte. Die Alte schien sofort über alles, was im Haus geschah, Bescheid zu wissen. Die Schritte näherten sich der Kammer, dann wurde abrupt die Tür aufgerissen.

„Täubchen, dein erster Freier ist da“, rief sie Sally zu, die sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen hätte. „Benimm dich und tu, was dir befohlen wird“, warnte Edwina. „Dass mir keine Klagen kommen. Und ihr Zwei, hinaus mit euch“, scheuchte sie Sabrin und Lani auf, die sich schützend neben Sally gestellt hatten. „Ach ja, Sabrin sagt dir die Preise. Merke sie dir genau und vergiss nicht abzukassieren. Möglichst vorher.“ Damit war für die Hurenwirtin die Angelegenheit erledigt.

„Was muss ich nehmen?“, wollte Sally nun von Sabrin wissen. Sie wollte sich vorerst ihrem Schicksal ergeben und hoffte, es würde nicht so schlimm werden.

„Für den ersten Freier nimmst du vier Pence. Dass ein Freier eine Jungfer bekommt, ist teuer und einmalig.“ Beim Wort Jungfer zwinkerte sie Sally aufmunternd zu. „Alle weiteren zahlen zwei Pence. Es sei denn, die verlangen bestimmte Dinge. Was das sein kann, erkläre ich dir später. Dazu ist die Zeit zu knapp. Nicht, dass der Kunde ungeduldig wird. Ein kleiner Rat noch: Kassiere erst ab, ehe du den Freier ran lässt. Manche vergessen sonst zu zahlen und schleichen sich klammheimlich aus dem Haus. Dann bekommst du Ärger mit Aelfric, was nicht besonders angenehm ist.“

„Danke“, flüsterte Sally, der die Tränen in den Augen standen. Ihre Lippen bebten. Ihr Körper zitterte vor Angst.

„Das wird schon“, sagte Sabrin tröstend zu ihr. „Du wirst sehen, nach dem Ersten wird es nicht mehr so schlimm. Im Laufe der Zeit gewöhnst du dich daran.“ Worte, die Sally nicht glauben konnte. Sie nahm aber an, schlimmer als die Schändung durch ihre Entführer in der letzten Nacht konnte es nicht werden.

„Wir müssen nun gehen“, sagte Lani, als sie Osbert und den Freier im Flur näher kommen hörte. Schnell schlüpfte sie mit Sabrin nach draußen und verschwand mit ihr in der Küche, wo Edwina bereits auf sie wartete.

„Hier entlang“, hörte Sally nun direkt vor ihrer Tür Osbert zu ihrem Entjungferer sagen. Er riss die Tür auf, damit der Kerl eintreten konnte.

„Da ist es, unser unbeflecktes Täubchen“, stellte er das Mädchen dem Freier vor. Dabei grinste er fies in Sallys Richtung, die sich in die hinterste Ecke der Kammer verzogen hatte. Hastig schaute sie sich um. Sie wollte fliehen, nur weg von hier, weg von Aelfric und dem ersten Freier, der ihr gleich solch schändliche Dinge antun wollte wie ihre Entführer.

Osbert machte endlich die Tür gänzlich frei. Hinter ihm trat ein riesiger, grobschlächtiger Mann ein, dessen Anblick Sally noch mehr in Angst und Schrecken versetzte.

„Raus hier, aber dalli“, fuhr der Freier den Knecht an. Osbert machte sogleich auf dem Absatz kehrt und floh nach draußen. „Armes Mädchen“, murmelte er dabei so leise, dass es kaum zu verstehen war. „Gerade an diesen Blake musste sie beim ersten Mal geraten.“ Sally hörte es, verstand aber nicht den Sinn der Worte. Doch sich darüber Gedanken zu machen, dazu fehlte ihr die Zeit.

Als sich die Tür hinter Osbert geschlossen hatte, näherte sich Blake der jungen Frau. Sally zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub. Sie fühlte sich, als hätte sie hohes Fieber. Die Beine schienen ihr zu versagen. Schützend verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust und drückte sich noch tiefer in die äußerste Ecke. „Bleib bloß weg von mir“, presste sie gequält hervor. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie ihrem Peiniger entgegen. 


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